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Rollschuhfahrer (damals hießen sie noch nicht Skater) auf der Kreuzung Berliner Allee/Graf-Adolf-Straße. Das Kaufhaus hinten rechts hieß noch Horten, später wurde es zum Kaufhof, heute ist es ein Supermarkt mit Restaurants. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf/Winfried Göllner

Wenn sonntags das Auto stehen bleibt

Den siebten Tag der Woche ohne Wagen zu verbringen, wird derzeit wieder diskutiert. Angesichts explodierender Spritpreise unter neuen Vorzeichen. Neu ist die Idee nicht. 1973 wurde sie erstmals umgesetzt. Allerdings nicht freiwillig.

Veröffentlicht am 17. März 2022

Gut möglich, dass wir demnächst mal wieder einen autofreien Sonntag haben. Den bisher letzten gab es 2019, auf freiwilliger Basis und örtlich stark eingegrenzt, es war eine interessante Erfahrung. Etliche Straßen in der Innenstadt waren für Kraftfahrzeuge gesperrt, das Gefühl von Freiheit für Fußgänger, Radler, Skater oder was auch immer fanden viele schön. An diesem Tag ist sehr viel Sprit nicht verbrannt, sehr viel Schadstoff nicht in die Luft gepustet worden. Aber das war nicht das wichtigste Motiv für diese Idee. Die Menschen sollten merken, wie sie auch ohne Automobil mobil sein können.

Dieser Gedanke verbreitet sich ohnehin immer mehr, unsere Beziehung zum Auto ändert sich gerade. Und der Krieg in der Ukraine mit den daraus folgenden steigenden Spritkosten befeuert diese Entwicklung. Daher fragt man sich derzeit in Düsseldorf, ob es in den kommenden Wochen einen autofreien Sonntag wie in den Siebzigern geben sollte.

Mittelfristig wird es relativ sicher einen geben, mögliches Datum ist der 18. September. Diesen Vorschlag hat die Linke vergangene Woche im Stadtrat gemacht. Das Gremium hat den Vorschlag in den Verkehrsausschuss verwiesen, der in seiner Sitzung am 27. April darüber berät. In ihrem Antrag fordern die Linken, dass dieser autofreie Sonntag zwischen Süd- und Theodor-Heuss-Brücke sowie zwischen Rheinufer und Lastring stattfindet. Damit verbunden ist ein zweiter Vorschlag: Wer an diesem Aktionstag Bus oder Bahn nimmt, soll keine Fahrkarte brauchen. Der Vorschlag knüpft an den erwähnten autofreien Sonntag von 2019 an und erweitert ihn. Autofrei waren damals zwischen 11 und 18 Uhr die Straßen in einem kleineren Gebiet im engeren Zentrum, in der Alt- und der Carlstadt. Dazu zählten die Königsallee mit all ihren Nebenstraßen, die Heinrich-Heine-Allee, die Breite-, die Kasernen- und die Hohe Straße. Auch damals war der ÖPNV kostenlos, zudem gab es eine Infomeile zu den Themen Mobilität und Nachhaltigkeit in der Altstadt.

Wagen wir mal einen Blick zurück: Die über 60-Jährigen werden sich daran erinnern, wie sie Anfang der 1970er etwas erlebten, was als „autofreie Sonntage“ in die Geschichte einging und sich tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt hat.

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Autofreier Sonntag 1973: Polizeikontrolle auf der Theodor-Heuss-Brücke. Wer mit dem Auto unterwegs war, brauchte eine Sondergenehmigung. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf/Winfried Göllner

Nach dem Jom-Kippur-Krieg der Ägypter und Syrer gegen Israel im Herbst 1973 gab es plötzlich eine Art Solidarität der ölfördernden arabischen Staaten. Sie verkündeten, weniger fördern und verkaufen zu wollen, vor allem in europäische Staaten und die USA. Öl wurde erstmals als politische Waffe eingesetzt. Der Hintergrund: Nach anfänglichen Erfolgen der syrischen und ägyptischen Armeen wendetete Israel das Kriegsgeschehen und eroberte beispielsweise die Golan-Höhen an der Grenze zu Syrien. Weil der Westen, allen voran Europa und die USA, Israel unterstützte, drehten arabische Länder den Öl-Hahn zu. Zumindest taten sie so.

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Manche der Parolen von damals sind heute noch aktuell. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf/Winfried Göllner

In Deutschland, abhängig vom Öl aus Kuwait, Saudi Arabien und Irak, löste das enorme Nervosität aus. Der Spiegel titelte damals „In Europa gehen die Lichter aus“. Das taten sie zwar nicht, aber man hatte Angst davor. Plötzlich war die vermeintliche immer verfügbare Energiequelle Erdöl nicht mehr selbstverständlich.

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Das Foto zeigt die Rheinuferstraße noch als wichtige Verkehrsachse zwischen Völklinger Straße und Messe. Da, wo diese Radfahrer unterwegs sind, lief normalerweise dichter Autoverkehr. Heute ist dort die Rheinuferpromenade, die Autos fahren im Tunnel darunter. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf/Winfried Göllner

Eines der Ergebnisse aus der aufgeladenen Situation: Deutschland sollte an vier Sonntagen 1973 gänzlich aufs Auto verzichten. Eines der Motive war tatsächliche der Gedanke, man könnte so Benzin oder Diesel sparen. Erst viel später musste man eingestehen, dass es nicht wirklich zu einem nennenswert geringeren Verbrauch gekommen war. Allerdings verursachten die Sonntage ohne Autos – es waren der 25. November, der 2., 9. und 16. Dezember – ein Umdenken bei den Menschen. Das Bewusstsein für alternative Energien, das Streben weg von den fossilen Brennstoffen wurde damals in ersten Anfängen gelegt. Jedenfalls brachte der vermeintliche Druck der Erdölförderer aus den arabischen Ländern damals einen Effekt auf den Weg, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Man fing nicht nur in Deutschland an, bewusster mit Energie umzugehen.

Über die Jahre ging der Erdöl-Verbrauch nach und nach zurück. Es kam später sogar zu Preissenkungen, die man sich damals nicht hätte vorstellen können. Der Verbrauch von Autos und Heizungen (Heizöl kostete Pfennige pro Liter), vorher kaum von Interesse, war plötzlich ein zentrales Thema. Häuser wurden gedämmt, Fenster mit Doppelverglasung – vorher absolut unbekannt – kamen auf den Markt, Kfz-Motoren wurden auf Sparsamkeit getrimmt. In dieser Zeit wurde eine entscheidende Frage beim Autokauf geboren: Was verbraucht der denn?

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Die brauchen nur Heu: Mit dem Pferd durch Düsseldorf. Mitten auf der Straße – das war damals an den autofreien Sonntagen mäglich. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf/Winfried Göllner

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