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Mobilität muss weiblicher werden

Alle entscheidenden Verkehrsgremien in Düsseldorf werden von Männern bestimmt. Deshalb werden viele wichtige Aspekte dort nicht mitgedacht. Ich habe mit Politikerinnen gesprochen, um zu verstehen, was fehlt und was anders würde, wenn mehr Frauen bestimmen könnten.

Veröffentlicht am 14. Juni 2022
Rheinbahn HF6
Ein Bild, das zeigt, dass Mobilität in Düsseldorf männlich geprägt ist. Die neuen HF6-Züge der Rheinbahn präsentierten Andreas Hartnigk (Aufsichtsratsvorsitzender), Oberbürgermeister Stephan Keller. Rheinbahn-Chef Klaus Klar, Bürgermeister Josef Hinkel und Messe-Chef Wolfram Diener (von links). Foto: Andreas Endermann

Im Düsseldorfer Verkehrsausschuss sitzen 7 Frauen und 17 Männer, auch die Verkehrsvereine schicken ausschließlich Männer in das Gremium. Der Aufsichtsrat der Rheinbahn hat 3 weibliche und 13 männliche Mitglieder, der Aufsichtsrat von Connected Mobility Düsseldorf hat erst seit wenigen Tagen überhaupt eine Frau unter seinen acht Mitgliedern. In den Führungsetagen der Rheinbahn wurden selbst wenig ehrgeizige Ziele nicht erreicht. Im Geschäftsbericht 2021 heißt es: „Auf der ersten Ebene unterhalb des Vorstands wurde ein Frauenanteil von 25 Prozent erreicht. Auf der zweiten Ebene unterhalb des Vorstands beträgt der Frauenanteil 15,2 Prozent und liegt demnach leicht unter der gesetzten Zielgröße von 17,5 Prozent.“ Kurz: Die für die Mobilität in Düsseldorf entscheidenden Gremien sind stark männlich geprägt.

Es ist nicht einmal ein Vorwurf an die beteiligten Männer, dennoch muss man feststellen, dass sie viele wichtige Aspekte nicht mitdenken – Aspekte für die Hälfte der Düsseldorfer Bevölkerung. Den Männern fehlen die Erfahrungen und das Bewusstsein für die Sorgen und Wünsche der Verkehrsteilnehmerinnen. Deshalb hat das Mobilitätsangebot in dieser Stadt deutliche Defizite und Lösungen kommen nicht auf den Weg.

Mir ging es genauso, bis ich das Buch „Autokorrektur“ von Katja Diehl gelesen und verstanden habe, was ich alles nicht auf dem Schirm hatte. Deshalb habe ich die Verkehrspolitikerinnen Mirja Cordes (Grüne) und Sabrina Proschmann (SPD) angerufen, um zu lernen, wie weibliche Mobilität aussieht und welche Angebote in Düsseldorf fehlen.

Zwei Erkenntnisse waren dabei grundlegend:

  1. Frauen kombinieren stärker verschiedene Verkehrsmittel als Männer und sind weniger als diese mit dem Auto unterwegs. Ihre Wege sind im Durchschnitt kürzer als die der Männer. Frauen haben ein anderes Sicherheitsbedürfnis. Und da Frauen immer noch einen Großteil der Care-Arbeit leisten (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen), bestimmt diese Arbeit vielfach die Routen der Verkehrsteilnehmerinnen.
  2. Alle Lösungen, die wir besprochen haben, besitzen eine Gemeinsamkeit: Sie helfen nicht nur den Frauen, sondern machen die Mobilität in Düsseldorf für alle angenehmer.

Bus und Bahn

Mehr Sicherheit Frauen nehmen aus Angst andere und längere Wege in Kauf. Tür-zu-Tür-Mobilität spielt für sie eine große Rolle, das heißt, sie wünschen sich sichere Möglichkeiten, um von der Haltestellen nach Hause zu kommen. Dazu passende Lösungen:

  1. In anderen Städten gibt es Taxibusse. Das sind Neunsitzer, die abends auf wenig genutzten Routen den Bus ersetzen, der dort tagsüber unterwegs ist. Die Fahrten kosten so viel wie ein normales Ticket, für einen kleinen Aufpreis bringen die Fahrer:innen die Nutzer:innen bis zur Haustür.
  2. Ein Nachtfahrverbot für E-Scooter wäre für Frauen bitter, weil sie sich auf dem Weg von der Station nach Hause auf Rollern sicherer, weil schwieriger angreifbar fühlen. Vielmehr sollte es mehr Haltstellen geben, an denen man Mieträder oder -scooter nehmen kann.
  3. Zusätzliches Sicherheitspersonal an bestimmten Haltestellen und in Fahrzeugen bestimmter Linien

Andere Routen Das Bus-und-Bahn-Netz ist in Düsseldorf sternförmig aufgebaut. Es orientiert sich an Pendlern, die in die Stadt hinein und wieder hinausfahren. Die Wege derjenigen, die die Care-Arbeit übernehmen, führen aber eher im Kreis. Da die Rheinbahn das Busnetz neu aufstellen will und die Verkehrspolitiker:innen an einem neuen Stadtbahn-Netz arbeiten, sollten Tangenten dabei eine größere Rolle spielen. Und die Metro-Busse, die bei einigen entscheidenden Politiker:innen in Ungnade gefallen sind, sollten daraufhin überprüft werden, wie wichtig sie für Düsseldorferinnen sind, da ihre Strecken solchen Tangenten entsprechen.

Bessere Stationen Die Barrierefreiheit ist an vielen Haltestellen in Düsseldorf mangelhaft, wie ich in diesem Stationstest beschrieben habe. Sie sollte für alle mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl sowie sehbehinderte Menschen deutlich verbessert werden. Dazu gehören auch funktionierende Aufzüge an S-Bahnhöfen.

Fahrrad

Breitere Wege Männer werden mit größerem Abstand überholt als Frauen, das verschärft bei letzteren das Gefühl der Unsicherheit. Radwege müssen breiter werden. Viele niederländische Städte (zum Beispiel Utrecht) sind dafür gute Vorbilder. Bei ihnen sind die Radwege sogar so breit, dass dort Eltern neben ihren Kindern fahren können und Platz zum Überholen bleibt. Und dass auch Lastenräder problemlos überholt werden können. Ganz grundsätzlich braucht es mehr Radwege und -routen, um (mit Kindern) durchgehend auf eigenen Streifen fahren zu können.

Größere Inseln An den großen Straßen gibt es in Düsseldorf vielfach Ampeln mit einer Verkehrsinsel in der Mitte. Die sind knapp bemessen, Räder passen nicht in voller Länge darauf, für Eltern und Kinder mit Rad wird es eng und damit unsicher. Bei Umbauten sollten daher größere Inseln entstehen, an den Orten mit kleinen Inseln (zum Beispiel Graf-Adolf-Straße) sollte über die Verteilung des Raums neu nachgedacht werden.

Andere Adressen Die Radstation befindet sich in einer dunklen, nicht gut riechenden Ecke hinter dem Hauptbahnhof – kein Ort, an dem Frauen ihr Rad gerne abstellen oder holen. Radstationen müssen an gut beleuchteten und viel besuchten Plätzen stehen. Das würde für das geplante Radparkhaus am Bilker Bahnhof gelten. Dessen Bau verzögert sich allerdings wegen Lieferschwierigkeiten bei den Baumaterialien.

Fußgänger

Weniger Hindernisse Wildgeparkte und herumliegende E-Scooter sind an vielen Stellen ein Problem in Düsseldorf. In den Wohnquartieren ist dies besonders gravierend, wenn dort auf den Gehwegen nicht genügend Platz bleibt, um zum Beispiel mit dem Kinderwagen durchzukommen. Diese Hindernisse betreffen eben immer noch mehrheitlich Frauen. Ein ähnliches Problem verursachen Autos, die halb auf dem Bordstein geparkt werden dürfen.

Geringeres Tempo Die sichere letzte Meile spielt hier ähnlich wie im ÖPNV eine große Rolle. Diejenigen, die Kinder zur Kita und in die Schule bringen oder Angehörige im Krankenhaus und Seniorenheim besuchen, wünschen sich für das Umfeld geringe Höchstgeschwindigkeiten der Autos. Mehr Tempo 30 wird deshalb für Düsseldorf versucht (wie ich hier berichtet habe). Aber nach wie vor muss die Verwaltung mit viel Aufwand nachweisen, dass an einer Stelle Tempo 30 aus Sicherheitsgründen angezeigt ist, weil andernfalls mit guten Erfolgsaussichten dagegen geklagt werden könnte. Hier bräuchte es eine grundlegende Änderung der Vorgaben durch den Bundesgesetzgeber.

Neue Ideen In Düsseldorf könnte es bald mehr auto-arme Bereiche geben, wenn Bürger:innen temporäre Spielstraßen beantragen oder in Viertel „Nachbarschaftszonen“ entstehen, wie ich in dieser Geschichte erläutert habe. Solche Gebiete stärken das Sicherheitsbedürfnis, das Frauen stärker als Männer empfinden, aber das allen zugutekommt.

Sharing

Autos, Räder oder Roller zum Mieten sind stark auf einzeln fahrende Personen ausgerichtet. Frauen fahren in der Tendenz allerdings seltener allein. Ihnen fehlen Kindersitze, Kinderräder oder Platz für große Einkäufe. Die Angebote müssen vielfältiger werden. Die Mobilitätsstationen, die gerade in Düsseldorf entstehen, passen gut zu den Bedürfnissen der Verkehrsteilnehmerinnen, weil diese wie beschrieben oft verschiedene Verkehrsmittel kombinieren. Aber dort müssen dann auch die passenden Räder und Autos stehen.

Auto

CDU und Grüne haben jüngst ein Konzept in Auftrag gegeben, das die Parkplatzprobleme und die langen Suchen mindern soll. Die Grüko fordert mehr Quartiersgaragen sowie Abstellmöglichkeiten auf Parkplätzen, die nicht durchgehend genutzt werden, zum Beispiel neben Supermärkten oder Firmen. Der Ansatz erscheint lohnenswert. Eine Gruppe sollte in diesem Zusammenhang bedacht werden: Menschen, die aus Sicherheitsgründen oder weil sie kleine Kinder dabei haben, nicht die Strecken von den beschriebenen neuen Stellplätzen bis nach Hause laufen können. Für sie sollte man überlegen, spezielle Parkplätze in den Straßen einzurichten, zum Beispiel Familienparkplätze.


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