Köln auf Schmusekurs: Kein Putin-Wagen
Bis zum Morgen des Rosenmontags laufen die Vorbereitungen für den Düsseldorfer Karnevalszug wie immer auf Hochtouren. Wagenbauer Jacques Tilly, neulich beim Richtfest in der Wagenbauhalle am Steinberg bejubelt und beklatscht, hat die letzten Tage kaum geschlafen. Mit seinem Team werkelt er bis zur letzten Minute an den berühmt-berüchtigten Mottowagen. Sein Teil der Halle ist abgesperrt, niemand darf hinein und sehen, was er ausheckt. Als gewiss gilt: Wladimir Putin wird erneut sein Fett wegkriegen und einen weiteren Grund haben, sich über den Narren vom Rhein zu ärgern. In einigen Tagen soll in Moskau der Prozess gegen den Düsseldorfer beginnen. Und dass der dieses Thema kommenden Montag aufgreift, ist sicher.
In Köln ist auch etwas sicher – nämlich, dass es keinen Wagen zu Putin geben wird. Darauf zu verzichten, wird als großmütige Geste in Richtung Düsseldorf deklariert. In Kölner Medien heißt es, das Festkomitee begründe diese Abwesenheit eines Putin-Wagens damit, dass man Tilly unterstützen wolle, weil er in Russland angeklagt wird. Man sei der Meinung, dass den „besten Putin-Wagen“ jemand anders machen sollte.
Kein Gruß von Jeck zu Jeck
Aha, das will gedacht sein. Man verzichtet, um Tilly zu unterstützen? Das wäre auch möglich gewesen, indem man das Thema aus Kölner Sicht angeht, also Farbe bekennt: ein solidarischer Gruß von Jeck zu Jeck, sozusagen. Schwierig, aber machbar. Den Eindruck zu erwecken, vielleicht sogar den besten Putin-Wagen bauen zu können, ist allerdings ein Witz: Noch nie haben die Kölner einen Wagen hingekriegt, der im Vergleich mit dem Düsseldorfer Konkurrenten bestehen konnte. Weil sie das wissen, haben sie vor Jahren sogar mal versucht, Tilly abzuwerben. Der hat allerdings dankend abgelehnt. Nicht zuletzt, weil in der Domstadt zu viele bei den künstlerischen Entscheidungen mitreden, sagte er seinerzeit. Selbst der Kardinal werde vorher gefragt. Ein bisschen ärgern ist für die Kölsch-Trinker okay, aber bloß nicht anecken. Jedenfalls nicht zu sehr.
Um das zu verstehen, muss man auch folgenden Hintergrund kennen: Kurz vor Weihnachten, zum Ende des Advents, tagt in Köln – und das ist kein Scherz – ein Gremium namens „Großer Senat“. 75 Personen des Kölner Finanz- und Klüngel-Hochadels gehören dazu, mehr als 70 sind männlich. Den Vorsitz hat Patrick Adenauer. Auch sein Bruder Paul Bauwens-Adenauer ist mit dabei, außerdem die Chefs der Kreis- und Stadtsparkasse, Messe-Chef Gerald Böse (früher Messe Düsseldorf), Christian DuMont Schütte (Kölner Stadt-Anzeiger) und andere Honoratioren. Sie treffen sich im Hansa-Saal des Rathauses und speisen von Tellern des Rats-Tafelsilbers. Die Sitzordnung wird beim Eintreffen der Gäste ausgelost.
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