Drei Dinge, die man über das Gehirn lernen kann

In der neuen Folge unseres Podcasts „VierNull unterwegs“ interviewe ich Katharina Faust, die Leiterin der Neurochirurgie der Uniklinik Düsseldorf. Sie berichtet, dass man Depressionen operieren kann, Eingriffe am Gehirn häufiger bei vollem Bewusstsein erfolgen und die Technik ihrer Disziplin an Science-Fiction erinnert.
Von Anna-Lena Hauch (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 3. Juni 2026
Podcast Anni Hauch mit Katharina Faust, Uniklinik Düsseldorf
Anna-Lena Hauch und Katharina Faust haben sich für die Podcast-Aufnahme in der Uniklinik Düsseldorf getroffen.

Ich habe mich immer schon gefragt, wie jemand ruhig bleiben kann, der gerade am menschlichen Gehirn operiert. Auch deshalb habe ich für die neue Folge von „VierNull unterwegs“ Katharina Faust interviewt. Die heute 46-Jährige hat in Heidelberg sowie an mehreren Universitäten in den USA, Schottland und Argentinien studiert. In Berlin war sie Leitende Oberärztin an der Charité, seit November 2024 ist sie Klinikdirektorin der Neurochirurgie am Uniklinikum Düsseldorf.

Im Gespräch für den Podcast habe ich drei Dinge über das Gehirn gelernt:

Depression sind operabel
Besonders schwere Depressionen lassen für die Betroffenen kaum noch Lebensqualität zu. Bestimmte Neurotransmitter funktionieren in diesen Fällen nicht mehr richtig. Sie sind für die Kommunikation zwischen den Nervenzellen zuständig und steuern dadurch unsere Gefühle. Durch einen Eingriff am Gehirn versucht man, diese Prozesse mit elektronischen Reizen zu manipulieren. Bisher war man damit zwar noch nicht sehr erfolgreich, aber Katharina Faust ist optimistisch. Im Podcast erklärt sie, dass solche Versuche Zeit benötigen, um sich zu entwickeln. Das Ziel sei es aber, den perfekten Punkt zu finden, sodass die Patient:innen tatsächlich davon profitieren.

Wach-Operationen nehmen zu
Es gibt Eingriffe am Gehirn, bei denen die Patientin oder der Patient bei vollem Bewusstsein ist, während man zum Beispiel einen Tumor aus dem Gehirn entfernt. Damit dabei keine wichtigen Funktionen und Fähigkeiten wie die Sprache verloren gehen, testet man den/die Patient:in während der Operation und navigiert sich so durch die Hirnwindungen. Die Person unter dem Skalpell muss Bilder erkennen und benennen, Zusammenhänge her- oder Unterschiede feststellen. So kann Katharina Faust nach jeder Wachoperation das Gehirn wieder etwas besser verstehen und es quasi immer wieder neu kartieren.

Im Podcast erinnert sie sich an einen besonderen Fall: an einen Patienten mit einem gehörlosen Kind. Beim Entfernen des Tumors war es nicht nur wichtig, dass er anschließend weiterhin normal sprechen kann, sondern auch die Gebärdensprache weiter beherrscht. Katharina Faust hat deshalb ihr ohnehin schon großes OP-Team um jemanden erweitert, der die Gebärdensprache kann und während des Eingriffs immer wieder mit dem Patienten getestet hat.

Chips im Gehirn sind keine Science-Fiction
An der Neurochirurgie hat Katharina Faust besonders gereizt, dass man mit viel Technik arbeitet, sie schätzt die Verschmelzung von Medizin und Physik. Bei den so genannten Interfaces spielt das eine große Rolle. Dabei handelt es sich um kleine Chips, die im Gehirn eingesetzt werden, um bestimmte Funktionen wieder herzustellen und andere auszuschalten. So kann man zum Beispiel Menschen mit Parkinson helfen, sich wieder besser und vor allem kontrollierter zu bewegen.

Die Zukunft der Neurochirurgie hat also ein bisschen was von Science-Fiction. Katharina Faust betont zugleich, dass bei solchen Entwicklungen medizin-ethische Überlegungen eine Rolle spielen müssen. Immerhin könnten solche Innovationen in den falschen Händen auch missbraucht werden. Wichtig sei es eben, dass diejenigen daran arbeiten, die wissen, was sie tun, und die richtigen Absichten haben.

Und wie gelingt das mit der Ruhe während der OP? Es ist eine Kombination aus Ritualen und einem kontrollierten Umfeld. Katharina Faust geht beim Waschen den Eingriff Schritt für Schritt durch. Sie richtet die Patientin oder den Patienten aus und stellt das Mikroskop ein. Gibt es Komplikationen, zoomt sie wortwörtlich ein Stück heraus. Sie schaut sich die Situation mit etwas Distanz an, geht einen Schritt zurück. Die Neurochirurgin vergleicht das mit komplexen Formeln in der Physik, die meistens aus einfachen Formeln zusammengesetzt sind. Betrachtet man also nur das zusammengesetzte Ergebnis, weiß man nicht weiter. Besser geht es, wenn man die Formel zerlegt.

Rituale, ein kontrolliertes Umfeld, große Probleme in kleine Portionen aufteilen, einen Schritt zurückgehen – all diese Dinge kann man aus dem OP-Saal heraus in den Alltag einer jeden Person übertragen. Es sind eigentlich genau die Strategien, die den meisten Menschen in stressigen Situationen helfen.

Die neue Folge von „VierNull unterwegs“ können Sie hier hören:

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