WWE in Düsseldorf: Eine Show (fast) ohne Grauzonen
Im letzten Kampf wird es erstmals kompliziert. Zuvor war das Gute und das Böse so absolut, dass immer klar war, wo gejubelt, wo gebuht werden sollte. Doch nun stand da Gunther. Einerseits ein klassischer Bösewicht, irgendwo zwischen James-Bond-Gegenspieler und NS-Propaganda-Traum. Andererseits Österreicher und somit das Maximum, das ein Düsseldorfer Publikum von einer US-Show an Lokalkolorit erwarten konnte. Jubel mischt sich mit Buhen. Gunther ist für einen Abend die Grauzone und damit eine Ausnahme in der klar strukturierten Welt der WWE. Am Ende setzen sich die Patrioten durch: „Gunther“-Sprechchöre hallen durch den Dome, während in einem rund sechs mal sechs Meter großen Ring zwei Männer so tun, als prügelten sie aufeinander ein.
Vor rund 25 Jahren, ich stand gerade am Ende meiner Grundschulzeit, waren Wrestler aus den USA meine größten Helden. Mein Großvater nahm mir jeden Montag nachts auf VHS-Kassette die neue Show im Fernsehen auf, damit ich sie am nächsten Tag nach der Schule ansehen konnte. An den übrigen Tagen kämpfte ich das Gesehene mit meinen Freunden auf dem Nintendo 64 oder gleich auf dem Sofa nach. Unsere Helden hießen Goldberg, Undertaker oder Hulk Hogan. Die größte Organisation dahinter heißt heute anders als damals, doch die montäglichen Shows blieben. In dieser Woche fand WWE Raw erstmals seit 29 Jahren wieder in Deutschland statt – vor rund 11.500 Menschen in Düsseldorf.
Im Vorprogramm kämpfen diejenigen, die es noch nicht in die von rund zwei bis drei Millionen Menschen weltweit angesehene Live-Show auf Netflix geschafft haben. Eine Frau zwingt die andere unter „Auf die Fresse“-Rufen des Publikums zur Aufgabe, zwei durchtrainierte Bad Boys verlieren gegen einen Dicken und einen Kleinen. Natürlich nicht wirklich, alles ist vorher vereinbart. Die Akrobatik ist echt, die Schläge nicht. Wer sich durchsetzt, entscheidet das Drehbuch. Als die Übertragung beginnt, zeigt der Videowürfel erst das Düsseldorfer Rheinufer bei Nacht, dann die Schlangen, die sich rund eine Stunde zuvor vor der Halle gebildet hatten. Feuerwerk, Jubel. Die Show kann beginnen.
Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.
Unser Journalismus ist werbefrei und unabhängig, deshalb können wir ihn nicht kostenlos anbieten. Sichern Sie sich unbegrenzten Zugang mit unserem Start-Abo: die ersten sechs Monate für insgesamt 1 Euro. Danach kostet das Abo 10 Euro monatlich. Es ist jederzeit kündbar. Alternativ können Sie unsere Artikel auch einzeln kaufen.
Schon Mitglied, Freundin/Freund oder Förderin/Förderer?