Neue Biere für die Alt-Stadt

In jüngster Zeit sind in Düsseldorf gleich vier junge Firmen mit ihren eigenen Brau-Produkten gestartet. Ich habe die Biere getestet und ihre Macher:innen getroffen.

Von Christian Herrendorf
Veröffentlicht am 21. Januar 2022
Beer Kong
Carolin Heller und Janine Winkler haben "Beer Kong" gegründet und stehen für ihre Biere noch selbst am Topf. In Düsseldorf gibt es sie unter anderem im Ratinger Hof. Foto: Andreas Endermann

Düsseldorf hat einen großen Vorzug mit Nebenwirkung. Es gibt hier einen klar vorherrschenden Bierstil, der in höchster Klasse gebraut wird. Mittlerweile sind im Stadtgebiet acht Hausbrauereien beheimatet. Neben den großen Marken Füchschen, Kürzer, Schlüssel, Schumacher und Uerige zählen dazu auch Albrecht, ALTfred und Gulasch. Die Nebenwirkung: Während in anderen Städten schon seit einer ganzen Reihe von Jahren Craft-Biere entstehen, hat es in Düsseldorf lange keiner gewagt, mit etwas anderem als Alt an den Start zu gehen. Dann waren es plötzlich gleich vier Firmen auf einmal.

Dank der Mail eines Lesers habe ich gelernt, wie viele neue Biere aus Düsseldorf es inzwischen gibt. Ich habe mir von jedem Unternehmen jeweils eine Sorte gekauft und mit Freunden getestet. Bei den Online-Tastings, die wir während der Lockdowns mitgemacht haben, erlebten wir immer, dass ein, zwei Biere uns nicht schmeckten. Das war diesmal anders: Alle vier haben uns richtig gut gefallen. Sie waren süffig, vielfältig, intensiv, überraschend.

So unterschiedlich wie die Biere sind auch ihre Erfinder:innen. Und doch gibt es einige Gemeinsamkeiten: Alle Macher:innen haben noch einen anderen Job, der fürs Einkommen sorgt. Alle betreiben ihr Brau-Unternehmen aber absolut professionell, mit bemerkenswerter Energie, Idealismus und großer Freude an der Freude ihrer Kund:innen. Und das sind ihre Geschichten:

Beer Kong

Kong
Das American Brown Ale von „Beer Kong“

Für Carolin Heller und Janine Winkler ist der „Schmeckt-gar-nicht-wie-Urlaub“-Moment von großer Bedeutung. Sie meinen damit die Erfahrung, im Urlaub in einer kleinen lokalen Brauerei deren frisch gezapftes Bier zu trinken, zu Hause das Bier im Laden finden und beim Trinken zu Hause merken, dass es nicht so gut schmeckt wie damals.

Damit das mit ihren Bieren nicht passiert, sind die beiden Brauerinnen besonders streng damit: Sie schreiben ein Mindesthaltbarkeitsdatum auf die Flaschen, das weit weit vor dem Tag liegt, an dem das Bier umkippt. Für Carolin und Janine steht das Datum für eine Geschmacksgarantie. „Beer Kong“ gibt es auch nur in Düsseldorf. Die Macher:innen verkaufen es aus ihrem Lager an der Sternstraße und haben den Geschäften, die „Beer Kong“ führen, gesagt, dass sie es nicht verschicken dürfen, damit das Bier nicht unnötig geschüttelt wird. Und die beiden empfehlen dringend, die Flaschen kühl, dunkel und stehend zu lagern.

Angefangen haben die beiden zu Hause, aber schon mit gutem Anspruch. Ihre ersten Versuche machten sie bereits mit einer kleinen Brauanlage, probierten viel und wild drauf los, kauften eine noch bessere Heim-Anlage und hörten im Freundeskreis immer wieder einen Satz: „Wenn es das zu kaufen gäbe, würde ich es kaufen.“ Das dachten Carolin und Janine auch selbst und entschieden sich 2019, mit ihren Bieren tatsächlich auf den Markt zu gehen.

Inzwischen entsteht „Beer Kong“ bei „Brauart Sausenheim“ in der Pfalz, aber immer noch mit den beiden Düsseldorferinnen am Topf. Zwei oder drei Mal im Jahr stellen sie ihre drei Stammsorten her. Meist ist es ein langes Wochenende, meist entstehen 500 Liter, es waren auch schonmal 1000, aber lieber ist den beiden, öfter kleine frische Mengen zu machen. Von der Brauerei geht es für das Bier einmal nach Düsseldorf und dann wird das empfindliche Lebensmittel nur noch so wenig wie möglich bewegt.

Carolin und Janine haben nun zwei Leben. In dem einen arbeiten sie in einer IT-Firma beziehungsweise als Geschäftsführerin des Landesjugendrings, in dem anderen sind sie Brau-Unternehmerinnen – mit einem bier-pädagogischen Ansatz. Sie wollen ihren Kund:innen Alternativen vorstellen und neue Geschmäcke servieren. Sie nehmen in Deutschland weitgehend unbekannte Hopfensorten und pflegen besondere Stile. Im Kern gibt es bei „Beer Kong“ ein American Brown Ale, ein Pale Ale und ein IPA sowie aktuell ein Sour Ale. Solche Sonder-Sude und -Ergebnisse soll es jedes Jahr geben.

Den Satz mit „…würde ich das kaufen“ haben die beiden Brauerinnen inzwischen auch von einigen Gastronom:innen gehört. Auf der Beer-Kong-Homepage stehen zehn Kneipen, in denen es die Biere gibt, und sechs Geschäfte. Aus denen kommt auch immer mal wieder die Frage, ob man nicht mal eine Ausnahme beim Verschicken machen könnte. Die Antwort ist stets die gleiche: „Nö.“

Pitters Kellerbier

Pitter
Pitters Kellerbier

In diesem Fall gab es erst die Geschichte und dann das Bier. Ulf Beecken, Chef einer Düsseldorfer Kommunikationsagentur, war mit einem Freund aus Hamburg in hiesigen Kneipen unterwegs, die beiden hatten eine Menge Spaß, vor allem mit den Köbessen. Dadurch kam in den Gesprächen die Frage auf, warum es eigentlich keine Biermarke gibt, die den Köbes ehrt und in den Mittelpunkt stellt. Und so begann die Geschichte von Pitter.

Köbes Pitter stammt aus dem Rheinland, reist lange durch die Welt, fachsimpelt an vielen Orten mit den Braumeistern, kehrt nach Hause zurück und braut dank seines großen Wissens das beste Bier der Welt. Meint mindestens er. Mit der Story bat Erfinder Ulf einen Illustrator um ein Bild vom Pitter, er entwickelte Sprüche und Slogans und ließ 12.000 Bierdeckel drucken. Die Marke war marktreif – und brauchte „nur“ noch einen, der daraus ein Bier macht.

Ulf veröffentlichte eine Pressemitteilung mit dem Titel „Marke sucht Brauer“ und fand überraschend viele Zeitungen und Magazine, die das Thema aufgriffen. Es meldeten sich eine ganze Reihe Leute, auch ein gewisser Sebastian Sauer. Den konnte Ulf zunächst nicht einordnen, stellte dann beim Googlen aber fest, dass er Craft-Beer-Pionier ist, der in diversen Ecken der Welt mit Brauern gearbeitet hat. Und der auch noch aussieht wie der Bruder vom Pitter, eigentlich sogar wie der Zwillingsbruder.

Aus Karma wurde Kellerbier, eine Weltpremiere bei einem großen Event in Düsseldorf und dabei eines der schönsten Komplimente der Firmengeschichte: „Ich habe jetzt zwölf Kellerbiere getrunken und kein bisschen Pelz auf der Zunge.“ Lob wie dieses sprach sich rum, Gespräche mit Handelsketten, Getränkemärkten, Gastronom:innen und Hotels folgten.

Auch im Internet wuchs die Zahl der Fans sichtbar. Ulf verschickte Bierdeckel und bat seine Kund:innen, sie an allen möglichen Stellen in der Welt zu fotografieren. Und so kam der Pitter wieder in die Welt, in den Grand Canyon, die Sahara oder die Karibik. In der Altstadt-Kneipe „Retematäng“ gab es dann sogar die erste Insta-Bier-Ausstellung, in der die Fotos zugunsten des Gute-Nacht-Busses verkauft wurden.

Ein Problem musste Ulf noch lösen: die Logistik. Die ersten Ideen gefielen ihm und seinem Rücken alle nicht. Deshalb entschied er sich für einen großen Vertriebspartner aus der Region, der „Pitters Kellerbier“ nun in der Brauerei in Hagen abholt und überall hinbringt, wo es Fans hat. Neben Düsseldorf zum Beispiel nach Monheim, Duisburg oder Leverkusen. 

Damit war der Kopf wieder frei für neue Ideen rund um Pitter – und sobald Corona vorbei ist, wird die Welt sie sicher kennenlernen.

Privatbrauerei Olbermann

Olbermann
Das Alt von Olbermann

Wie weit Mirjam und Jan Olbermann mit ihrem Bier schon gekommen sind, merke ich, als wir einen Ort für unser Gespräch ausmachen. Wir treffen uns im Ausschank von Olbermann, Kurze Straße 2a, Lage 1a in der Altstadt. Die beiden hatten bei der Suche nach einem Lokal eher an Flingern, Pempelfort oder Bilk gedacht, aber als sie das Angebot für die Kurze Straße erhielten, konnten sie und ihr Geschäftspartner Michael Müller nicht Nein sagen.

Texas und der Thermomix spielen auf dem Weg zur eigenen Brauerei mit Ausschank wichtige Rollen. Im Küchengerät haben die beiden ihre ersten Versuche gemacht, dann eine 30-Liter-Anlage für zu Hause geholt und mit jedem Fortschritt und jedem Lob fester daran gedacht, eine Firma zu gründen. In Texas fiel dann die Entscheidung, als die Olbermanns in der Hauptstadt Austin die vielen kleinen Brauereien sahen und in Garagen mit Zapfanlagen und Bierbänken die extra-große Portion Craft-Beer-Gefühl bekamen. 2019 gründeten sie ihre GmbH, 2020 kamen die ersten beiden Biere heraus.

Dabei haben Mirjam und Jan ein Kunststück geschafft. In Läden oder Regalen mit vielen, vielen Craft-Beeren fallen ihre Biere immer sofort auf. Mirjams Tätowiererin Rafaela hat die Figuren für die verschiedenen Sorten gezeichnet, gleichermaßen altmodisch wie stylisch und auf ihrem beigen Untergrund schon ein Genuss, bevor die Flasche auf ist.

Rafaela ist regelmäßig im Etiketten-Einsatz und bleibt es auch, denn die Olbermanns entwickeln mit ihrem Brauer nicht nur viele Liter, sondern auch viele Stile. Beim Nachzählen kommen die beiden auf mindestens zehn, die es schon gab und zum Teil noch gibt, und erzählen gleich von den nächsten Sorten, die bald kommen sollen. Und die dann natürlich möglichst alle aus den Zapfhähnen im Ausschank an der Kurzen Straße kommen sollen: das Helle, der Hopfenstemmer, das Pale Ale, das IPA und das Alt. Die Jung-Unternehmer haben sich mit großem Respekt an das Düsseldorf Bier getraut und ein dunkelgoldenes, gut hopfiges Alt entwickelt.

Weil das Bier in den ersten beiden Jahren so gut angenommen wurde, war der Ausschank ein logischer Schritt, der nächste Eintrag in der Firmengeschichte wird es auch sein: die eigene Brauanlage. Noch entstehen die Biere in Oelde und Fulda, bald aber schon in Düsseldorf. Die Teile der 5,7-Hektoliter-Anlage sind schon in der Heimatstadt der beiden (sie aus Unterbilk, er aus Eller) angekommen. Im Moment suchen sie die passende Braustätte, an der sie die Teile dann zusammensetzen – voller Optimismus und Vorfreude zugleich.

Mit all dieser Arbeit könnte man schon locker 24 Stunden pro Tag füllen, am Ende des Gesprächs erstaunt Jan Olbermann aber noch einmal. Er erzählt von seinem regulären Job. Der Mann arbeitet Vollzeit in Köln und war bis letztes Jahr noch viel auf Dienstreisen. Er ist Rennmechaniker.

Eichhörnchen Bräu

Hörnchen
Das Golden Ale von Eichhörnchen Bräu

Wenn Benedikt Blaß zurückblickt, ergibt alles absolut Sinn. Das Häuschen nicht abgerissen zu haben. Den Spruch mit dem Teufel und dem Eichhörnchen wiederholt zu haben. Bei Hörnchen auch an Nüsse zu denken. Bei Nüssen auch an Likör zu denken. Und bei Tier im Logo auch an Klamotten gedacht zu haben. Und deshalb ist Eichhörnchen nach kaum mehr als zwei Jahren eine Marke mit vielen Facetten.

Das erwähnte Häuschen steht auf einem Grundstück in Oberbilk, das Benedikt und seine Frau Ende 2018 gekauft haben. Die beiden diskutierten über den Abriss, am Ende setzte sich die Frau für den Erhalt ein – auch mit dem Hinweis „Du kannst da ja dann brauen.“ Mit einem Kollegen aus der Agentur, Stephan Kühn, begann der Spaß im Bräu Stüberl. Dabei fiel der Spruch „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“ immer mal wieder und als der Spaß auch eine ernste Komponente, nämlich eine gemeinsame Firma, bekam, gab es schon einen Slogan und ein Tier fürs Logo. Es kamen Caps und Patches dazu, noch ein Spruch („Ein Hörnchen geht immer“) und auf Wunsch eines elektrolyte-begeisterten Freundes auch die Nussmischung.

Die Rezepte entstehen immer noch im Stüberl, anschließend verfeinern die Eichhörnchen-Macher sie mit den Braumeistern. Das Helle entsteht in Bamberg, das Hazy IPA in Neumünster und das Golden Ale bei der Düsseldorfer Brauerei Kürzer. Der güldene Stil ist relativ selten auf dem deutschen Markt und liegt geschmacklich zwischen Alt und Hellem. Die Lieferungen an die schon rund 100 Läden und Gastronomien, die Eichhörnchen führen, übernehmen die Unternehmer selbst und fahren nach Köln, Aachen, Dortmund oder Mönchengladbach.

Die Gründer betreiben ihr Geschäft sehr ernsthaft, aber auch mit dem Spaß der Anfangstage. Dass sie zum Beispiel ihr Labor in Oberbilk nach wie vor sehr mögen und pflegen, beschert den Fans der Marke etwas Besonderes. Die 30 bis 50 Liter aus den Homebrew-Serien füllen sie ab und schicken Kostproben an Menschen, die über die Internetseite bestellen. So kriegen sie zu neuen Ideen frisches Feedback und wissen, ob sich ein Rezept lohnen könnte und ob sie eine zweite Runde davon brauen sollten. Auf diesem sehr kommunikativen Weg sind auch die Ideen zum Likör namens Zaubernuss und für einen Nussriegel, den es bald geben soll, entstanden.

Und weil die Dinge bei Eichhörnchen Bräu angenehm oft Sinn ergeben, hat den Tester:innen auch die Idee für das nächste Bier gut gefallen. Voraussichtlich ab Februar gibt es dann ein Haselnuss-Milk-Stout.

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In diesem Häuschen in Oberbilk fing alles an. Dort entstanden die ersten Ideen für Eichhörnchen Bräu, hier entwickeln die Gründer immer noch die ersten Ideen für neue Rezepte, bevor diese dann professionell gebraut werden. Foto: Benedikt Blaß

Terminhinweise und weiterführende Links

Die Macherinnen von „Beer Kong“ verkaufen ihre Biere an jedem ersten und dritten Samstag im Monat von 12 bis 15 Uhr im Ratinger Hof.

Das Fachgeschäft „Holy Craft“ an der Friedrichstraße 79 hat für den 12. Februar ein Tasting mit Düsseldorfer Bieren geplant. Mehr dazu gibt es hier.

Die Internetseite von „Beer Kong“

Die Homepage von Pitters Kellerbier

Der Internetauftritt der Privatbrauerei Olbermann

Die Seite von Eichhörnchen Bräu


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