Vom Hochseilartisten zum Altstadt-Pionier: Das wilde Leben des Toni Gronen
Toni Gronen, Jahrgang 1947, ist eine Legende der Düsseldorfer Szene. Als Sohn einer Zirkusfamilie – seine Mutter kam aus der Artistendynastie Traber-Renz – verbrachte er einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend in Belgien, Frankreich und England. Vor einigen Wochen hat er im VierNull-Interview erzählt, wie er 1966 noch als Teenager DJ und Juniorchef im Le Pirate wurde, der ersten coolen Disco der Altstadt (hier nachzulesen). Nun folgt ein zweites Gespräch, in dem der 79-Jährige seine gesamte Gastro-Karriere und ein paar Jahrzehnte Düsseldorfer Ausgehgeschichte Revue passieren lässt.
Das Café de France an der Luegallee, in dem wir uns zu unserem ersten Gespräch getroffen haben, existiert ja inzwischen schon nicht mehr. Haben Sie bereits ein neues Stammcafé gefunden?
Gronen: In Oberkassel noch nicht. Aber ich gehe ja auch regelmäßig ins Bazzar Caffè im Wilhelm-Marx-Haus, da treffe ich viele Freunde und Bekannte von früher. Manche kenne ich sogar noch aus dem Schwarzen Peter. Das war ja schon in den Sechzigern Jahren ein wichtiger Treffpunkt – Bolker Straße, Ecke Mertensgasse. Das Lokal verlief über zwei Etagen. Unten haben wir mit den Jungs und den ganzen „Arbeitern“ der Altstadt gesessen und gequatscht. Mit „Arbeiter“ meine ich die Kellner, die Türsteher, das ganze Personal. Die Leute, die einen Laden am Laufen halten.
Wir führen das Interview heute in Ihrer Wohnung in Oberkassel, wo Sie schon seit 1985 leben. Sie sind 1947 geboren – in Düsseldorf?
Gronen: Nein, in Leer, Ostfriesland. Purer Zufall. Meine Eltern waren zu der Zeit immer unterwegs und dort auf Durchreise. Das war in unserer Familie normal. Mein Cousin zum Beispiel, der ist in Paris geboren, den haben wir in der Sacré-Cœur getauft. Meine Mutter war eine geborene Traber – aus der berühmten Artistenfamilie. Und meine Oma war eine geborene Bosley. Von der großen Bosley-Truppe gibt es heute noch Nachfahren. Das war eine richtige Dynastiee: Meine Oma hatte acht Kinder, meine Mutter war die älteste Tochter. Die Mutter von meinem Opa wiederum war eine geborene Renz.
Und Ihr Vater Franz Gronen?
Gronen: Dessen Familie hatte selbst einen Zirkus. Und der mütterliche Zweig seiner Familie heißt Lemoine, auch eine bekannte Schausteller-Familie. Und wo ich gerade von der erzähle: An der Schaubude meiner Cousine Klärchen Lemoine auf der Düsseldorfer Rheinkirmes, sind 1975 frühe, sehr wichtige Fotos von Katharina Sieverding entstanden, wo sie sich selbst als lebendes Ziel beim Messerwurf inszeniert – Arme ausgestreckt, die Messer um den Körper ins Holz geworfen. Heute ist sie ja mit die bedeutendste Fotokünstlerin Deutschlands, und ihre Lemoine-Connection stammt aus der Zeit, als sie bei uns im Le Pirate als Kellnerin arbeitete. Aber zurück zu meinem Vater: Der war Geschäftsführer der Traber-Renz-Truppe, hat die Plätze organisiert, die Wagen dirigiert. So sind die beiden zusammengekommen. Meine Mutter war Trapezarbeiterin. Mein Vater war der Mann, der den Laden am Laufen hielt. Wir sind durch halb Europa getingelt. Drei Jahre in Belgien, hauptsächlich Wallonie, drei Jahre in Frankreich, anderthalb Jahre England, Holland, überall. Ich war dann immer an der lokalen Schule, jede Woche woanders. Ich habe das mal gezählt, 470 Schulen waren das insgesamt im Laufe der Jahre – die könnten quasi ein Buch über meine Jugend schreiben.
Wie groß war die Traber-Renz-Truppe?
Gronen: Um die fünfzig Leute. Wir waren immer mitten in der Stadt engagiert – vor dem Rathaus, auf den großen Plätzen. Und in England waren wir meistens in den Hunderennen-Stadien. Wir waren tatsächlich die größte Sensations-Schau Europas, wie es auf unseren Programmheften stand. Die Form von Akrobatik und Show-Elementen hat in diesem Ausmaß sonst keiner geboten.
Sie selbst waren auch Artist?
Gronen: Ab dem siebten Lebensjahr stand ich auf dem Seil. Meine Nummer war das Übersteigen – ich hatte sie von meinem Onkel Hugo übernommen. Der hatte irgendwann, sagen wir mal, etwas zu viel Speck am Hintern. Ich war ehrgeizig wie verrückt, auch aus Eifersucht: Mein kleiner Cousin Stefan Bügler war zwei Jahre jünger und durfte schon da oben laufen. Das hat mich gekitzelt. Meine zwei Jahre ältere Schwester Carola war ebenfalls oben auf dem Seil. Wir haben da als Kinder absolut keine Angst gehabt. Die kommt erst später.
Gab es Sicherheitsmaßnahmen?
Gronen: Wir arbeiteten ohne Netz. Dadurch wurden wir ja weltbekannt. Wenn du ein Netz hast, schaut keiner hin. Mit Netz ist das eine Turnübung. Ein prägendes Kindheitserlebnis passierte in Cherbourg, Nordfrankreich, an der Küste, wo die Fähren nach England rübergehen. Wir haben dort in zwanzig Meter Höhe gearbeitet, abends. Ich war sieben oder acht, und die Thermik war brutal an dem Abend. Es war schon dunkel. Plötzlich kam am Himmel von Meer aus eine ein Art Feuerball auf uns zu – das hat mich abgelenkt. Mein Onkel rief nur: „Toni, mit der Kinderstange kommst du heute nicht rüber. Nimm die Männerstange!“
Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.
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