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Er macht den Weg frei

Tom hat 30 Jahre Heroin und 15 Jahre Gefängnis hinter sich. Nun sammelt er im Projekt "Die WegRäumenden" fünfmal pro Woche Müll in Düsseldorf. Nicht nur für die 1,50 Euro Stundenlohn.

Veröffentlicht am 11. Mai 2023
Projekt "DieWegRäumenden"
Kurz mal raus aus dem Dauerregen: Tom legt mit den Kolleg:innen eine Zigarettenpause ein. Foto: Markus Luigs

Für Tom war die Nacht früh vorbei, das ist sie immer. Gegen 4.30 Uhr wachte er einfach auf. Als es Zeit wurde, setzte er sich in die S-Bahn und fuhr die vier Stationen zum Hauptbahnhof. Tom musste heute nicht nur wegen seines Jobs raus, sondern auch, um sich das Methadon beim Arzt abzuholen. Damit substituiert er Heroin. Nun steht er hier, unter der überdachten Einfahrt vor dem Büro von „Die WegRäumenden“ an der Erkrather Straße, nicht mal eine Gehminute vom Worringer Platz entfernt. Es ist der letzte Montag im April, kurz vor zehn, es regnet ohne Pause. Nicht bloß ein Nieseln, sondern ein Regen, bei dem niemand raus möchte. Trotzdem hat Tom keine Sekunde überlegt, ob er es heute nicht doch mal lässt, sagt er. Tom ist 50, klein und dünn, aber er sieht mindestens zehn Jahre älter aus. 30 Jahre Heroin haben Spuren hinterlassen. Er trägt Jeans, Turnschuhe, Handschuhe, unter der blauen Warnweste eine dicke Jacke. Die Kapuze hat er über den Kopf gezogen. Es ist eine kleine Gruppe, die sich vor dem Büro versammelt hat, die meisten haben sich dann doch gegen das Müllsammeln entschieden. Fünf von fünfzehn sind da. Alle sind ausgestattet mit einem schwarzen Plastikeimer und einer Greifzange. In zwei Gruppen ziehen sie los, jede von ihnen mit einer Handkarre. Darin ist ein blauer Müllsack eingespannt, in den sie den Inhalt ihrer Eimer kippen werden. Tom sagt zu den anderen, die neuen Müllsäcke gefallen ihm besser, viel stabiler als die alten.

„Die WegRäumenden“ ist ein seit Januar 2021 laufendes Projekt der Drogenhilfe Düsseldorf, das so genannte Arbeitsgelegenheiten bietet. Das sind einfache Tätigkeiten, für die das Jobcenter Langzeitarbeitslosen zusätzlich zum Bürgergeld (früher Hartz IV) 1,50 Euro pro Stunde zahlt, außerdem eine Art Jobticket für den Düsseldorfer ÖPNV. Damit sollen sie sich wieder an einen Alltag mit Arbeit gewöhnen, um später einen regulären Job ausüben können. Die Drogenhilfe richtet sich mit ihrem Angebot an Abhängige, die substituieren, also statt Heroin einmal am Tag Methadon zu sich nehmen. Wobei einige Teilnehmer:innen noch gelegentlich konsumieren. Beikonsum heißt das unter Fachleuten. Wer substituiert, denkt nicht mehr die ganze Zeit daran, wie er an seine nächste Dosis gelangt. Nur dann kommt so eine Arbeitsgelegenheit überhaupt in Frage. Die Teilnehmer:innen sammeln Müll, begleitet von Mitarbeiter:innen des Projekts, und haben dabei einen besonderen Blick auf das, was ihre eigene Szene hinterlässt, Spritzen zum Beispiel. Deshalb steuern sie in der Nähe der Drogenhilfe besonders die Orte an, an denen sich Abhängige aufhalten.

Gleich zu Beginn der Tour weist Tom die anderen auf ein riesiges Loch in einem Bauzaun hin, dahinter geht es gleich lebensgefährlich in den Abgrund. Sollte man melden. Zigarettenstummel und Tickets bekommt Tom heute kaum zu greifen, durch den Regen kleben sie auf dem Boden fest. Spritzen gehen leicht. Die kommen in eine gelbe Box, die sich nicht mehr öffnen lässt, sobald sie einmal verschlossen ist. An manchen Tagen finden sie auch Schlüssel oder Ausweise. Das Fundbüro ist direkt gegenüber an der Erkrather Straße. Tom erzählt, einmal habe ein Kollege 200 Euro gefunden. Die habe er behalten. Tom sagt, er hätte sich anders verhalten und einen der grünen Scheine in die Gruppenkasse gelegt. Die füllen sie auch durch die Pfandflaschen, die sie finden. Davon bezahlen sie das Sommerfest. 

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