Als Düsseldorf eine Live-Jazz-Metropole war 

1962 an der Jülicher Straße in Pempelfort: Der junge Hotellehrling Udo Lindenberg gibt Albrecht Korff Schlagzeugunterricht. Jahrzehnte später organisiert Korff einen legendären Konzertabend im Ehrenhof – mit Größen wie Dizzy Gillespie und Klaus Doldinger. Ein Gespräch über die goldenen Jahre des Düsseldorfer Jazz.
Von Sebastian Brück (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 9. Februar 2026
Albrecht Korff vor der Jazz-Schmiede Himmelgeister Straße
Albrecht Korff vor der Jazzschmiede in Bilk, dem letzten größeren Liveclub des Genres in Düsseldorf.

Albrecht Korff (83) hört mit seinen Augen. Sagt er. Nicht nur, aber auch. Weil die Ohren nicht mehr mitspielen. Dabei hat er einen Großteil seines Lebens damit verbracht, Musik zu machen. Über 1500 Sessions und Konzerte, von Düsseldorf bis Polen, von Acapulco bis Mönchengladbach. Schlagzeug, immer Schlagzeug. Mittendrin große Namen: Udo Lindenberg, Dizzy Gillespie, Klaus Doldinger. Und Korff? War stets dabei. Hat organisiert, moderiert – und in jeder Hinsicht getrommelt. Alles neben seinem Hauptjob. Korff war nie der Star auf dem Plakat, sondern einer von denen, ohne die es die wilde Blütezeit nie gegeben hätte: die Sechziger bis Achtziger Jahre, als die NRW-Landeshauptstadt zur deutschen Metropole für Live-Jazz avancierte. Profis und Amateure. Und: Amateure, die zu Profis wurden. Ausgerechnet Düsseldorf. Manche sagen: New Orleans am Rhein. Übertrieben? Vielleicht. Aber auch nicht komplett falsch.

Die Kaffeebar Buch & Bohne im dritten Stock der Thalia-Buchhandlung an der Königsallee ist gut gefüllt an diesem Januarvormittag. Helle Holztische, moderne Stühle, Parkettboden. Durch die großen Fenster fällt der Blick auf die Schadowstraße. Albrecht Korff sitzt an einem Tisch in der Mitte des Raums, nahe den Rolltreppen. Vor ihm: ein Glas Wasser. „Wenn ich in der City bin, komme ich gerne hierher“, sagt er. Mit der Straßenbahn, aus Meerbusch-Osterrath.

Korff trägt eine schwarze, stilvolle Jacke und eine dunkle Hornbrille. Was auffällt: die vollen, etwas längeren grauen Haare. Und die ruhige Art, mit der er erzählt: 1943 in Frankenthal in der Pfalz geboren, mit fünf Jahren nach Düsseldorf gekommen. Aufgewachsen in Pempelfort, Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Feldmühle AG, dem Papierkonzern.  Ein bürgerlicher Werdegang. Scheinbar.

Doch Korff will mehr. Möchte Musik machen. Jazz. Punkt. „Eine Bürokarriere allein hätte mich nicht erfüllt. Das wusste ich intuitiv.“ Louis Armstrong ist sein Idol, also fängt er mit 17 an, Trompete zu lernen. Sein HNO-Arzt bremst ihn aus: Der Druck beim Blasen sei schlecht für seine Ohren, er sei bereits schwerhörig. „Ich war besessen vom Jazz, also suchte ich einen anderen Einstieg.“ Die Gelegenheit ergibt sich an der Berufsschule. Dort fehlt den Steamboat Travellers ein Schlagzeuger. „Man gab sich als Band damals gerne so bekloppte Namen, mit Bezug auf New Orleans.“ Korff macht mit, kauft sich ein kleines Drum-Set. „Ich habe ganz dilettantisch angefangen, mit Billig-Equipment.“

So taucht er in eine Szene ein, die bereits brodelt: Der „Hot Club Düsseldorf“, 1948 gegründet, hält sie am Kochen. 1955 organisiert der Verein das erste Deutsche Amateur-Jazz-Festival in der Stadt. Dazu Riverboat-Shuffles – Minikreuzfahrten mit Jazz, eröffnet durch ein Platzkonzert am Landungssteg. Klar, der Mississippi wäre authentischer gewesen. Aber der Rhein ist da. Und Jazz ist Jazz. Überall.

„Anfangs durfte ich als Jugendlicher noch nicht mit an Bord“, erinnert sich Korff. „Aber ich stand draußen und habe zugehört. Das hat mich kribbelig gemacht.“

Ein paar Jahre zuvor spielt der junge Günter Grass im Csikós an der Andreasstraße Abend für Abend Waschbrett in einem Dixieland-Trio. 1953 zieht er nach Berlin, wird Schriftsteller – und schreibt das Lokal schließlich als „Zwiebelkeller“ in Die Blechtrommel ein. Die schönste Grass-Anekdote aus dieser Zeit geht so: Einmal sitzt Louis Armstrong im Publikum, gerade auf Deutschlandtour. Hört der Combo zu. Lässt sich seine Trompete per Taxi aus dem Hotel bringen. Musiziert mit. Ein späterer Literaturnobelpreisträger und der berühmteste Trompeter der Welt jammen in einer ungarischen Schänke in der Düsseldorfer Altstadt. Kann man sich nicht ausdenken. Höchstens ein bisschen ausschmücken.

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