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Bleiben, wo andere bloß warten

An keiner Haltestelle der Stadt liegen so viele Bus- und Bahnsteige nebeneinander wie an der Vennhauser Allee. Wo unentwegt aus-, ein- und umgestiegen wird, bin ich einfach mal geblieben.

Veröffentlicht am 13. September 2022
Haltestelle Vennhauser Allee
Den Fahrgästen wird's egal sein: An der Haltestelle Vennhauser Allee ist jeden Tag Leistungsschau der Rheinbahn. Foto: Andreas Endermann

Die Haltestelle „Vennhauser Allee“ ist weder schön noch hässlich und wäre sie nicht so groß, man würde sie glatt übersehen. Acht parallel verlaufende Bus- und Bahnsteige verteilen sich über den Platz auf sieben langgestreckten Inseln. Das übertrifft keine Haltstelle der Rheinbahn. Die U75 wendet hier kurz hinter Eller City in einer Schleife und fährt zurück nach Neuss, die Straßenbahn 705 zurück zum Unterrather S-Bahnhof. Zehn Buslinien bringen die Fahrgäste zum Unterbacher See, nach Erkrath, nach Gerresheim, zum Hafen und fast bis zum Flughafen. Das ist eine Menge für eine Haltestelle, von der sich nicht behaupten lässt, sie liege zentral oder in der Nähe bedeutender Düsseldorfer Attraktionen. Die Busse haben tiefe Fahrrinnen in den Asphalt gedrückt. Hier läuft täglich eine Leistungsschau des öffentlichen Personennahverkehrs.

Wer hier wartet, der wartet nicht lang. Keine Linie fährt tagsüber seltener als zweimal pro Stunde. So sieht es dann auch aus, wie ein Ort, an dem niemand viel Zeit verbringen muss. Die Bahn- und Bussteige sind aus undefinierbar grauen Betonplatten, die wenigen Bäume so kümmerlich, dass ihre Kronen keine Schatten werfen. Hier liegt kaum Müll, hier liegen bloß wahnsinnig viele Kippen und überall plattgetretene und schwarzgewordene Kaugummis. Dafür ist Zeit. Doch wo unentwegt ein-, aus- und umgestiegen wird, bin ich einfach für einen halben Tag geblieben.

Die größte Attraktion ist noch ein Kiosk in der Mitte der Haltestelle, nur ein paar Meter weiter ist in einem identischen Gebäude eine öffentliche Toilette untergebracht, Hausnummer 1a. Jenseits der Gleise stehen die Pizzeria New York, die Nudeln, Pizza, Baguettes, Schnitzel, Chinesisch und Thailändisch anbietet, die Shisha-Lounge Agadir und der Vennhauser Grill, der Döner, türkische Pizza, Hamburger, Pommes und Schnitzel verkauft. Sogar die Imbisse weigern sich, aufzufallen, nur dass Pizzeria und Dönermann auch Coffee To Go anbieten. Rechts davon schließt sich der Laden „Fahrrad und Freizeit“. Ich sehe fast niemanden hineingehen.

Gegenüber des U-Bahn-Gleises ist eine Baustelle im Gange. „Urbanes Wohnen im Herzen von Eller“ steht auf einem Banner. Ein Bild zeigt, wie es mal werden soll, die Haltestelle, dahinter die schönen Wohnhäuser in Weiß. Eine Frau schiebt ihr Fahrrad und sieht durch ihre Sonnenbrille in die Sonne, aus ihrem Fahrradkorb blickt eine Wein- oder Sektflasche. Dahinter steht ein Mann, der ebenfalls mit Sonnenbrille in die Sonne blickt. 27 Wohnungen sollen hier entstehen.

Der frühe Morgen gehört den Schüler:innen. Noch um kurz nach acht fragt einer von ihnen den Kioskbesitzer: „Haben Sie blaues Wassereis?“ Hat er. Es ist so blau wie geschmolzener Schlumpf, schmal und lang, verpackt in durchsichtiges Plastik. Ich werde noch feststellen, dass Schulkinder hier nichts so häufig kaufen wie diesen gefrorenen Zuckersaft. Der Junge nimmt drei davon entgegen, gibt eines an ein Mädchen. Ein paar Meter weiter berichtet ein anderer Junge seinem Freund von einem Vorfall mit einem unverschämten Autofahrer. Er habe das Kennzeichen notiert. Zwischen den Beinen hat er das Oberrohr seines Mountainbikes. In einer Vierer-Gruppe wird der häufigste Name der Welt diskutiert. „Mohammed“, sagt einer. Ein anderer wirft Abdul ein. „Christina, ich hab keinen Bock mehr, ich bin so müde“, sagt eine Teenagerin zu ihrer Freundin. Zwei Jungs erörtern die Frage, ob die Waggons der U-Bahn klein sind, ein Mädchen fragt: „Seid ihr schwul?“ Als die Schüler:innen in ihre Schulen gefahren und gegangen sind, trifft eine Lehrerin mit ihrer Klasse ein. Sie überlegt laut, wie nun weiter, ihre Schüler:innen beraten. Sie entscheidet sich für den S-Bahnhof Gerresheim und von dort mit der S-Bahn weiter. „Stoooopp, wir nehmen die M1.“

Erst als die jungen Leute fort sind, fallen die älteren auf. Ein Taxifahrer parkt neben dem Kiosk, an dieser Insel halten keine Busse. Sein Hintern im Taxi, seine Füße auf dem Bordstein, in der linken Hand ein Smartphone, eine Zigarette in der rechten. Mit den Fingern dieser tippt er aufs Gerät. Ab und zu zieht er, bläst Rauch aus, voll konzentriert auf den Bildschirm. Ein Beinahe-Stillleben namens Fünfminutenpause. „Dann machen wir den Laden wieder kaputt“, ruft ein Busfahrer von der Kioskinsel seinem Kollegen zu, der schon hinterm Steuer sitzt und gleich Urlaub hat.

Der Busfahrer, der bleibt, öffnet seinen Arbeitskoffer und zeigt seiner Kollegin am Stehtisch seine Müllermilch-Vorräte. Beide genehmigen sich eine Flasche. Ein dritter Kollege kommt dazu. Die Frau, lockige Haare, Brille, dunkle Baumwolljacke, schwarze Hose, sagt: „Ich habe früher einen Penner als Freund gehabt. Der Oberbürgermeister von Garath haben wir den immer genannt. Der kam aus einem reichen Haus. Die Frau ist gegangen oder ist verstorben. Der sah aus wie ein Teufel, Bauch, roten Kopf. Dem fehlten die roten Hörnerchen. Ein total lieber Kerl. Wir haben dem immer drei Mark gegeben. Dann hat er sich eine Drei-Liter-Gallone Rotwein beim Aldi geholt.“

Es geht noch um E-Zigaretten. Die Frau sagt: „Da sind vielleicht noch mehr Schadstoffe drin wie bei Zigaretten. Und husten tust du immer noch.“ Der Mann, kurze Haare, an den Seiten wegrasiert, Krafttrainingsstatur, sagt: „Das ist von der Scheiß Milch.“ Er sagt, wegen der E-Zigaretten „brauche ich noch nicht mal Parfüm aufzulegen, da rieche ich immer gut, nach Coca-Cola.“ Er übernimmt die Linie 735 D-Bilk Südpark von einem Kollegen, ruft noch freundlich einem anderen Busfahrer zu: „Morgen, Erkan“.

Für mich sind solche Szenen eine Erklärung dafür, warum die Leute in Berufen bleiben, die sich doch ständig wiederholen. Also falls sie nicht doch viel abwechslungsreicher sind oder den Leuten Abwechslung egal ist. Sie verstehen sich einfach wahnsinnig gut mit ihren Kolleg:innen. Solche Gespräche sind dann wichtig. Gute Gefühle tanken.

Wenige Stunden ist mäßig viel los, bloß die Busse und Bahnen fahren in der immerselben Taktung. Ich höre Motoren und ich höre Metall, das über Metall rollt. Ich frage mich, ob nach dem Aussteigen weniger gerotzt wird in diesen Tagen, weil die Leute häufig noch Maske tragen. Das frage ich mich aber erst, als jemand rotzt, der vom Bus in die 705 umsteigt. Er muss nur kurz über den Bahnsteig laufen, bloß ein paar Meter, aber er spuckt einmal kräftig aus, die Maske hat er heruntergezogen. Vielleicht genau dafür. Busfahrer grüßen sich, und ich frage mich, ob sie das nicht am liebsten lassen würden, denn man muss ja jeden grüßen, sonst heißt es gleich: Der grüßt nicht mehr. Vielleicht ist das aber auch liebgewonnenes Ritual. Würde ich fragen, wäre die Antwort vermutlich enttäuschend.

Eine Frau trägt einen Keramik-Dino mit Laterne mit sich herum, das Preisschild klebt noch dran. Eine Rentnerin mit grauen Haaren versucht, auf ihrem Rollator sitzend zu entspannen. Als ich einen jungen Mann sehe, der angeblich faire Sneaker der französischen Marke Veja trägt, fällt mir auf, dass hier fast niemand auffällt, irgendwie alternativ aussieht oder reich oder wenigstens eine Chino-Hose trägt. Fährt denn hier niemand nach Flingern oder Oberkassel? Es sind komplett reguläre Leute hier.

Ab kurz vor halb zwölf weht ein bisschen Imbissbude herüber.

Eine alte Frau sagt zu ihrem Mann, beide sitzen auf einer der Metallbänke: „Hoffentlich fährt der Bus anständig an den Bordstein ran, damit ich da reinkomme. Letztes Mal war das ja furchtbar.“ Danach fragt sie ihn, ob sie sich die Augen operieren lassen solle. Der 722 kommt leicht schräg vom Bordstein weg zum Stehen, es kostet beide etwas Mühe einzusteigen.

„Beate, was machst du denn hier?“, ruft eine alte Frau einer nicht ganz so alten Frau zu. Sie tut dies mit einer Freude, als sehe sie nach 20 Jahren gerade ihre Schwester zum ersten Mal wieder. Die alte Frau erzählt von einer anstehenden Zugfahrt über fünf Stunden. „Nehme ich mir was zu lesen mit.“ Dann muss die andere weiter, die alte Frau sagt: „Hab ich mich gefreut hömma.“

Ab halb zwölf kehren allmählich die Schüler:innen zurück. Das bedeutet: Ganze Gruppen kaufen schlumpfblaues Eis. „Ey lass ma Lukas hauen gehen“, ruft ein Junge. Was aber offensichtlich nur heißt, Lukas „Hallo“ zu sagen. Ab halb eins wird‘s richtig voll an den Bussteigen. Einige Busse werden so voll, dass kaum alle reinpassen. Jugendliche tragen Jogginghosen und fast ausschließlich weiße Sneaker, Jungs und Mädchen.

Eine Teenagerin erzählt ihrer Freundin von einem Harry-Styles-Konzert, auf dem jemand für seine Freundin gesungen habe. Ich schaue das später nach. Styles hatte sein Konzert in Lissabon unterbrochen, weil ein Fan ein Schild hochgehalten hatte mit der Bitte, ihm dabei zu helfen, seiner Freundin einen Antrag zu machen. Der Mann kam also auf die Bühne, sang ein paar Zeilen von Elvis Presleys „Can‘t Help Falling In Love“ und machte seiner Freundin einen Antrag, die selbstverständlich Ja sagte. So schnell ist man von einem grauen Betonmeer in einer der schönste Städte der Welt mit einem der größten Popstars der Welt.

Auf einer anderen Bank sitzt gleich eine ganze Gruppe älterer Schülerinnen eng beieinander. „Die Zitronenleute sind ganz einfach Abschaum“, sagt eine von ihnen. Damit meint sie Leute, die Zitronentee trinken. Die große Frage lautet: Pfirsich oder Zitrone?

 „Nee Leute, ich habe gar keine Bewerbungen geschrieben.“

„Ich hatte noch nie Nasenbluten in meinem Leben.“

„Ich auch nicht.“

„Wer wohnt eigentlich von euch in ner Wohnung?“

„Bei meinem Vater ja, bei meiner Mutter nein.“

Die Themensprünge sind enorm, und wer hier zuhört, also lauscht, bekommt immer nur einen Ausschnitt mit. Das hier ist ein Ort des Transits, ein Zwischenhalt. Die wichtigen Dinge passieren anderswo.

Ab 14 Uhr sind die Erwachsenen wieder in der Mehrheit. Am Büdchen-Stehtisch wird die Weltlage besprochen. „Nur Politiker machen uns auseinander“, sagt ein Mann mit osteuropäischem Akzent, Bauch und beiger Weste.

Ich hätte gerne eine Ode an oder einen Abgesang auf die Haltestelle Vennhauser Allee geschrieben, doch für beides taugt der Ort nicht. Er ist pure Zweckmäßigkeit. Der Ort, an dem Deutschland, an dem Düsseldorf funktioniert. Busse halten an, Menschen steigen aus, Menschen steigen ein, Busse fahren weiter.

Doch als Metapher kann dieser Haltestellenknotenpunkt auch deprimierend sein.

Ein Ort der Routine und Wiederholung, Alltag statt Erlebnis. Und obwohl es so viele Möglichkeiten gibt, die Haltstelle zu verlassen, weiß jeder schon vorher, wohin er möchte. Niemand denkt: Ach, weißte was, ich fahr jetzt mal an den Unterbacher See. Wie im Leben auch haben die Menschen hier in der Theorie viele Optionen, sich aber doch schon festgelegt. Das hier ist nicht Netflix, wo es eine Ewigkeit braucht, sich für einen Film zu entscheiden.

Bevor auch ich die Vennhauser Allee verlasse, sehe ich eine Werbung für ästhetische Zahnmedizin an der Rückseite eines Busses. Eine junge Frau mit blonden Haaren präsentiert mit einem Grinsen ihre weißen Zähne. Dann steige ich in die U75, die mich schon hierhergebracht hat. Sie bringt mich ohne Umwege an den Ort zurück, von dem aus ich aufgebrochen bin.


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