Haare färben? Campino sagt Ja
Vorab die persönliche Lage: Die ersten grauen Haare sprossen mit knapp unter 30. Das liegt in der Familie. Vater war komplett grau mit Anfang 40, weiß vor seinem 60. Geburtstag. Haarlos war er bis zu seinem Tod mit 87 nie.
Bei mir war der jugendliche Schopf lange schwarz, dicht und wild gelockt, fiel bis auf die Schulter. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, gegen die sich im Laufe der Zeit ändernde Farbgebung etwas zu unternehmen. Warum auch? Zudem ergraute ich zu Zeiten, in denen noch offen über einen Zusammenhang von grauen Schläfen und männlicher Attraktivität gesprochen werden durfte. Mir gefiel der Gedanke. Selbst ohne jede Ahnung von seinem Wahrheitsgehalt.
Als das Melierte sich in komplettes Grau verwandelte und schließlich da oben alles weiß wurde, war mir das ebenfalls egal. Nicht zuletzt, weil mein großes Vorbild Ernest Hemingway noch als Weißhaariger (plus Bart in selbiger Farbe) wirklich große Literatur schuf und nie altbacken wirkte. Im Gegenteil: Das protzte alles nur so von starker Sprache und Männlichkeit. Damals imponierte mir das. Heute würde man wohl das Adjektiv „toxisch“ davor platzieren. Ich lese ihn aber immer noch gerne.
Nur die sich neuerdings ausbreitende Lichtung ganz oben, beim Friseur im schräg über mir gehaltenen Spiegel sichtbar, finde ich unansehnlich. Sie sieht aus wie ein Flecken im schlecht gesäten Rasen, ist eine Störung der bisher wunderbar funktionierenden Haarmonie. Der Lauf der Dinge, ganz klar – aber einer, der mir nicht gefällt.
Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.
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