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Dreharbeiten "Schonzeit für Füchse" Fürstenplatz Düsseldorf
1965: Dreharbeiten für Schonzeit für Füchse am Fürstenplatz. Rechts neben der Kamera: Peter Schamoni. Im Eckhaus am rechten Bildrand residiert heute Lina's Coffee. Foto: Schamoni Medien

Düsseldorfs vergessenste Literatur-Verfilmung

1964 erscheint "Das Gatter" von Günter Seuren, zwei Jahre später bringt Peter Schamoni den Roman ins Kino und gewinnt den Silbernen Bären der Berlinale. Die Handlung spielt zu großen Teilen in Düsseldorf. Eine Spurensuche, 56 Jahre nach der Premiere.

Veröffentlicht am 22. Dezember 2022

Mein Weg vom Altstadt-Snack zum Neuen Deutschen Film führt über das Lokal Rialto an der Kreuzung Mertensgasse/Kurze Straße/Andreasstraße. Als ich im Sommer Düsseldorfs „Pizza-Geschichte“ recherchierte (hier nachzulesen), stieß ich auf eine Restaurant-Rezension aus dem Jahr 1970. Dort war über das Publikum des aktuell szenelokalunverdächtigen Mini-Pizza-Hotspots Überraschendes zu lesen: „Maler, Architekten, Bildhauer – alle noch im Vorfeld des Ruhms – Fotografen aller Haarlängen, die Kom(m)ödchenleute, Journalisten und dazwischen Gustaf-Gründgens-Mimen. (…) In den Anfangsjahren, um 1950 herum, als die gastronomischen Gastarbeiter noch fast unbekannt waren, parlierte die Belegschaft schon rein italienisch. Düsseldorfer Blut kreiste da nur in den Adern der graugetigerten Katze, die später zu literarischem Ruhm in Günter Seurens Romas Das Gatter gelangte.“

Ich wurde neugierig und fand eine Spiegel-Rezension des 1964 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buches: „Kurz vor Eheschluß mit der mäßig geliebten Clara wagt des 32jährigen Autors 28jähriger Held einen Blick zurück in Trägheit. Er entsinnt sich unlustiger Freiersschritte und fährt noch einmal ins heimische `Kaff´ zur Jagd, bevor er sich freud-, doch widerstandslos ins Gatter bürgerlicher Domestizierung begibt. (…) Seurens Erstlingsroman von raffiniertem Zuschnitt sitzt Deutschlands müden jungen Männern so genau wie beste Maßkonfektion.“

Ein vergessener Düsseldorf-Roman? Sofort war ich hellwach, denn Düsseldorf-Romane gibt´s ja nicht allzu viele, zumindest kaum welche, die einem sofort einfallen. Fünf Minuten später bestellte ich das Buch bei einem Online-Antiquariat. So, und das ist die Vorgeschichte zum heutigen Film-Nachmittag in der Wohnung meines besten Freunds P.: Inzwischen habe ich Das Gatter gelesen, bin begeistert von der „Sprache“ des Autors, den genauen Beobachtungen, den pointierten Dialogen, und ich weiß nun auch, dass mit dem „Kaff“ aus der Spiegel-Rezension nicht Düsseldorf gemeint war, sondern der unweit der Landeshauptstadt gelegene Heimatort des Protagonisten, der nur „Er“ genannt wird. Sicher fließt hier die Biografie des aus Wickrath bei Mönchengladbach stammenden Günter Seuren ein, der wie „Er“ in jungen Jahren als freier Journalist arbeitete und in Düsseldorf lebte – in Friedrichstadt übrigens, aber dazu später mehr.

Für die „Film-Vorführung“ habe ich eine DVD mitgebracht, denn P. ist nicht nur (selbsterklärter) Cineast, er hat im Gegensatz zu mir seinen DVD-Player noch nicht verschrottet. Warum DVD? Weil Das Gatter für die Leinwand adaptiert worden ist – vom Regisseur Peter Schamoni, der mit Schonzeit für Füchse, so der geänderte Titel, 1966 sein Langfilmdebüt lieferte, ausgezeichnet mit drei Bundesfilmpreisen und dem Silbernen Bären der Berlinale. Anders als der Stream, den es ebenfalls gibt, kommt die DVD mit ausführlichem Booklet und Extra-Material zu den Dreharbeiten daher.

Wir sitzen also bei P. auf dem Sofa. Bier, Chips, gute Stimmung. Wie eng hält sich der „Düsseldorf-Film“ an den „Düsseldorf-Roman“? Welche Düsseldorf-Schauplätze kommen vor? Sind tatsächlich Szenen im Original-Rialto gedreht worden? Wenn ja: Spielt auch die Rialto-Katze mit? Und wie muss man sich „müde junge Männer“ Mitte der 1960er vorstellen? Die kommenden anderthalb Stunden werden es zeigen.

P. schiebt die DVD ein, drückt auf Play: Der Film ist schwarz-weiß gedreht, und nach einer kurzen Eingangssequenz mit einem Wild- und Geflügel-Stand – ist das der Carlsplatz? – erkennen wir ohne Zweifel den Ort der „richtigen“ Anfangsszene: Die Ecke Fürstenplatz/Fürstenwall, dort wo heute Haarpune und Lina´s Coffee residieren, mit Blick auf die Kirche St. Antonius – kurioserweise nur drei Fußminuten und zwei Ecken von P.s Wohnung entfernt. Die Kamera fährt über eine Gruppe von singenden Kindern mit Martinszug-Ausstattung. Ich geh mit meiner Laterne. Rabimmel Rabammel Rabumm. Sie stehen vor dem Industriebrunnen am Fürstenplatz mit seinen lendenbeschurzten Arbeiter-Statuen. Es dämmert, der heilige St. Martin kommt auf seinem Pferd vorbeigeritten, und dann setzt sich die Menge trompetenbegleitet in Bewegung. Eltern und Kinder. Lasst uns froh und munter sein. Lustig lustig tralalalala. Eine langsam durch die Straßen kriechende Lampion-Welle. Im Hintergrund erscheint die Fassade des Dreischeibenhauses, das – wie eine kurze Smartphone-Recherche ergibt – 1960, fünf Jahre vor den Dreharbeiten, fertiggestellt wurde.

Nach zweieinhalb Film-Minuten – der Martinszug ist zu Ende, die Kinder grippschen in den Geschäften der Innenstadt – spaziert der Hauptdarsteller ins Bild. Inmitten des Trubels etwas verloren wirkend sucht „Er“ (gespielt von Helmut Förnbacher) das lokale Büro der Columbia-Bavaria-Filmgesellschaft auf. Ein Original-Drehort, Graf-Adolf-Straße 20, die Adresse ist heute unter anderem Standort der Nachtresidenz. Wir erleben, wie „Er“ zum ersten Mal auf Clara (Andrea Jonasson) trifft, der für die Presse zuständigen Sekretärin, um für seine Kritik des aktuellen Films von Jean-Luc Godard, Eine verheiratete Frau, passende Fotos auszusuchen. Es bahnt sich ein Flirt an.

Er: „Haben Sie Lust, heute Abend mit in die Altstadt zu kommen?“

Clara: „Heute Abend geht es nicht, ich bin schon verabredet.“

Schnitt.

Irgendwann hat es wohl doch geklappt, denn schon sehen wir, wie Clara, die in spießigem Ambiente mit ihrer kriegsverwitweten Mutter (Edda Seippel) zusammenwohnt, „ihn“ nach einem Theaterbesuch zum ersten Mal zu Hause vorstellt. „Er“ erzählt, dass er einmal im Jahr im November – also bald wieder – zurück in sein „Kaff“ fährt, um gemeinsam mit einem Jugendfreund an einer Treibjagd teilzunehmen. 

Mutter: „Schießen Sie auch?“

Er: „Nein, ich war immer nur Treiber.“

Der Film blendet, noch während der Wohnzimmer-Dialog zu hören ist, um aufs Land, in die Vergangenheit, mitten in eine der erwähnten Treibjagden. Eine Schlüsselszene: „Er“ hebt einen abgeschossenen Goldfasan auf. Das Tier zappelt noch, und dann kommt einer der Jäger aus der Generation, die das Dritte Reich im Schützengraben erlebt hat, und erklärt „ihm“, der in dieser Zeit geboren wurde, in aller Selbstverständlichkeit, wie man das verwundete Tier mit seinen eigenen Waffen schlägt: „Nicht den Hals umdrehen junger Mann, das ist schlechter Stil.“ Stattdessen wird in soldatischer Präzision, gleichwohl charmant plaudernd am noch lebenden „Flug-Objekt“ demonstriert, wie man mit einer ausgerissenen Feder durch den Schnabel das Gehirn durchbohrt.

P. drückt auf den Pause-Knopf, tippt mich an. „Ob man da wohl eine Triggerwarnung braucht? Ich meine: Da wird ja eine echte Jagd gezeigt, und das Tier ist auch echt und …“

„Ach komm, wein jetzt nicht, du warst doch bei der Bundeswehr“, ärgere ich ihn. „Und wenn einem bei Pulp Fiction das Gehirn weggeballert wird, dann lachst du dich kaputt.“

P. greift in die Chipsschüssel – und wechselt das Thema: „Du wirst in deinem Text aber nicht den kompletten Film nacherzählen, oder?“

75 Minuten später: die finale Szene, Hauptbahnhof Düsseldorf, Gleis 18. Wir sehen, wie ein Zug einfährt und „Er“ seine aus dem Urlaub zurückkehrende Clara abholt.

Mein bester Freund P. regt sich auf: „Ej, die sind ein Paar, und dieser Gutentagsager begrüßt seine Liebste per Handschlag, als seien sie Geschäftspartner?! Ist es das, was die im Spiegel mit den müden jungen Männern meinten? Unglaublich!“

„Nein, die meinten was anderes“, sage ich – und überlege. „Na ja, vielleicht meinten sie auch das – aber nicht nur. Jedenfalls haben sich die beiden ja auch noch gesiezt bis zum ersten Kuss, und als nicht-verheiratetes Paar bekommen sie im Film nicht mal ein Hotelzimmer, und vor mehreren Restaurants werden sie abgewiesen, weil er keine Krawatte trägt …“

„Mit der anderen, der Ex-Freundin, dieser Lore, hat der Typ viel mehr rumgeschäkert“, sagt P.

„Aber nicht öffentlich“, sage ich. „Und das passiert ja auch alles noch vor der sexuellen Revolution, total verklemmtes Ambiente.“

Monika Peitsch und Helmut Förnbacher Lichtburg Düsseldorf
Die Hauptdarsteller Monika Peitsch und Helmut Förnbacher vor dem Lichtburg-Kino an der Königsallee in Düsseldorf. Foto: Schamoni Medien

Es ergibt wohl Sinn, an dieser Stelle die Hauptpersonen vorzustellen: Neben „ihm“ und Clara sind da drei weitere Mitte/Ende-Zwanzig-Jährige zu nennen. Jene erwähnte Lore (Monika Peitsch), die Ex-Freundin des Protagonisten, die im Nachtleben und telefonisch immer wieder mal in dessen Leben platzt, ansonsten von einem älteren Mann zum anderen wandert, als Fotomodell arbeitet und in einer Werbeagentur. Außerdem Viktor (Christian Doermer), genannt Vik, der Jugendfreund aus dem „Kaff“, der als Sohn eines niederrheinischen Textilmagnaten früher oder später dessen Nachfolge antreten soll und mit dem „Er“ einmal im Jahr auf die Jagd geht – im „Gatter“, einem für die Flinten-Leidenschaft des Familien-Oberhaupts eingezäunten Privatwald. Außerdem Viks aktuelle Liebschaft, die blonde „Balletteuse“ Oda (Nina Stepun), die parallel in eine Affäre mit seinem Vater (Helmuth Hinzelmann) verstrickt zu sein scheint.

Sind die Jagdszenen Analogien zu den Infanteriekämpfen des Zweiten Weltkriegs? Spiegeln Buchvorlage und Film demnach die in der Adenauerzeit noch stark präsenten Nazi-Verflechtungen? Eins ist klar: Noch ist der 68er-Vulkan nicht ausgebrochen – aber im „Gatter“ der jungen Erwachsenen brodelt es. Vorerst trinken sie Gin Fizz und Whisky Sour und provozieren mit lässigen Sprüchen. Keiner scheint zufrieden, alle sind irgendwie ratlos, keiner will so werden wie die Eltern, alle müssen sich arrangieren. Junge Füchse im Unterholz der Erwartungen und Rituale, getrieben von einer „Jagd-Gesellschaft“, die ihnen noch eine letzte Schonzeit gewährt. Zur Film-Premiere 1966 schreibt die FAZ: „Sei es das Milieu der niederrheinisch-westfälischen Groß-Bourgeoisie oder des städtischen Kleinbürgertums – Peter Schamoni zeigt es mit sicherer Hand. Endlich wird im deutschen Film von unserer Gegenwart gesprochen.“

Mein bester Freund P. hebt den Zeigefinger: „Nicht, dass du mir allzu schlau daher schreibst? Wir sind schließlich weder Literatur- noch Filmkritiker, eher so kleine Möchtegern-Intellektuelle mit großem Hang zur Oberflächlichkeit.“

„Na gut, wenn du meinst“, sage ich, „dann würde ich jetzt gerne die passenden Oberflächlichkeiten deiner Wahl hören.“

„Kein Problem.“ P. lächelt sein P.-Lächeln, selbstgefällig-ironisch. „Also, das Besondere an dem Film ist doch, dass die jungen Leute, müde hin oder her, allesamt gut aussehen – und die alten, die sehen verbraucht, verknöchert und ewig gestrig aus, und das ist ja kein Zufall …“

Mein bester Freund P. blättert durch das DVD-Booklet, schaut sich die dort abgebildeten Fotos an. Und dann schwärmt er von Lore, für ihn „der heimliche Star des Films“, was keineswegs gegen Clara spreche. Überdies lobt er den „Er-Style“, nämlich Rollkragenpulli und Kapuzenjacke: Das sei doch viel cooler als das, was man sich vorstelle, wenn man an junge Leute aus den sechziger Jahren denke. Und dieser christiankrachtmäßige Vik, der könne ja sowieso alles tragen – von Trachtenjoppe und Jägerhütchen bis Designeranzug. Der Regisseur Peter Schamoni wiederum, der habe offenbar schon 1965 mit einer schwarzumrandeten „Hipsterbrille“ brilliert – zu einer Zeit, als es noch keine Hipster gab, wohingegen Jost Vacano, der Kameramann mit späterer Hollywood-Karriere, damals ausgesehen habe wie der junge James Dean.

„Moment mal“, unterbreche ich P. „Ein bisschen was Schlaues muss ich aber schon noch von der Recherche erzählen, damit die Leser Buch und Film einordnen können.“

P. schaut mich fragend an, und dann erkläre ich ihm, dass Günter Seuren, der auch das Drehbuch geschrieben hat, der „Kölner Schule des Neuen Realismus“ des Schriftstellers Dieter Wellershoff nahestand, bei der es darum ging, die Wirklichkeit zuzuspitzen und zu überzeichnen und so die „Routine“ zu zerstören. Peter Schamoni wiederum gehörte neben Kollegen wie Volker Schlöndorff und Alexander Kluge zu den Pionieren des Neuen Deutschen Films, die sich am 1962 ausgerufenen „Oberhausener Manifest“ orientierten, mit dem Ziel, einen „Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films“ zu erreichen.

„Insofern waren Seuren und Schamoni ein kongeniales Duo“, resümiere ich. „Hungrige Debütanten.“

Peter Schamoni und Günter Seuren
Hungrige Debütanten in Düsseldorf: Der 31-jährige Regisseur Peter Schamoni (links) verfilmte den Erstlingsroman des 33-jährigen Schriftstellers Günter Seuren. Foto: Schamoni Medien

„Na ja“, sagt P. und boxt mich in die Seite, „die meisten, die deinen Text lesen, wollen doch eh nur wissen, wo in Düsseldorf damals gedreht worden ist.“

Ich grinse. „Deswegen erwähne ich das auch erst am Schluss.“

„Und wie ist das jetzt mit Film und Roman, gibt es da große Unterschiede?“

„Die Dialoge im Film sind ähnlich, aber selten identisch zum Buch, in jedem Fall kürzer und sehr gut, aber es gibt Unterschiede in der erzählten Zeit.“

„Erzählte Zeit? Kann man das nicht auch weniger schlau ausdrücken?“

„Der Roman arbeitet mit dem inneren Monolog eines Ich-Erzählers und vielen Rückblenden, der Film verläuft insgesamt chronologischer“, doziere ich. „Wobei ich mich gar nicht erinnern kann, ob der Martinszug auch im Roman vorkommt.“

Fehlen noch die Drehorte aus dem Jahr 1965, denn abseits der Handlung ist Düsseldorfs vergessenste Literatur-Verfilmung sicher auch für lokale Hobby-Historiker interessant: Die mondäne Villa von Viks Familie („Haus Buchenhain“) steht (oder stand?) in Anrath bei Krefeld. Die Jagdszenen spielen in und um Schloss Hugenpoet in Essen-Kettwig, und als „Er“ und Vik dort durch den hügeligen Wald spazieren, sieht man im Hintergrund die halbfertige Mintarder Ruhrtalbrücke der A52, damals noch in der Bauphase (1963-1966). In der Pizzeria Rialto, wo Günter Seuren damals sicher oft essen war, wurde leider nicht gedreht, dafür hat das Team die Roman-Szene, in der „Er“ und Clara auf Lore treffen, einfach ins katzenfreie Nachbarlokal Schaukelstühlchen (Kurze Straße. 18) verlegt, das gab es ebenfalls schon damals, auch wenn es durch die bewusst überbelichteten Bilder des Films so hell wirkt, dass man es kaum wiedererkennt.

Dreharbeiten "Schonzeit für Füchse" Schaukelstühlchen Düsseldorf
Drehort Schaukelstühlchen: Die Schauspieler Helmut Förnbacher und Monika Peitsch. Im Hintergrund: Regisseur Schamoni (mit Brille) und Kameramann Vacano (halb verdeckt). Foto: Schamoni Medien.

Kurze Straße, kurze Wege: In einer weiteren Szene bestellen „Er“ und Clara schräg gegenüber im schicken Restaurant Bateau Ivre Schnecken (Kurze Straße 11, heute McLaughlin´s), und während Clara im Urlaub ist, haben „Er“ und Lore ein Date im Restaurant Zum Csikos (Andreassstraße 7-9, heute Los Chicos). Auch außerhalb der Altstadt war die Filmcrew aktiv: Im Hotel Graf Adolf Hospiz (Am Stresemannplatz 1, heute Mercure Hotel) macht „Er“ einen Telefonanruf. Zwischendurch besucht „Er“ die Redaktion der Düsseldorfer Nachrichten (Girardethaus, Kö 27-31). Und als „Er“ und Vik nach einem Stopp am Rhein unterhalb der Oberkasseler Brücke (damals noch eine hässliche Behelfsbrücke) in dessen Mercedes vor der Espresso-Bar an der Königstraße 3 halten (später, 1984-2019, Edel-Restaurant Victorian), um die dort wartende „Balletteuse“ einzusammeln, sieht man im Hintergrund die Baustelle des Kö-Centers (entstand 1965-1967). Weiter verläuft die Mercedes-Spritztour dann über den Martin-Luther-Platz, vorbei an Johanneskirche und Kaiser-Wilhelm-Denkmal, wo Clara zusteigt, über die Berliner Allee Richtung Schadowstraße/Jan-Wellem-Platz, und dabei blitzt für zwei Sekunden das Schaufenster des Schuhgeschäfts Böhmer auf. Über die Theodor-Heuss-Brücke steuern die vier später den Nordfriedhof an, um einen Spaziergang zu machen (im Buch spielt die gleiche Szene am „Südfriedhof, gleich neben dem Volksgarten“, also eigentlich am Stoffeler Friedhof). Ach ja, und am Schluss kauft „Er“ eine Flasche Whisky in der Eckkneipe Hüttenstraße/Ecke Gustav-Poensgen-Straße (Haus Nr. 110, ehemals Hotel Stettiner Hof, heute Restaurant Mythos).

Peter Schamoni Nordfriedhof Düsseldorf
Peter Schamoni bei Dreharbeiten auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof. Foto: Schamoni Medien

Fenster zum Hof, Bücher- und Zeitschriftenstapel auf dem Boden, Regalboards und angepinnte Kunst an den Wänden, winzige Küchenecke, Mini-Badezimmer, ein gleichsam als Sofa dienendes Bett, ein mit Papierstapeln übersäter Schreibtisch, darauf eine Schreibmaschine, in einer Ecke, auf dem Boden stehend, leere Flaschen, ein Kleiderschrank, auf dessen Abdeckplatte ein Koffer verstaut ist. So sieht 1965 eine kreativ-spartanisch-chaotische „Schriftsteller-Wohnung“ aus. Ihr Mieter: Günter Seuren. Es muss die Wohnung sein, wo er Das Gatter geschrieben hat. Für die „After-Film-Party“ begeben wir uns nach draußen, spazieren zu eben diesem Ort, wo alles begann: die Kirchfeldstraße 173, um die Ecke vom Fürstenplatz. Woher wir wissen, wie es dort aussah? Weil Schonzeit für Füchse wohl die einzige Literaturverfilmung aller Zeiten ist, in der die Wohnung des Autors von Romanvorlage und Drehbuch kurzerhand als Wohnung des Hauptdarstellers „gecastet“ wurde. Wir bleiben stehen, betrachten das Gebäude von der anderen Straßenseite aus, machen Fotos von der Fassade. Und mein bester Freund P. sagt: „Da oben, im 2. oder 3. Stock, wohnt jemand in einer ehemaligen Kulisse des Neuen Deutschen Films – und weiß nichts davon.“

Kirchfeldstraße 173 175 Düsseldorf
Die Film-Vergangenheit der Kirchfeldstraße: Eine Szene wurde 1965 vor der Haustür der Nr. 175 (links) gedreht, diverse Innenszenen in einer Wohnung der Nr. 173. Foto: Sebastian Brück

Weiterführende Infos

Das Buch

Günter Seuren: Das Gatter, erschienen 1964 bei Kiepenheuer & Witsch (online antiquarisch erhältlich ab ca. 5 Euro inkl. Versand). Neuauflage 1999 bei Rotbuch (mit Nachwort), 16,50 Euro

Wie oben bereits erwähnt, wohnte Seuren in der Kirchfeldstraße 173, und seine Junggesellenwohnung wurde für die Verfilmung seines dort geschriebenen Buches in die Wohnung des Protagonisten „Er“ umfunktioniert. Allerdings: Weil das linke Nebenhaus, ein Altbau, einen schöneren und prägnanteren Eingangsbereich hat, „schummelte“ Regisseur Schamoni bei einer Außenszene, als „Er“ das Haus verlässt, und nutzte den Eingangsbereich der 175 als „Kulisse“.

Marcel Reich-Reinicki lobte in Die Zeit die Fähigkeiten des in 1932 in Wickrath am Niederrhein geborenen und 2003 in München verstorbenen Günter Seuren, der unter anderem als Filmkritiker arbeitete: „Seuren überzeugt und beeindruckt nicht obwohl, sondern weil er die Mentalität und das Bewusstsein, den Zwiespalt und die Schwäche vieler Intellektueller seiner Generation in einer Sprache und mit einer Gestik zeigen kann, die die Sprache und die Gestik eben dieser deutschen Generation zu sein scheint.“

Der Film

Schonzeit für Füchse, gedreht 1965 in Düsseldorf und Umgebung, Kino-Premiere 1966, Silberner Bär der Berlinale, mehrere Bundesfilmpreise. Video on Demand im Leih-Stream ab 2,99 Euro (hier eine Übersicht). DVD mit ausführlichem Booklet und Extramaterial: ca. 18 Euro inkl. Versand. Der Regisseur Peter Schamoni (1934-2011) inszenierte den Film mit 31 Jahren als Langfilmdebüt (hier weitere Infos und ein Video mit Szenen den Dreharbeiten und aus einer Pressekonferenz des Regisseurs) und gilt damit als einer der Wegbereiter des Neuen Deutschen Films. In der Folge inszenierte und/oder produzierte er diverse Spielfilme, unter anderen den Kultfilm und Überraschungserfolg (1968) Zur Sache, Schätzchen mit Uschi Glas.


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