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Frauen entscheiden über die Zukunft der Jonges

Der Vorwurf von OB Stephan Keller, der Verein diskriminiere Frauen, ist überzogen, aber womöglich hilfreich für die Jonges. In Wahrheit bleibt dem Männerbündnis nichts anderes übrig, als sich zu öffnen. Sonst droht der Absturz ins folkloristische Mittelmaß.

Veröffentlicht am 24. Januar 2022
Rolly
Baas Wolfgang Rolshoven in seinem Büro im Jonges-Haus in der Altstadt. Foto: Wolfgang Harste

Der Streit zwischen dem Rathaus-Chef und den Jonges wurde zwar dieser Tage mit einer blumig formulierten gemeinsamen Erklärung für beendet erklärt, aber das ist er natürlich nicht. Seit der Kritik der Jonges am Sicherheitskonzept für die Altstadt, bei dem sie Keller hart angriffen und dem Rathaus ein Wegducken unterstellt haben, ist das Verhältnis gestört. Der Vorwurf Kellers, die Jonges diskriminierten Frauen, ist nur der aktuelle Gipfel dieses Zwists.

Aber egal, wie begründet der Vorwurf war – Keller hat damit einen Prozess angestoßen, an dessen Ende er entweder als unfreiwilliger Retter eines modernisierten Vereins Jonges 2.0 steht. Oder als derjenige, der den letzten Impuls gab für die finale Abwicklung dieses Klubs, der immer noch einen hohen Anspruch erhebt und einfach so von einem Mitspracherecht ausgeht, wenn es um die Stadt als Ganzes geht. Seine schiere Größe von rund 3300 Mitgliedern gibt ihm scheinbar das Recht dazu. Aber das ist ein fataler Irrtum und ein Beweis für eine nicht mehr zeitgemäße Selbsteinschätzung. Baas Wolfgang Rolshoven, seit seinem Amtsantritt als Ein-Mann-Drückerkolonne auf die Rekrutierung neuer Mitglieder fixiert, hat den Verein von 2400 auf 3300 Männer gebracht. Er hat es aber versäumt, sich über die Zukunftsfähigkeit Gedanken zu machen und im Grunde eine scheinbar erfolgreiche Gegenwart immer weiter ausgedehnt. Was er schuf, war ein Scheinriese, daran ändert auch die hohe Zahl der Mitglieder nichts.  

Der Kernsatz in Kellers Kritik ist nicht die Frage der Diskriminierung. Sondern der Hinweis auf den Anspruch der Jonges, stets mitreden zu dürfen. Das hat die Männertruppe schon seit Jahren immer wieder gern getan, aber sie kann das künftig niemals erfüllen, weil sie 50 Prozent dieser Gesellschaft in ihren eigenen Reihen nicht mitsprechen lassen will. Keller pocht darauf völlig zu Recht.

Der Umgang mit diesem Thema dürfte für den Verein enorme Folgen haben. Alle Mitglieder haben Frauen, Töchter oder Schwestern daheim oder im Kollegenkreis, die es den Herren augenzwinkernd gönnen, ab und zu unter sich zu sein. Das ist etwas, was sie ja manchmal ebenfalls mögen. Aber wenn es darum geht, dass eine solche Vereinigung mitreden will bei den entscheidenden, also alle betreffenden Fragen der Stadt, wird sich das weibliche Verständnis angesichts dieses mehr und mehr als schrullig empfundenen Klubs in Grenzen halten und schrumpfen.

Kurioserweise ist der Verein vor allem stolz auf seine (männliche) Vielfalt: Alle politischen Richtungen im demokratischen Rahmen (die AfD zählt man nicht dazu), alle Religionen, alle Berufsgruppen sind willkommen. Vom Uni-Professor bis zum Müllfahrer, vom Chefarzt bis zum Anstreicher – jeder kann Mitglied werden. Entsprechend ist die Mixtur tatsächlich. Nur dass der oben genannte Uni-Professor vermutlich aus anderen Motiven mitmacht als ein Handwerker. Bevor der Begriff Netzwerken (Networking) erfunden wurde, haben die Jonges ihn schon praktiziert. Wer sich kennt, hilft sich. Die Grenze zum Klüngel war da nicht selten fließend. Jedenfalls ist dieses Bündnis vor allem eins nicht: homogen. Daher weiß auch keiner im Vorstand, wie am Ende die Aufnahme von Frauen gesehen würde.

Eins ist klar: Für den Verein geht es um viel. Zumindest der Vorstand will ernst genommen werden als Stimme von Gewicht. Die meint man zu haben. Nicht durch eine irgendwie gesetzlich klar definierte Rolle, sondern ausschließlich aufgrund der sich selbst verliehenen Bedeutung und der Menge der Mitglieder. Das ist grundsätzlich in Ordnung so, denn unser System ermutigt ja ausdrücklich engagierte Menschen, sich jenseits politischer Parteien und Organe ums Allgemeinwohl zu kümmern. Aber auf Dauer wird das nicht akzeptabel sein, wenn man sich als reine Männerbastion sieht. Man verliert schlicht die Glaubwürdigkeit. Vor allem bei so bedeutenden Problemen mit dem der Sicherheit in der Altstadt, von dem Besucherinnen besonders oft betroffen sind.

Keller, dem man sein Engagement für Frauen durchaus glauben kann, weiß das und möchte das nicht nur berücksichtigen, sondern er muss das tun. Er hat bei der Bundestagswahl 2021 gesehen, wie viele Düsseldorfer Wähler von der CDU in Richtung Grüne abgewandert sind und was das für die Stadt bedeutet (unseren Bericht zu diesem Trend können Sie hier lesen). Will er eine Chance haben, diese Menschen bei der nächsten Wahl von sich (oder seiner Partei) zu überzeugen, würde ihn eine Mitgliedschaft im Vorstand eines Vereins wie den Jonges schlecht dastehen lassen. Anders gesagt: Die Frauen und Männer, auf die es künftig ankommt, sehen eine Truppe wie die Jonges bestenfalls als Vertreter einer schenkelklopfenden Düsseldorfer Brauchtumsfolklore. Vielleicht sogar als nett, sympathisch, ja amüsant. Aber auf keinen Fall als Gesprächspartner auf Augenhöhe. Sondern eher auf einem Niveau wie die – ebenfalls nur männlichen – Gesellschaft Reserve (bei der Keller Mitglied ist), oder den – ausschließlich weiblichen – Düsseldorfer Weitern und dem Venetien-Club. Der Unterschied: Keiner aus diesen Vereinen käme auf die Idee, mit ähnlichem Anspruch aufzutreten wie die Jonges.   

Hinzu kommen sehr praktische Probleme. Der Verein ist angewiesen auf Spenden und Sponsoring großer Firmen. Die jedoch unterliegen immer häufiger internen Compliance-Regeln und anderen Vorgaben bezogen auf gesellschaftspolitische Grundsätze. Über kurz oder lang wird es Unternehmen nur noch schwer möglich sein, gegenüber ihren Mitarbeiterinnen zu vertreten, dass man einen Verein unterstützt, in dem sie keine Chance hätten, mitzumachen.

Fazit

Die Jonges können weitermachen wie bisher, sollten sich dann aber aus Themen heraushalten, die von allgemeiner Relevanz sind. Sie wären dann ein Brauchtumsverein wie andere auch und könnten, rheinisch tolerant akzeptiert, den Ausschluss von Frauen als Alleinstellungsmerkmal pflegen.

Weil sie diesen Bedeutungsverlust nicht wollen, haben längst interne Gespräche begonnen, wie man das Problem lösen, die Frauenfrage beantworten kann. Was da an ersten Ideen nach außen dringt, klingt allerdings halbherzig und zeugt von mangelndem Mut. Kein Wunder: Die Jonges müssten einen großen Sprung wagen, der sie sicher einige hundert Mitglieder kosten würde. Sich zu überlegen, wie die weibliche Form von „Baas“ heißt und einen neuen, geschlechterneutralen Namen zu finden, sind dabei ihre geringsten Sorgen.


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