Uwe Reppegather & René Benko: Düsseldorf und seine Immobilien-Haie
Der Job eines Türstehers am Eingang eines Clubs hat klare Anforderungen. Man muss Menschen schnell einschätzen, muss erkennen, ob sie Ärger machen, riskante oder gute – besser: zahlungskräftige Gäste sind. Es gilt, eine verinnerlichte Profil-Liste abzuarbeiten: Passt er oder sie, bereichert sie/er nicht nur die Kasse, sondern auch die Mischung der Menschen, die bereits drin ist? Wie reagiert er/sie, wenn ich Nein sage? Reicht höflicher Ton oder muss die Stimme lauter werden? Ist gar robuster Einsatz, also körperlicher Kontakt vonnöten? Ein guter Türsteher muss das alles draufhaben, um durchzusetzen, was er will. Und lernt so für den Rest seines Lebens, weil sich die Erkenntnisse in anderen Situationen ebenfalls nutzen lassen.
Wer Uwe Reppegather sieht, wird sagen: Wie ein Türsteher sieht er auch aus. Über 100 Kilogramm fleischgewordenes Klischee. Knapp zwei Meter groß, bullige Statur, ein kantiger Kopf, geschmückt von einem Zopf des grauen Haupthaares. Eine große schwarze Hornbrille gibt dem Gesicht weitere Kontur. Nix Ponyhof, eher Hinterhof-Gang. Eine nonverbal beeindruckende Optik. Der er sich bewusst ist. Betont wird das Ganze mit dunkler bis schwarzer Kleidung. Schlips oder andere Symbole dieser Art sind ihm offenbar fremd. Sowas braucht er nicht. Ein schwarzer Schal reicht.
Dieser Auftritt, kombiniert mit den oben erlernten Regeln, scheint bei einer Reihe von Verhandlungen nützlich gewesen zu sein. In den Jahrzehnten, in denen aus einem Hauptschüler in Hilden, dem Kaufmannslehrling bei Spar in Langenfeld, dem Mitarbeiter der Ausgehszene und dem Wirt der Monheimer Disco Casa Blanca einer der größten Immobilien-Entwickler des Landes – jeweils in Spitzenlagen – wurde, kam ihm das zu Hilfe. Teilnehmer von Verhandlungsrunden mit ihm schildern sein Chamäleon-ähnliches Verhalten. Sie berichten von gewinnendem Auftritt bis hin zu wutschnaubenden Reaktionen durch den Raum geschleuderter Papierstapeln und wilden Beschimpfungen.
Gier Royal
So oder so, sich vorzustellen, wie eher leise Bank-Chefs im dunklen Zwirn mit feiner Hermes-Krawatte auf diese Person treffen, ist Kopfkino vom Feinsten. Sie, die sonst Wert auf Zurückhaltung legen und zumindest den Anschein von Seriosität vermitteln wollen, scheinen kein Problem damit gehabt zu haben, einen solchen Gegenentwurf all dessen, was ihnen sonst wichtig ist, ernst zu nehmen. Der Mann, der wie das Abziehbild von Kleber-Fabrikant Heinrich „Heini“ Haffenloher aus der Serie „Kir Royal“ („Isch scheiß Dich zu mit meinem Geld!“) wirkt, verdient eigentlich ebenfalls zur Filmfigur zu werden. Titelvorschlag: „Gier Royal“. Denn er weiß: Irgendwann siegt die Kohle über Skepsis und Moral: „Dann bisse mein Knescht“ – so hat Haffenloher (gespielt von Mario Adorf) diese Regel aus dem Kapitalismus-Dschungel auf den Punkt gebracht. Der Satz könnte auch von Reppegather sein.
Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.
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