Dagos Erbe(n)
Lunch im Café Knülle an der Oberbilker Allee. Mein bester Freund P.: griechischer Salat. Ich: Baguette „Heinz“ mit Thunfisch und Käse. Wir zahlen, und ich bin ein wenig in Eile. Nachdem wir uns bereits verabschiedet haben, hält er mich am Arm fest. „Warte!“ Er zeigt durch den Häuserblock hindurch, also Richtung Fürstenplatz. „Komm mal kurz mit, da ist etwas, das du sehen musst.“
Drei Minuten später stehen wir vor einem Gründerzeitbau, mit einem Erker, der sich über die gesamte Fassade zieht, und einem kleinen Balkon im dritten Stock. Etwa zwanzig Meter neben dem Rewe-Supermarkt, am südlichen Ende des Platzes, direkt an der Straßenbahnhaltestelle. Offizielle Adresse: Kirchfeldstraße 141. P. deutet mit dem Kinn nach unten, auf die gar nicht so kleine Bronzetafel, die zwischen zwei Rundbogenfenstern im Erdgeschoss hängt.
„Da ist sie“, sagt er. „Fällt mir immer wieder mal auf, seit mindestens zehn Jahren.“
Ich erkenne die Tafel. Einige Jahre habe ich in der Nähe gewohnt, nur zwei Straßen weiter, und gelegentlich ist auch mein Blick an ihr hängen geblieben.
In diesem Hause lebte der Journalist Dagobert Lubinski. Geboren 1893 als Sohn einer jüdischen Familie in Breslau. Er leistete Widerstand gegen den Nationalsozialismus, war sieben Jahre in Haft und wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Sein Schicksal verpflichtet uns zu Toleranz und zur Demokratie.
Seit 2001 erinnert die Bronzetafel des Bildhauers Karl-Heinz Klein an Dagobert Lubinski.
Die Bronzetafel ist quadratisch angelegt und von einem umlaufenden Rahmen aus stilisierten Sternen und Stacheldrahtmuster eingefasst. Oben links: ein Porträt Lubinskis – ein glatzköpfiger Mann mit Brille, in Anzug und Krawatte, den Kopf leicht gesenkt. In der Mitte befindet sich ein zweites kleines Relief mit einer schreibenden Hand, ein direkter Verweis auf Lubinskis Beruf. Am unteren Rand erkennt man die Urheber: 2001 hat der Verein Düsseldorfer Journalisten die Gedenktafel gestiftet.
„Ich weiß, was du jetzt denkst“, sagt mein bester Freund P., während er Fotos der Inschriften macht. „So was wie: Jeden Tag laufen hier hunderte Leute vorbei, und kaum einer weiß wirklich, wer dieser Dagobert Lubinski gewesen ist – und wie.“
Ich ziehe eine Braue hoch und nicke. Und weil ich P. genauso gut kenne wie er mich, weiß ich auch, was er vorschlagen möchte: „Und nun soll ich eine Kolumne über ihn schreiben?“
Zwei Wochen später. Ich habe mich eingelesen: Dagobert Lubinski kommt 1927 als Wirtschaftsredakteur der KPD-Zeitung „Freiheit“ nach Düsseldorf. 1929 fliegt er aus der Partei, weil er die „Sozialfaschismusthese“ nicht mitträgt, die der SPD eine Nähe zum Faschismus unterstellt. Er bleibt trotzdem Kommunist, nur eben einer, der kritische Gedanken äußert und für eine Kooperation von Kommunisten und Sozialdemokraten gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus eintritt.
In Düsseldorf gehört Lubinski zum „Weltbühne“-Lesekreis, benannt nach der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky. Ein loser Zusammenschluss von rund zweihundert Künstlern und Intellektuellen. SPD- und KPO-Leute, dazu einige Maler des Jungen Rheinland. Die führenden Köpfe, schreibt später einer der Teilnehmer, seien der Dichter Herbert Eulenberg, der Rechtsanwalt Friedrich Maase (später Mitgründer der Heinrich-Heine-Gesellschaft) und Dagobert Lubinski gewesen. Man trifft sich konspirativ in Privatwohnungen, sicherlich auch bei Lubinski am Fürstenplatz.
Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.
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