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Mehr Tempo 30, mehr Tempo 70 in Düsseldorf

Die Verkehrspolitiker:innen stimmen am 1. Juni darüber ab, ob an 20 Stellen in der Stadt langsamer gefahren werden sollte. Das betrifft 1,3 Kilometer der Münchener Straße, viele kurze Strecken vor Kitas oder Seniorenheimen – und ist noch nicht alles.

Veröffentlicht am 27. Mai 2022
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Diese Drohnenaufnahme zeigt eine der Stellen der Münchener Straße, an der das Höchsttempo sinken soll. Foto: Andreas Endermann

Werke wie der Mobilitätsplan D wecken immer Skepsis in mir. Großer Titel, viele Seiten, aber gefühlt weit weg vom Alltag, den wir alle auf den Straßen von Düsseldorf erleben. Ich muss diese Einstellung nun revidieren, da aus dem Mobilitätsplan D eine spürbare Veränderung resultiert. Zu seinen „strategischen Zielen“ zählen die Senkung der Lärm- und Luftschadstoffbelastung und die Erhöhung der objektiven und subjektiven Verkehrssicherheit. Genau darauf bezieht sich die Verkehrsverwaltung, wenn sie nun zwei Vorschläge macht, mehr Tempo 30 und mehr Tempo 70 einzuführen. Die beiden Ideen im Detail:

Mehr Tempo 70

Wo?
Betroffen sind zwei Abschnitte der Münchener Straße mit einer Gesamtlänge von 1,3 Kilometern: die Strecke zwischen Bonner- und Itterstraße sowie zwischen Forst- und Hildener Straße.

Wie?
Die zulässige Höchstgeschwindigkeit soll an den beschriebenen Stellen von 100 auf 70 km/h sinken – ganztägig und in beiden Fahrtrichtungen.

Warum?
Die Verkehrsverwaltung begründet den Vorschlag mit Lärmschutz. In den 16 verkehrsreichsten Stunden sind dort im Schnitt 41.600 Fahrzeuge unterwegs. Das führt laut Lärmaktionsplan III zu Krach von 66 bis 67 Dezibel am Tag und 57 bis 58 Dezibel in der Nacht. Beides liegt über den Grenzwerten, bei denen eine Gesundheitsgefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Die Temporeduzierung senkt den spürbaren Lärm laut Stadt um 2 bis 2,5 Dezibel. Das klingt, als sei dies nicht viel, es ist aber eine erhebliche Minderung. Zum Vergleich: Eine Erhöhung des Schallpegels um drei Dezibel entspricht der Verdopplung der Schallintensität.

Die Stadt hat nach eigenen Angaben Alternativen geprüft. Eine Lärmschutzwand zu bauen oder so genannten Flüsterasphalt einzubauen, gilt als „unverhältnismäßig“. Beides kostet viel Geld, während die Senkung der Höchstgeschwindigkeit günstig ist und lediglich zu einem Zeitverlust von etwa 20 Sekunden führt. Das wird in Abwägung mit dem Gesundheitsschutz als zumutbar und verhältnismäßig angesehen. Die Temporeduzierung auf Laster zu beschränken, würde nicht genug bewirken, da nur rund sieben Prozent der Fahrzeuge auf der Münchener Straße Lkw sind.

Mehr Tempo 30

Wo?
In der Vorlage, über die die Politiker:innen abstimmen, stehen 18 Abschnitte im gesamten Stadtgebiet (sie stehen am Ende dieses Texts). Sie befinden sich vor so genannten sensiblen Einrichtungen, also Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Seniorenheimen.

Wie?
Die zulässige Höchstgeschwindigkeit sinkt dort von 50 auf 30 km/h. Das schreibt die Straßenverkehrsordnung für solche sensiblen Einrichtungen grundsätzlich vor, wenn diese einen direkten Zugang zur Straße haben und dort viele Verkehrsteilnehmer (Auto, Rad, Fußgänger:innen) unterwegs sind. Ausnahmen von der Regel sind möglich, wenn dadurch Bus und Bahn ausgebremst werden oder man fürchten muss, dass die Autofahrer dann in die Nebenstraßen und Wohngebiete ausweichen. Vor 80 Prozent der Einrichtungen in Düsseldorf gilt bereits Tempo 30, für alle übrigen hat die Stadt nun geprüft, was möglich und sinnvoll ist. So ist die genannte Liste entstanden.

Warum?
Die Stadt nennt zwei Gründe: Sicherheit und Luftreinheit. Die objektive Sicherheit steigt, weil bei Unfällen mit Tempo 30 Verletzungen weniger schwer ausfallen als bei Tempo 50. Die subjektive Sicherheit verbessert sich, weil Fußgänger:innen und Radfahrer:innen vor langsamer fahrenden Autos weniger Angst haben.

Die Luftreinheit steigt mindestens auf dem Papier, denn Maßnahmen wie diese haben Land, Stadt und Deutsche Umwelthilfe in ihrem Vergleich vereinbart, der juristische Klagen der Umwelthilfe verhindern soll. Inwieweit dies angesichts der komplexen Ursachen der Luftverschmutzung spürbar wird, ist schwer zu messen.

Wie geht es weiter?

1. Die Verkehrspolitiker:innen müssen beiden Vorschlägen zustimmen. Es kann sein, dass sie die gesamten Pakete oder einzelne Abschnitte ablehnen, zum Beispiel weil aus den Bezirksvertretungen Gegenargumente kamen.

2. Beide Vorlagen für den Verkehrsausschuss enden mit demselben Satz. Die Polizei (und das Ordnungsamt) werden gebeten, die neuen Höchstgeschwindigkeiten zu kontrollieren. Die Erfahrung, etwa von der Merowingerstraße, lehrt, dass nur Blitzer den erforderlichen pädagogischen Effekt haben.

3. Zu Tempo 30 wird es im Laufe des Sommers weitere Vorschläge geben. Die jetzt eingebrachten Abschnitte betrafen vorwiegend Sicherheitsfragen. Im nächsten Paket geht es um Strecken, auf denen bei Tempo 50 Lärmgrenzwerte überschritten werden – die also quasi kleine Münchener Straßen sind. 

Weiterführende Informationen

Die Tempo-30-Vorschläge betreffen die folgenden Abschnitte:

  • Aachener Straße zwischen Südring und Zonser Straße
  • Gladbacher Straße zwischen Völklinger Straße und Neusser Straße
  • Kruppstraße östlich Ellerstraße (100 Meter stadteinwärts)
  • Siegburger Straße in Höhe Benzenberg-Realschule 200 Meter (stadteinwärts)
  • Siegburger Straße zwischen Höseler Straße und Harffstraße (stadtauswärts)
  • Ulenbergstraße östlich Merowinger Platz (100 Meter)
  • Hansaallee zwischen Dr.Hans-Mosler-Weg und Niederkasseler Kirchweg (stadtauswärts)
  • Niederkasseler Lohweg zwischen Sportstraße und Amboßstraße
  • Kalkumer Schlossallee zwischen Mühlenweg und Hausnummer 39
  • Niederrheinstraße zwischen Leuchtenberger Kirchweg und Hausnummer 294
  • Rather Kreuzweg zwischen Münsterstraße und Wattenscheider Straße
  • Volkardeyer Weg zwischen Lichtenbroicher Weg und Hausnummer 24
  • Schönaustraße zwischen Isenburgstraße und Märkische Straße
  • Ernst-Poensgen-Allee ab Bismarckweg (150 Meter)
  • Bernburger Straße zwischen Anhalter Straße und Rütgerstraße (stadtauswärts)
  • Werstener Feld zwischen Ludwigstraße und Hausnummer 239
  • Südallee zwischen Corellistraße und Franz-Liszt-Straße
  • Urdenbacher Allee zwischen Kolhagenstraße und Hausnummer 69

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