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Mutterschaft: Geht das auch cooler?

Als Cornelia Dingendorf bei ihrer Suche nach einem Sportkurs für moderne Mamas nicht fündig wurde, gründete sie in Düsseldorf ihr eigenes Fitnessstudio: Youpila. Dort gibt es Sportarten wie Yoga und Barre, Lifestyle und ein bisschen Aktivismus.

Von Danina Esau (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 12. April 2024
Youpila Studios
Barre, eine Art Ballett-Workout, gehört zu den Frauensportarten, die Cornelia Dingendorf in ihrem Fitnessstudio populär gemacht hat.

„Sportkurs für junge Mütter Düsseldorf“, diese Begriffe gab Cornelia Dingendorf 2014 in als Such-Anfrage ein. Keine Treffer. Es wunderte sie nicht einmal. Ihr Sohn war gerade geboren, und auch wenn alles neu und spannend war, fiel ihr immer öfter auf, dass das Thema Geburt noch nicht ganz im Heute angekommen war. „Es erschien mir alles etwas altmodisch und wenig lifestylig“, sagt sie. Und so beginnt Dingendorfs Weg in die Selbstständigkeit wie bei vielen erfolgreichen Unternehmen mit einer erfolglosen Google-Recherche. 2015, nur ein Jahr nach der Geburt ihres Sohns, eröffnete sie Youpila – das Fitnessstudio, das sie sich als junge Mutter vorgestellt hatte.

„Female Fitness“ lautet das Konzept, mit dem sie heute immer noch erfolgreich ist. Da das Patriarchat der Dinge auch vor Fitnessstudios nicht Halt gemacht hat, sind die Kurse bei Youpila auf den weiblichen Körper spezialisiert. Dass Frauen anders trainieren sollten als Männer, liegt unter anderem an den Hormonen in der Phase vor und nach der Geburt, aber auch am Körperbau. „Die meisten Frauenkörper sprechen zum Beispiel besser auf stetige, sich wiederholende Bewegungen an als auf kraftintensives Gewichtestemmen“, sagt Dingendorf.

Bei Youpila gibt es Frauen-Sportarten, die es selten auf die Trainingspläne konventioneller Fitnessstudios schaffen: Aerial Yoga, Pilates und Barre, eine Art Ballett-Workout. Das Training an der Stange ist bei Frauen besonders beliebt, weil es „lange, schlanke Muskeln schafft“ und die Haltung aufrecht macht. Die Sportart ist in den vergangenen Jahren sehr trendy geworden, doch als Dingendorf ihr erstes Studio eröffnete, gab es nur in den großen Städten Deutschlands vereinzelte Barre-Kurse. „Wir haben einen Hype ausgelöst“, sagt Dingendorf, die innerhalb von zwei Jahren vier weitere Studios eröffnete, noch eines in Düsseldorf, eines in Berlin und eines in Hamburg.

Weil es in Deutschland damals so gut wie keine Barre-Trainer gab, gründete sie eine Akademie. Bis heute bildet Dingendorf Trainer und Trainerinnen aus. Die Ausbildung dauert wie bei vielen anderen Studios nicht nur ein Wochenende, sondern mehrere Wochen. „Barre ist keine Mode-Erscheinung, auch wenn das viele denken.“ Die Sportart gibt es schon seit 1959, sie stammt von der deutschen Ballerina Lotte Berk. Nach einer Verletzung erfand sie diesen Trainingsstil, der Ballett, Yoga und Pilates vereint.

In den USA boomte Barre, als 2010 der Film Black Swan in die Kinos kam, und hat sich bis heute in den Trainingspläne gehalten. In Berlin und Hamburg ist das mittlerweile auch so, in Düsseldorf hat Youpila fast immer noch ein Monopol. Viele zögen nach, doch das klappe oft nicht: „Barre ist komplex und schwer beizubringen. Es geht nicht um Schnelligkeit oder Häufigkeit, sondern um Präzision und Atmung. Wenn das nicht passt, bleiben die Ergebnisse aus.“ 

Dingendorf kennt ihre Zielgruppe, Mütter wie sie selbst. In all den Mama-Angeboten fehlte ihr eine Prise Lifestyle, das ist bis heute ihre Marktlücke. „Hauptsache modern“, sagt sie. Modern ist ihr Lieblingsadjektiv. Dass sie damit erfolgreich ist, liegt auch an ihrem vorherigen Job. Vor der Geburt ihres Sohns hat sie in derWerbung und im Marketing gearbeitet, für große Marken und Agenturen. Dort hat sie gelernt, den Markt zu analysieren und Zielgruppen anzusprechen.

Sie wäre gerne wieder zurück in ihren Beruf gegangen, volle Terminkalender, Abgabetermine und Überstunden haben sie nie gestört. Umso mehr wunderte sie sich darüber, wie sehr sie die Elternzeit genoss. Ein Jahr kümmerte sie sich nur um ihren Sohn, eine Zeit, die sie verändert hat: „Ich bin nicht mehr so hart wie vorher. Nicht nur mein Körper ist weicher geworden, sondern auch meine Persönlichkeit.“ In ihr wurde der Wunsch immer größer, sich auch beruflich mit Themen wie Geburt, Wochenbett und Mutterschaft zu beschäftigen.

Dieser Wunsch hörte mit Youpila nicht auf. Nachdem Dingendorf das Sportangebot hipper gemacht hatte, ging es gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Jacqueline Leuer-Hingsen ans Wochenbett. Auch dort war dringend eine Lifestyleisierung nötig. „Das Thema steckt immer noch in einem vergangenen Jahrzehnt fest, irgendwo in den 50er- oder 60er-Jahren.“ Bestes Beispiel: die Netzunterhose, die Frauen nach der Geburt überreicht bekommen. Im Mama-Jargon wird sie auch als Surfbrett bezeichnet, weil die Binde darin so groß und sperrig ist.

Damit keine Frau diese unpraktische Unterhose jemals wieder tragen muss, gründeten die beiden Frauen im Jahr 2021 newma, das Pflegeprodukte für Mütter im Wochenbett anbietet. Dazu gehören bequeme Unterwäsche, kühlende Binden und Intimduschen, alles in modernen Farben gehalten, abseits von Storchen- und Pünktchenmustern. Ästhetik spielt eine große Rolle, aber nicht nur: „Es gibt gesundheitspolitische Probleme rund um die Geburt, weil die Versorgung durch Hebammen im Wochenbett abnimmt. Frauen müssen sich immer häufiger um sich selbst kümmern.“

Mit ihrer Idee ging es für die beiden Anfang 2023 in die TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“. Eine Förderung gab es nicht, die Investoren schreckten vor dem Geschäftsmodell zurück, weil Frauen die Produkte nur für ein paar Wochen benötigen würden und die Kundschaft danach verloren gehe. Dingendorf wundert die Absage nicht: „Wir haben newma vor drei Männern präsentiert, die mit dem Wochenbett nichts am Hut haben.“

Außerdem seien momentan Food und Tech-Start-Ups in der TV-Sendung beliebter, weil die Skalierung eine andere ist. „Ich finde das schade, weil Frauen wie so oft übersehen werden. Genügend Tütensuppen und Tech-Unternehmen gibt es doch, jetzt ist das gelebte Leben dran.“ Erfolgreich ist newma trotzdem, die Produkte gibt es beim Drogeriemarkt Müller zu kaufen, über Social Media spricht sich die Marke herum, Frauen schreiben ihnen, dass die Produkte ihnen in der schwierigen Wochenbett-Zeit geholfen haben.

Zurzeit macht Dingendorf eine Ausbildung zur Doula, das ist eine Art persönliche Geburtsbegleiterin, die einer schwangeren Frau zur Seite steht. Sie hat viel Zeit damit verbracht, sich in die Geschichte der Geburt einzulesen und dabei viele Aha-Momente gehabt. Viele Mythen seien in der Vergangenheit verwurzelt, sagt sie. Vor dem 18. Jahrhundert haben Frauen ihre Kinder zu Hause zur Welt gebracht, dann wurde die Geburt ins Krankenhaus verlagert – und wieder später wird daraus ein Geschäft gemacht. Etwa mit Wunsch-Kaiserschnitten, für die sich viele Frauen aus Angst entscheiden. „Ich ermutige Frauen zur natürlichen Geburt, wenn es möglich ist. Denn meistens hat Mutter Natur alles im Griff. Hier ist massive Aufklärung nötig.“

Einen Teil davon übernimmt Dingendorf bei Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskursen in ihren Studios. Besonders am Herzen liegen ihr Frauen, die zum ersten Mal schwanger sind und Angst haben vor dem, was sie erwartet. Dingendorf kann sich gut in sie hineinfühlen, weil sie sich damals selbst so gefühlt hat. „Es wird immer noch sehr viel Angst verbreitet. Da fehlt ein starkes Wort gegen die ganzen Horrorgeschichten.“ Zum Beispiel könne man den Körper mit bestimmten Übungen so auf die Geburt vorbereiten, dass der Beckenboden möglichst nicht reißt und Verletzungen wie Dammrisse vermieden werden. Sollte es doch dazu kommen, kann Sport helfen. „Mein Beckenboden ist auf jeden Fall fitter als vor der Geburt.“

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