Das Verschwinden der Debbie Sassen
Es gibt Kriminalfälle, die sich tief in das kollektive Gedächtnis einer Stadt eingraben. Das Verschwinden der Debbie Sassen ist so ein Fall: Ein Kind verschwindet, spurlos. Anfangs sucht die Düsseldorfer Polizei mit großem Aufwand, befragt Zeugen, lässt Taucher in einem See suchen. Es gibt Fahndungsfotos. Alle Medien berichten groß, der Namen des Mädchens ist allenthalben präsent. Aber alles führt zu nichts – Debbie Sassen ist weg, und nur der oder die Täter wissen, was passiert ist. Für die Eltern ein nie endender Alptraum.
Es ist ein Tag im Februar 1996 im kleinbürgerlichen Stadtteil Wersten in Düsseldorf. Debbie geht wie immer zu Fuß zu Schule, denn die ist nicht weit weg. Mittags macht sie sich auch wieder auf den Heimweg. Doch sie kommt nie zu Hause an.
Bald fällt auf, dass sie nicht wie gewohnt zurückgekommen ist. Die Polizei wird eingeschaltet, und sie tut das, was sie in solchen Fällen immer tut. Sie sucht in einem großen Einsatz die Umgebung ab, durchkämmt die gesamte Nachbarschaft, fragt bei Mitschülern nach. Im Hintergrund wird die Familie durchleuchtet, man forscht nach Hinweisen auf mögliche innerfamiliäre Konflikte. Freundinnen und Freunde des Kindes werden unter die Lupe genommen. In solchen Fällen steht stets auch die Frage nach einem Gewaltverbrechen im Raum. Eine Antwort gibt es nicht, schließlich steht fest: Die Achtjährige ist verschwunden, es gibt keine Spur, aus der man womöglich eine Erklärung ziehen könnte.
Die Jahre gehen ins Land, dann die Jahrzehnte. Debbie wäre heute eine erwachsene Frau. Von ihrer Mutter wird berichtet, sie glaube nach wie vor daran, dass ihre Tochter noch lebt. Was soll sie sonst glauben? Die Hoffnung, vor allem diese, sie wird erst sterben, wenn sie erfährt, was passiert ist. Erfahrene Kripo-Leute schätzen in diesen Fällen die Lage ganz anders ein. Für sie ist es nahezu gewiss, dass Debbie längst tot ist. Dass lehrt die Erfahrung, belegt die Statistik: Entführungsopfer tauchen entweder bald wieder auf, zum Beispiel wenn es um Lösegeld geht. Gibt es aber keinerlei Forderungen dieser Art, steckt häufig ein Gewaltverbrechen dahinter.
Wenn es neue Hinweise gibt, ist der Fall wieder präsent, so wie vor einigen Wochen: Bei der Polizei gab es bislang nicht gekannte Aussagen. In unmittelbarer Nähe des früheren Wohnsitzes wurde die Bodenplatte eines Gartenhauses aus Beton aufgebrochen, eine Sickergrube entleert, nach Spuren gesucht. Es soll auch die Vernehmung eines womöglich Beteiligten gegeben haben. Doch danach – Funkstille, keine neuen Fakten. Jedenfalls keine nach außen kommunizierten.
Berührt hat uns die Aussage einer Frau, die damals merkwürdige Beobachtungen am Haus der Familie machte, aber von den Eltern gezwungen wurde zu schweigen. Jetzt, nach dem Tod der Mutter, hat sie ausgesagt – und war eine derjenigen, die die neuen Untersuchungen ausgelöst haben. In diesem Newsletter haben wir bei VierNull ihre Aussage wiedergegeben. Dass der Fall diese Frau bis heute nicht loslässt zeigt, wie tief er sich eingegraben hat bei denen, die nahe dran waren.
Den True-crime-Podcast zu dem Fall können Sie hier hören:
Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.
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