Dabei, nur anders: Zurück in die Schule als Roboter
Charaf führt den Stift über das Tablet. In seiner Brille spiegelt sich das Bildschirmlicht. Leises Murmeln dringt aus dem Lautsprecher. Er ist nicht da, und irgendwie doch. Zwischen seinen Mitschülern sitzt nicht Charaf. Da sitzt ein Roboter.
Mit 16 ziehen andere hinter der Turnhalle heimlich an Vapes. Sie gehen auf Partys, haben Liebeskummer, erste Nebenjobs und feste Schulhof-Cliquen.
Charaf war vor drei Jahren das letzte Mal in der Schule. Nach einer Stammzell-Transplantation hat sich sein Immunsystem noch nicht erholt. Täglich muss er viele Medikamente nehmen. Außer seiner Familie sind keine Kontakte erlaubt. Die Gefahr vor Infektionen ist zu groß. Deshalb besucht nun der Roboter für ihn den Unterricht.
An diesem Vormittag sitzt Charaf aufrecht im Krankenbett des Universitätsklinikums. Seine Lippen sind blass, er trägt einen Jogginganzug. Kabel verlaufen über das weiße Laken, daneben eine Infusionsleitung. Zwei Tablets liegen auf dem Schoßtisch: Auf einem sieht er Englischaufgaben, auf dem anderen seine Lehrerin.
Charafs Stellvertreter ist 30 Zentimeter groß, kniehoch. Eine Büste mit drehbarem Kopf. Über Emojis auf dem Touchscreen kann Charaf die LED-Augen verändern: fröhlich, traurig, verwirrt. Er hat es ein-, zweimal ausprobiert, um zu zeigen, was der Roboter kann. Danach nicht mehr. Er will nicht auffallen, nur dabei sein. Den Stoff mitkriegen. Charaf war immer ein Einser-Schüler.
Der technische Fortschritt rast wie nie zuvor. Künstliche Intelligenzen lernen im Sekundentakt. Viele fürchten Kontrollverlust, fühlen sich überfordert. Die Zukunft wirkt anders als erträumt. Der kleine AV1 der norwegischen Firma „No Isolation“ setzt einen Kontrapunkt. Sein Design erinnert an die Space-Age-Ästhetik der 1960er-Jahre: glatt, gerundet, hochglänzend weiß. Eine Rückkehr in eine freundlichere Zukunft, in der Probleme einfacher lösbar schienen.
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