Glatze droht? Sorge dich nicht, klebe

Ein Düsseldorfer Unternehmen behauptet, das Haarsystem revolutioniert zu haben. Von schütter auf vollen, natürlich wirkenden Schopf – und das binnen zwei Stunden und ohne Operation. Da kann man selbst als langjähriger Glatzenträger beinahe schwach werden.
Von Frank Lorentz (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 27. Februar 2026
O.C. Hairsystems, v.l. Alesandro Causarano und Linus Deike

Foto: Andreas Endermann
Alesandro Causarano (links) und Linus Deike, zwei der Gründer von O.C. Hairsystems.

Die Haare fallen aus. Oh nein. Was tun? Option 1: den Verlust ertragen. Option 2: Kappe aufsetzen und kaschieren, dass die Kopfhaut zusehends besser belüftet wird. Option 3: Haartransplantation. Dafür entschied sich zum Beispiel Jürgen Klopp, der legendäre Fußballtrainer von Mainz, Dortmund und Liverpool: Seine Haare wurden schütter, und weil er ständig im Fernsehen zu sehen war, konnten alle dabei zuschauen. Doch plötzlich – paff – waren sie wieder voll da. Welcome back!

Option 4: Toupet. Oh je. Ein Toupet ist ein Haarteil, mit Clips im Eigenhaar befestigt, kaum zu stylen und aus hundert Metern Entfernung als künstlich zu erkennen. Vor dem Insbettgehen ist die Fake-Frisur unbedingt abzulegen. Option 5: ein Haarsystem, bestehend aus einer dünnen Folie oder einem Netz. In dieses Trägermaterial werden die Haare geknüpft. Ungefähr so, wie man einen Teppich knüpft.

Einer der Hersteller dieses Prinzips heißt O. C. Hairsystems, gegründet 2020 in Düsseldorf und mittlerweile nach eigenen Angaben mit zehn Filialen am Markt, acht in Deutschland, darunter Düsseldorf (im Medienhafen) und Köln. Hinzu kommen je eine in Zürich und Wien. Dank einer besonderen Klebetechnik und -formel wird bei O. C. das Haarsystem auf der Kopfhaut in einer Weise fixiert, dass es natürlich wirkt, und anschließend zur gewünschten Frisur geschnitten.

Die Firma beschäftigt 145 Menschen und behauptet von sich, das Haarsystem revolutioniert zu haben: Es lasse sich stylen und 24/7 tragen, halte Sport, Sauna und sogar heftiges Dranziehen aus. Alle zwei Wochen muss das Teil allerdings abgenommen, gereinigt und wieder aufgeklebt werden. Von Null beziehungsweise schütter auf volles Haar. Wie in der Jugend, als Haarausfall ein Alteleutewort war, mit dem man nie etwas zu tun haben würde. O. C. steht für „Original Confidence”, für das Selbstvertrauen, das ein voller, prachtvoller Original-Schopf verleiht. Mit das Beste: Das Comeback der Haare soll binnen zwei Stunden und ohne Operation vonstatten gehen. Sorge dich nicht, klebe!

Mein ehemals engelblondes Haupthaar zog sich vor drei Jahrzehnten zurück. Seitdem rasiere ich mir den Kopf einmal die Woche. Von allen Verlusten in meinem Leben schien mir der Haarverlust immer der geringste. Um den Alltag zu bewältigen, sind Haare verzichtbar. Sie verstopfen Duschabflüsse. Wer keine Plastikflaschen mit Shampoo kauft, erspart dem Planeten Mikroplastik. Darüber hinaus sparen Glatzköpfe Zeit beim Frischmachen. Adieu, Kamm-, Bürsten-, Fön-, Gel- und Haarspray-Industrie: Bei mir ist schon lange nichts mehr zu holen. Ein Glatzkopf ist die ressourcenschonendste Frisur der Welt.

Das dachte ich jedenfalls lange. Oder redete ich mir ein. Eines Tages siegt die Neugier. Mit einer Mütze auf dem Kopf und unserem Hund an der Leine, einem karamellfarbenen Großpudel mit seidenweichem Kuschelfell, betrete ich eine O. C.-Filiale, kurzentschlossen, ohne Termin. Im hinteren Bereich schiebt sich ein Vorhang zur Seite, und eine Mitarbeiterin kommt nach vorne. Ich nehme die Mütze ab und sage: „Guten Tag. Ich hätte gern Haare wie mein Hund. Geht das?” Die Frau, lächelnd: „Kein Problem.” Ich: „Und wenn ich lange blonde Haare wollte, wie ein Surfer?” Sie: „Geht auch.” Schnell ist ein Beratungstermin vereinbart. Zwei Tage später sitze ich hinter dem Vorhang auf einem Friseurstuhl. Das erste Mal seit sehr, sehr langer Zeit. Nur beraten. Nur gucken. Nichts anpassen. Fühlt sich nicht übel an.

Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.

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