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Pablo Voss vor dem Düsseldorfer Rathaus. Links hinter ihm das Fenster, in dem er gerne die CO2-Uhr sehen würde. Foto: Andreas Endermann
Pablo Voss vor dem Düsseldorfer Rathaus. Links hinter ihm das Fenster, in dem er gerne die CO2-Uhr sehen würde. Foto: Andreas Endermann

Fünf Gründe für eine CO2-Uhr in Düsseldorf

Der Jugendrat hat beantragt, am Rathaus eine besondere Anzeige anzubringen. Auf ihr wäre dann zu lesen, wie viel Zeit noch bleibt, bis die Menschheit so viel CO2 verbraucht hat, dass die globale Erwärmung um 1,5 Grad steigen wird. Die Chancen stehen gut, dass die Idee Wirklichkeit wird.

Veröffentlicht am 19. Mai 2021

Pablo Voss ist 17 Jahre alt, Mitglied des Düsseldorfer Jugendrats und besitzt eine sehr freundliche Art, über Dringlichkeit zu sprechen. Er hat in seinem Gremium einen Antrag eingebracht, der dort die volle Zustimmung erhielt und der inzwischen im Umweltausschuss und in der städtischen Klima-Kommission behandelt wird. Der Vorschlag: Am Rathaus wird dort, wo bisher die Schuldenfreiheits-Uhr hing, eine CO2-Uhr angebracht. Diese läuft rückwärts und zeigt, wie viel Zeit noch bleibt, bis das CO2-Budget verbraucht ist und infolgedessen die globale Erwärmung um 1,5 Grad steigt. Wir erklären die Idee und stellen die wichtigsten Argumente vor.

Die CO2-Uhr ist wissenschaftlich begründet.

Die Anzeige basiert auf Daten des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Das IPCC hat zuletzt im Herbst 2018 seine Einschätzung aktualisiert, wie viel CO2-Budget noch bleibt. Anfang 2018 waren es noch knapp 420 Gigatonnen CO2  (ausgeschrieben: 420.000.000.000). Ausgehend von den Werten des Jahres 2017 verbraucht die Menschheit jährlich rund 42 Gigatonnen. Folglich waren es damals noch rund zehn Jahre bis zum beschriebenen Punkt, jetzt im Mai 2021 zeigt die Uhr noch sechs Jahre und sieben Monate an.

Der nächste Bericht des IPCC wird für 2022 erwartet, dann wird die Uhr angepasst. Ist mehr CO2 verbraucht worden als die angenommenen 42 Gigatonnen pro Jahr, bleibt weniger Zeit. Waren es weniger Gigatonnen, bleibt mehr Zeit.

Die Wissenschaftler betonen in diesem Zusammenhang, dass sich nach Verbrauch des CO2-Budgets die Erde dann nicht direkt um 1,5 Grad erwärmt haben wird. Die Folgen der Emissionen werden erst später sichtbar, gelten aber als unumkehrbar.

Düsseldorf würde damit seinen Anspruch untermauern, Klimahauptstadt werden zu wollen.

Neben der erwähnten Internetseite war die CO2-Uhr auch am Tempodrom in Berlin zu sehen. Außerdem läuft sie am Union Square in New York. Düsseldorf würde also mit seiner CO2-Anzeige Teil einer noch kurzen, aber prominent besetzten Reihe von Städten. Dies passt zu den Ansprüchen, die Stadtspitze und Ratsmehrheit formuliert haben. Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) hat das Ziel ausgegeben, Düsseldorf solle Klimahauptstadt werden. Die schwarz-grüne Kooperation hat im städtischen Haushalt 60 Millionen Euro pro Jahr für den Klimaschutz vorgesehen. Passend dazu wurden in den vergangenen Wochen zum Beispiel eine Solaroffensive und ein Förderprogramm für Lastenräder beschlossen.

Die CO2-Uhr macht das Problem bewusster.

In den politischen Debatten und den Berichten nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz spielen verschiedene Jahreszahlen eine Rolle: 2030, 2035, 2050. Das klingt, als bliebe noch reichlich Zeit, das eigene Verhalten zu ändern, um etwas für den Klimaschutz zu tun. Und als würde es reichen, bis 2030 die ersten Schritte zu machen und in den Folgejahren die nächsten. Sechs Jahre und sieben Monate klingt anders und macht auf einfache Weise klar, dass deutlich früher deutlich mehr getan werden muss. Sechs Jahre und sieben Monate steht im Mai 2021 auf der CO2-Uhr.

Pablo Voss kennt diese Wirkung aus einem eigenen Erlebnis. Bei der Vorbereitung einer Klima-Demo im September 2019 besprachen die Vertreter*innen von Fridays for future, die aktuell angezeigte Zeit der CO2-Uhr auf ein Banner zu schreiben. „Die Zahl hat mich nicht völlig erschlagen, aber mir deutlich gemacht, dass wir uns ranhalten müssen.“ Auch wenn seitdem nicht genug getan worden sei, sei er optimistisch, dass Deutschland seine Ziele erreichen kann.

Um das Problem möglichst vielen Düsseldorfern bewusst zu machen, wird auch darüber diskutiert, wo die CO2-Uhr angebracht wird. Am Rathaus kommen weniger Menschen vorbei als beispielsweise am Rheinufer. Dort gibt es auch eine Anzeige, die die vorbeikommenden Radfahrer zählt. Außerdem soll sie auf der Internetseite der Stadt veröffentlicht werden.

Es handelt sich nicht um Panikmache.

Die rückwärts-laufende Uhr hat in der Düsseldorfer Politik dennoch einige Gegner. Sie möchten auf einer Anzeige lieber das Datum zeigen, an dem das Budget aufgebraucht ist. Wir schauen uns deshalb die Uhr in der Praxis an:

Die Anzeige ist auf der Internetseite des Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) zu sehen. Die Uhr dort wirkt hektisch, weil sie auch die Zehntel- und Hundertstel-Sekunden anzeigt. Darauf könnte man in Düsseldorf verzichten und bei Sekunden oder Minuten anfangen. Spätestens dann ist sie frei von dem Gefühl, Panik zu machen. Denn darum geht es Pablo Voss und dem Jugendrat ausdrücklich nicht: „Mit Weltuntergangsstimmung kriegt man Aufmerksamkeit, aber keine Lösungen“, sagt Voss. Ziel sei es, die Menschen zum Handeln zu bringen. In Düsseldorf etwa sei eine echte Verkehrswende einer der wichtigsten Beiträge zum Klimaschutz. Damit sind zum Beispiel mehr Radwege, mehr Tempo beim Radwegebau und ein günstigerer ÖPNV gemeint.

Fazit: Nur ein Datum zu zeigen, wirkt ähnlich wie die erwähnten Jahreszahlen. Die rückwärtslaufende Uhr schafft das erforderliche Bewusstsein, das Menschen zum Handeln bringen kann, ohne dabei Panik auszulösen.

Die CO2-Uhr wird mit Düsseldorfer Aspekten ergänzt.

Der Antrag aus dem Jugendrat wurde im Umweltausschuss und in der Kleinen Kommission Klima behandelt. Die Stadtverwaltung hat nun den Auftrag zu ermitteln, welche Werte eine CO2-Uhr zeigen könnte. Gedacht ist dabei zum Beispiel an Ausgaben pro Radfahrer oder CO2-Einsparungen durch umgesetzte politische Beschlüsse. Der Gedanke dahinter: Die Uhr läuft bis zum nächsten Bericht des Weltklimarates gleichmäßig weiter, Anstrengungen vor Ort kann sie nicht berücksichtigen. Wenn man diese Anstrengungen mit Fakten veranschaulicht, ermutigt dies die Betrachter*innen der Uhr, selbst etwas zu tun und die Herausforderung so optimistisch anzugehen wie Pablo Voss.

Der Vorsitzende des Düsseldorfer Umweltausschusses, Peter Blumenrath (CDU), rechnet damit, „dass wir nach der Sommerpause hier weiterkommen und noch in diesem Jahr eine Umsetzung beschließen“. Das heißt voraussichtlich: Die Kleine Kommission Klima wird über die Vorschläge aus der Stadtverwaltung beraten, dann dem Stadtrat berichten und der darüber abstimmen.

Pablo Voss freut sich über die zusätzlichen Ideen und verfolgt die Entwicklung optimistisch. „Optimismus ist die Voraussetzung dafür, dass wir es versuchen. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Option.“

Informationen zum Jugendrat

Der Jugendrat vertritt die Interessen und Belange der Kinder und Jugendlichen in der Stadt. Er wurde am 27. November 2019 von Düsseldorfer Jugendlichen im Alter von elf bis 21 Jahren für die nächsten drei Jahre gewählt und setzt sich aus 31 Mitgliedern zusammen.

Quellen und weiterführende Links:

Der Antrag

Die Uhr

Der Bericht des Weltklimarates

Der Jugendrat


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