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Pizzerien Altstadt
Einer von zwei Mini-Pizza-Hotspots in der Altstadt: Lupo und Matteo am Bolker Stern. Foto: Andreas Endermann

Warum Düsseldorf Deutschlands Pizza-Hauptstadt ist

Unser Autor erinnert sich an seine Pizza-Spinaci-Kindheit und an Ausgehnächte, die morgens um fünf in „Knoblauch mit scharf“ gipfelten: Eine Hommage an Düsseldorfs „Pizza-Kultur“ – mit Überraschungsfinale in Form eines vergessenen Romans.

Veröffentlicht am 26. August 2022

Außenterrasse auf Kopfsteinpflaster. Ich sitze mit meinem besten Freund P. vor der Pizzeria Pinocchio in der Altstadt, mit Blick auf das benachbarte Kreuzherreneck. Flaneure und Partygänger streben zwischen den Tischen Richtung Rhein – oder zur Ratinger Straße. Mein Begleiter hat eine Pizza Salami bestellt, ich eine Pizza Spinaci. Mein Lieblingsessen, schon immer.

„Hier hat meine Pizza-Jugend, nein, meine Pizza-Kindheit begonnen, da war ich vier“, sage ich, als der Kellner das Essen gebracht hat. „Das war, als meine Eltern zurück nach Düsseldorf gezogen sind und dieses Lokal für sich entdeckt haben.“ Mein bester Freund P. zuckt die Achseln: „Na und? In Mönchengladbach gab es auch Pizza, als ich klein war.“

Meine Aufgabe an diesem Sommerabend wird sein, ihm zu erklären, was ich vorhabe: Einen Text schreiben, der Düsseldorfs besonderen Status als – ein kleiner Hype schadet nicht – deutsche „Pizza-Hauptstadt“ erklärt. Zugegeben: Vermutlich wird in Düsseldorf nicht mehr Pizza gegessen als in anderen deutschen Großstädten, allerdings – und das ist meine These – gibt es eine „Pizza-Kultur“, die nirgendwo sonst im Land zu finden ist. Anhand meiner persönlichen Pizza-Geschichte soll nun deutlich werden, was ich damit meine.

Zurück zur ersten Station also: Die Pizzeria Pinocchio an der Straße Alte Stadt Nr. 14, erste Stamm-Pizzeria meiner Eltern, sprich unserer Familie. Noch heute sieht das Innere des schmalen Lokals so aus wie damals in den Siebzigern. Vorne links Bar und Steinofen, nur ein Tisch direkt am Fenster, alle anderen weiter hinten. Gut möglich, dass über dem Fenster-Tisch bereits in meiner Kindheit die gerahmte Pinocchio-Zeichnung an der Wand hing. Meistens, so erzählt mein Vater, der letztens auch mal wieder hier war, saßen wir im schlauchförmigen Gastraum, dessen weiße Decken an eine Höhle erinnern, und einmal hätte ich das Innere des Lokals gar mit dem Magen eines Wals verglichen – wahrscheinlich, weil ja auch der „echte“ Pinocchio in seiner Geschichte von einem Wal verschluckt wird. Jedenfalls sei die Pizza noch heute so lecker wie damals: hauchdünn und knusprig, wenig Rand. Ich selbst erinnere das nicht mehr konkret, war ja noch Kindergartenkind. Sehr genau erinnere ich mich hingegen an unsere zweite Stamm-Pizzeria. Gegen Mitte der 1970er wechselten meine Eltern an die Wallstraße. Im Haus Nr. 23, abseits vom lauten Altstadt-Rummel hatten zwei Kellner der Pizzeria Pinocchio ihr eigenes Ristorante eröffnet: La Candeletta. Meine Eltern behaupteten die Candeletta-Pizza schmecke sogar noch besser als die Pinocchio-Pizza. Tatsächlich hängt beiden Lokalen bis heute der Ruf an, die beste Pizza der Stadt, zumindest der Altstadt anzubieten.

Pinocchio Düsseldorf
Die Pizzeria Pinocchio, Alte Stadt Nr. 14. Foto: Sebastian Brück

Logisch, dass mein bester Freund P. und ich nun auch noch die Pizzeria La Candeletta besuchen müssen. Ein paar Tage später treffen wir uns dort zum Mittagessen. Auch wenn ich inzwischen nur noch drei bis vier Mal im Jahr und nicht wie als Kind drei bis vier Mal im Monat hier bin, wird dieses Lokal wohl für immer jenes bleiben, in dem ich am häufigsten in meinem Leben gegessen habe. Zwischenzeitlich wechselten die Betreiber, optisch und kulinarisch verändert hat sich so gut wie nichts, und das Konzept ähnelt der Pizzeria Pinocchio: der eine Tisch am Fenster, der sich nach hinten öffnende schmale Gastraum, der einsehbare Steinofen neben der Bar, wo die Pizzen vor den Augen der Gäste belegt werden und dann direkt auf die bereitstehenden Teller wandern. In meiner Kindheit und Jugend waren meine Eltern, meine Schwester und ich oft gemeinsam mit befreundeten Familien hier, die ebenfalls Kinder hatten, und weil die seitlichen Tische nur für vier Personen konzipiert sind, saßen wir als Gruppe in der Mitte, an der langgezogenen Tischreihe, die vom Holzofen bis zur Küche am Raumende reicht, wo Pasta, Salate und Co. vorbereitet werden.

La Candeletta Düsseldorf
Alteingesessene Altstadt-Pizzeria: La Candeletta, Wallstraße 23. Foto: Sebastian Brück

An diesem Mittag sitze ich mit P. vis-à-vis zum Pizza-Ofen – und sofort spricht mich das Gemälde an, das die Pizza-Produktion „überwacht“: Na, auch wieder da? Lange nicht gesehen! Es zeigt einen alten, weißbärtigen Mann vor einer Pizza, die Hände ausbreitend, als blicke er auf ein Wunder, flankiert von einer wachsüberlaufenen Weinflasche mit Kerze – was perfekt zum Namen des Lokals passt: La Candeletta. Im gleichen Moment erinnere ich mich an die beiden schnauzbärtigen Pizza-Bäcker, die aussahen wie Brüder und abends bei vollem Haus in atemberaubendem Tempo die Pizzen belegten, mit Blechen hantierten, zwischendurch auch mal den flach gerollten Teig samt Mehlwolke in den Restaurant-Himmel sausen ließen und nebenbei noch Holz nachlegten – all das, ohne sich jemals in die Quere zu kommen. Ein eingespieltes Duo. Man könnte sagen: Diese beiden Mario Bros. der Pizza-Szene lieferten „Show-Cooking“, als der Begriff noch gar nicht erfunden war, und manchmal standen wir Kinder einfach nur staunend da, schauten ins Feuer und auf die frischen Zutaten von Champignons, Salami und Kochschinken über Spinat, Artischocken und Oliven bis hin zu Sardinen und Thunfisch, und inhalierten das zwischen „Holz-Ofen“, „Knoblauch“ und „Basilikum“ schwebende Aroma.

Neben dem erwähnten „Motto-Kunstwerk“ des Lokals versetzen mich auch einige andere Wandbilder sofort zurück in die Kindheit – besonders das mit dem alten Mann, der gemeinsam mit einem kleinen Kind ein Ruderboot vorantreibt: Als hätte ich gestern noch mit meinen Eltern und meiner Schwester darunter gesessen und – natürlich – Pizza Spinaci bestellt. Das mache ich auch heute, und als der Kellner unsere Wünsche notiert hat, will P. mehr über den geplanten Text wissen: „Ja, und was für einen Aufhänger willst du nehmen?“

„Der Arbeitstitel lautet Warum Düsseldorf Deutschlands Pizza-Hauptstadt ist“, sage ich.

„Hä?“, macht P. „Wie soll das denn funktionieren? Pizza-Hauptstadt, nur weil es die beiden Pizzerien deiner Jugend immer noch gibt und die immer noch gute Pizza anbieten?“

Ich beschließe, ihn noch ein wenig herauszufordern, gebe meine auf anekdotischer Evidenz beruhenden Pizza-Erfahrungen zum Besten: „Hinzu kommt ja auch noch, dass die Pizzen damals nur in Düsseldorf so dünn waren. Immer, wenn ich als Kind oder Jugendlicher mit meinen Eltern in anderen Städten oder im Urlaub Pizza gegessen habe, war ich enttäuscht, weil der Teig viel zu dick und zu weich und der Rand viel zu groß und die Pizza zu fettig war, nirgendwo sonst gab es diese perfekt dünne Pizza.“ Ich breite die Arme aus wie der Weißbärtige auf dem Gemälde gegenüber: „Knusprig-superdünne Düsseldorf-Pizza!“

Mein pizza-salami-affiner Freund hat längst verstanden, welches Spiel ich spiele, macht aber mit: „Mag sein, doch das reicht immer noch nicht, um Düsseldorf als Pizza-Hauptstadt auszurufen.“

„Und deswegen kommen wir jetzt zum zweiten Alleinstellungsmerkmal der altstädtischen Pizza-Kultur“, doziere ich. „In keinem deutschen Vergnügungsviertel gibt es so viele Lokale, die bis zum frühen Morgen frisch belegte, im Holzofen gebackene und preiswerte Mini-Pizzen anbieten – die Regel sind doch eher diese viereckigen, meist dicken Pizza-Scheiben, herausgeschnitten aus einem einzigen großen Blech, so wie auf der Kirmes, und manchmal nicht mal frisch, nur aufgewärmt.“ Ich breite erneut die Arme aus, bemüht, mein Argument zuzuspitzen: „Welcher Snack ist dir lieber: fettig-vierecke Kirmes-Pizza oder lecker-dünn-runde Mini-Pizza?“

Und dann, um die Mini-Pizza-Tradition der Stadt zu belegen, hole ich das Merian-Heft Düsseldorf 1974 aus meiner Tasche und zitiere einen Artikel über die Altstadt: „Pizza ist Volksnahrung. Man bekommt sie ebenso wie Reibekuchen fast an jeder Straßenecke zu Minipreisen.“

Während des Essens erzähle ich P., was ich anhand der spärlichen Quellen herausgefunden habe: Ihren Ursprung hat Düsseldorfs Mini-Pizza-Tradition offenbar Mitte der 1960er Jahre. So kann man in einem lokalen Online-Magazin nachlesen, damals habe an der Ecke Mertensgasse/Kurze Straße/Andreasstraße die erste Pizza-Bude der Stadt eröffnet. Und tatsächlich ist die Kreuzung bis heute einer der zwei Mini-Pizza-Hotspots. An dieser Stelle kann nun auch mein bester Freund P. Erinnerungen beisteuern: „Weißt du noch, wie wir in den Achtzigern und Neunzigern fast jedes Mal, wenn wir in der Altstadt ausgegangen sind, die Nacht mit einer Pizza auf die Hand beendet haben? Das müssen Hunderte gewesen sein.“

Ristorante Rialto Düsseldorf
Auch ein Mini-Pizza-Klassiker: Rialto an der Ecke Kurze Straße/Andreasstraße/Mertensgasse. Foto: Sebastian Brück

„Klar“, sage ich. „Morgens um viertel vor fünf Pizza Spinaci mit Knoblauch beziehungsweise Pizza Salami mit scharf.“

„Mal waren wir bei Rialto, mal bei Arleccino, und wenn es da zu voll war, auch mal gegenüber bei …“ P. stockt. „Wie heißt der Laden eigentlich?“

„Pizza-Bude“, sage ich grinsend. „Nein, quatsch.“ Und dann muss ich Google um Rat fragen – und sage: „Colopic.“

„Oder wir waren bei Lupo am Bolker Stern“, baut P. die Brücke zum zweiten Mini-Pizza-Hotspot der Altstadt. „Oder gegenüber bei ….“ Er schnippt mit dem Finger.

„Matteo“, sage ich.

„Letztens hat mir einer erzählt, es gebe sogar einen Pizza-Song der Düsseldorfer Band Der Plan“, sagt P., „und das Video sei vor den Pizzerien am Bolker Stern gedreht worden, 1984. Das solltest du unbedingt erwähnen!“

Als wir mit dem Essen fertig sind, erkläre ich P., wie ich meinen Text zu beenden gedenke: Zunächst die Entwicklung der Wallstraße hin zu einer „italienischen“ Straße mit stetig gewachsenen Außenterrassen beschreiben und dabei die Nachbarlokale von La Candeletta aufzählen: A Tavola (Wallstr. 11), Ponte Vecchio (Wallstr. 5-7) und San Leo (Wallstr. 31).

Dann auf die Stadteile eingehen, wo die Pizzerien mit der Zeit immer mehr und immer besser geworden sind. „Da fallen jedem Düsseldorfer persönliche Beispiele ein“, sage ich.

„Oh ja“, sagt P. „Pizzeria Romantica in Pempelfort oder Fratelli in Oberkassel.“

Ich erzähle ihm von der Pizzeria Ergo Bibamus an der Himmelgeister Straße (1974 bis 1986, heute Café Weise): „Der ältere Sohn der Betreiber ging mit mir zur Grundschule, mit dem jüngeren spielte ich Fußball bei Tusa 06, und einmal waren wir mit der ganzen Mannschaft dort essen.“ Meine zweite Bilker Pizza-Quelle eröffnete Ende der Achtziger: Dreihundert Meter von meiner elterlichen Wohnung entfernt, neben dem Mooren-Denkmal, gab mir der bis heute bestehende Pizza-Pavillon die nötige Energie fürs Abitur, und seitdem diente er Generationen von Studierenden als Mitnehm-Mensa. Nicht zu vergessen die Pizzeria Da Nando, damals Duisburger Straße, heute Rosenstraße, bei der ich mir regelmäßig eine Spinaci zum Mitnehmen bestellte, wenn ich meine um die Ecke wohnenden Großeltern besuchte.

„Was meinst du“, beginnt P. „wie viele Pizzen hast du im Laufe des Lebens in Düsseldorf gegessen?“

Ich rechne „konservativ“ mit drei Pizzen pro Monat, und komme allein vom vierten bis zum dreißigsten Lebensjahr – meiner „wildesten“ Pizza-Zeit – auf rund 1000.

Wir bestellen die Rechnung, und wieder blitzt eine Erinnerung auf: Wie mein Vater in der Pizzeria meiner Kindheit mit Eurocheque bezahlte, also quasi dem Papiervorgänger der späteren EC-Karte.

„Nimm das mit den 1000 Pizzen doch als Schlusswort oder rechne vorher noch die restlichen dazu, inklusive der heutigen“, sagt P. Dann verabschiedet er sich, muss zurück in die Agentur, und ich begleiche die Rechnung in bar.

Fehlt noch etwas?, denke ich, als ich zu Hause am Schreibtisch sitze. Muss ich auf den vor einigen Jahren im Rheinland gelandeten Trend zur neapolitanischen Pizza eingehen, wo das Resultat zwar in der Mitte dünn, aber anders als meine geliebte „Düsseldorf-Pizza“ etwas weicher ist, mit breitem Rand? Und was ist mit „Little Italy“ in Gerresheim? Wie ist die Pizza-Kultur in dem Stadtviertel, wo die meisten Italiener leben? Nein, das sind eigene Themen, beschließe ich. Das lasse ich nur nebenbei anklingen.

Und dann, kurz vor dem Schlusswort, erinnere ich mich an einen alten Gastro-Führer aus dem Jahr 1970, der bei mir im Regal steht, und in dem sich die Autoren ihren Lieblingslokalen widmen: „Düsseldorf wie es schreibt & isst“. Ob da vielleicht auch etwas über Pizzerien drinsteht? Ich durchblättere das Buch und stoße auf eine Restaurant-Kritik zum „Pizza-Paradies“ Rialto, jenes Lokal, das P. und mir nur als abendlich-nächtlicher Mini-Pizza-Dealer bekannt ist und in dem wir unsere Pizza stets auf die Schnelle und meistens draußen an Stehtischen verzehrt haben. Gemäß dem Motto „Wir sind doch keine Touristen“ wären wir niemals auf die Idee gekommen, uns bei Rialto oder Lupo drinnen hinzusetzen und eine normalgroße Pizza a la Carte zu bestellen. Jetzt erfahre ich durch Jürgen Retzlaff – dem Autor des alten Gastro-Textes und eigentlich Fotograf –, von der Pre-Mini-Pizza-Zeit des Rialto. Er beschreibt, für mich vollkommen überraschend, ein Szene-Publikum, das ich mit diesem Lokal nicht assoziiert hätte: „Maler, Architekten, Bildhauer – alle noch im Vorfeld des Ruhms – Fotografen aller Haarlängen, die Kom(m)ödchenleute, Journalisten und dazwischen Gustaf-Gründgens-Mimen.“

Ich bin fasziniert, umso mehr, als ich den folgenden Absatz lese: „In den Anfangsjahren, um 1950 herum, als die gastronomischen Gastarbeiter noch fast unbekannt waren, parlierte die Belegschaft schon rein italienisch. Düsseldorfer Blut kreiste da nur in den Adern der graugetigerten Katze, die später zu literarischem Ruhm in Günter Seurens Romas Das Gatter gelangte.“

Im Netz stoße ich auf eine SPIEGEL-Rezension des 1964 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen Buches: „Seurens Erstlingsroman von raffiniertem Zuschnitt sitzt Deutschlands müden jungen Männern so genau wie beste Maßkonfektion.“ Das muss ich lesen, denke ich. Weil das Rialto drin vorkommt, und weil es ein offenbar weitgehend vergessener „Düsseldorf-Roman“ ist. Zwei Minuten später habe ich mir online ein Exemplar antiquarisch bestellt – und finde einen Hinweis, der das Buch noch spannender macht: 1966 ist es unter dem Titel „Schonzeit für Füchse“ verfilmt worden, als Langfilmdebüt des Regisseurs Peter Schamoni, der danach mit Filmen wie „Zur Sache, Schätzen“ (mit Uschi Glas) zum Star des gesellschaftskritischen Neuen Deutschen Films avancierte. Klar, die Verfilmung von Seurens Düsseldorf-Roman, für die er auch das Drehbuch schrieb und mit dem Preis der Berlinale ausgezeichnet wurde, muss ich mir ebenfalls ansehen. Ob das Original-Rialto im Film auftaucht? Ob Buch und Film wohl Thema für einen weiteren Artikel sein könnten? Und noch viel wichtiger: Ob ich mit meinem besten Freund P. mal wieder auf Altstadt-Tour gehen und um viertel vor fünf Uhr morgens, nein, besser um kurz nach Mitternacht eine Mini-Pizza mit Knoblauch und scharf essen sollte?


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