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Das zweite Leben der Petra Albrecht

30 Jahre lang ist sie die bekannteste Moderatorin der WDR-Lokalzeit Düsseldorf gewesen. Im April 2023 war Schluss. Was macht die Journalistin heute, und wie geht es ihr?

Veröffentlicht am 15. Mai 2024
Studentin Petra Albrecht
Petra Albrecht in einem Hörsaal der Heinrich-Heine-Universität. Dort ist sie nun zwei Mal pro Woche und studiert Jiddistik.

Im Frühling vor einem Jahr kauft Petra Albrecht einen Adventskalender. Hinter den Türchen verbirgt sich nicht Schokolade, sondern Wimperntusche, Lidschatten, Body-Lotion und andere Kosmetika. Das letzte Türchen des Vorfreude-Kalenders öffnet sie an ihrem letzten Arbeitstag als WDR-Moderatorin der Lokalzeit Düsseldorf. 30 Jahre nach ihrer ersten Sendung moderiert die gebürtige Remscheiderin, die seit 1991 in Düsseldorf lebt, ihre letzte.

Es sei ein schöner Tag gewesen, sagt Albrecht heute. Sie sei im Guten gegangen und im Reinen mit sich. Dennoch sagt sie den WDR-Kollegen zum Schluss unmissverständlich: „Verbrennt meine Telefonnummer. Selbst wenn Not am Mann ist, ich bin raus.“ Am nächsten Tag begann ihr Ruhestand, das zweite Leben der Petra Albrecht.

Und wie ist das so?

Ein Jahr nach ihrer letzten Sendung nippt Petra Albrecht in einem Café in der Nordstraße an ihrem Cappuccino und schaut mich mit aufmerksamen Augen an. Sie hat sich die Haare wachsen lassen, erzählt sie. Neben ihr steht eine Tüte Zimtschnecken. Ihr Mann liebt das Gebäck. Deshalb hat sie zwei gekauft. Auf die Frage, die gleichzeitig die wichtigste und schwierigste ist, sagt sie: „Mir geht’s so gut wie noch nie in meinem Leben.“ Warum, frage ich sie. „Ich muss mich nicht beweisen. Ich kann tun, was mir Spaß macht.“

Im Oktober 2023 hatte Albrecht ihren ersten Tag – als Ersti an der Uni Düsseldorf. „Da waren so viele 18- und 20-Jährige und ich mittendrin, das war skurril“, erzählt die 66-Jährige. Sie habe die ganze Zeit grinsen müssen. Für sie stand schon lange fest, dass sie nochmal studieren will. Die Wahl fiel auf das Fach Jiddistik – wegen der Fernsehserie „Shtisel“, die sie vor ein paar Jahren geguckt hat. Sie handelt vom Leben einer ultraorthodoxen jüdischen Familie in Jerusalem. „Ich habe die Serie mit deutschen Untertiteln geguckt und hatte das Gefühl, schon recht viel zu verstehen. Ich fand die Sprache so schön und habe mich in Wörter verliebt. Staubwedel heißt Flederwisch“, erzählt sie und muss lachen.

Als Petra Albrecht entdeckt, dass es in Düsseldorf einen Lehrstuhl für Jiddistik gibt, ist die Sache klar. Und so kehrt sie nach 40 Jahren zurück in den Hörsaal. Damals hat sie Germanistik und Politikwissenschaft in Wuppertal studiert und war ebenfalls etwas spät dran. Abi auf dem zweiten Bildungsweg mit 28, danach ging es an die Uni. „Ich kenne das Gefühl, etwas älter zu sein als der Rest.“

Zwei Tage pro Woche fährt sie nun mit der Bahn zur Uni. Die vielen Vokabeln hat sie unterschätzt, die Grammatik ebenso. Jede Woche bekommt sie Hausaufgaben im Umfang von sechs bis acht Stunden. „Mir macht das total Spaß“, sagt sie und meint das so. Albrecht schreibt ihre Einkaufszettel mit hebräischen Buchstaben, also von rechts nach links. Diese Schrift musste sie für ihr Studium ebenfalls lernen, denn Jiddisch wird in diesen Zeichen geschrieben. Sie leidet immer noch unter Aufschieberitis, macht Hausaufgaben auf die letzte Minute. Was anders ist: Als Erwachsener lerne es sich besser, findet sie. „Mit 16 hatte ich zu viele andere Dinge im Kopf. Jungs zum Beispiel.“

Erkannt wird Albrecht selten an der Uni. Sie sei ganz anders angezogen als im Fernsehen, trage Brille und Pferdeschwanz. Außerdem guckten die jungen Leute ja kein Fernsehen mehr. Sie ist gern an der Uni, froh ein Teil davon zu sein. Ich will von ihr wissen, ob es schwierig ist, von so vielen Menschen umgeben zu sein, die noch so viel vor sich haben. Nein, sagt sie zunächst, gibt dann jedoch zu: Manchmal im stillen Kämmerlein mache es ihr zu schaffen, dass sie in 13 Jahren 80 wird.

Mit ihrem ersten Leben und dem Journalismus hat Albrecht abgeschlossen. Ende April hat sie gemeinsam mit Philipp Holstein, Kulturredakteur der „Rheinischen Post“ Bücher in der Stadtbücherei vorgestellt. Eine Ausnahme, wie sie sagt. Sonst hat sie seit ihrem Ausstieg beim WDR nichts mehr gemacht, keine Veranstaltungen moderiert, nicht mehr vor der Kamera gestanden. Vermisst sie ihren alten Beruf? „Im Moment nicht.“ Es habe Angebote und Anfragen gegeben, aber sie wollte nicht. Albrecht genießt es zu sehr, dass das Steigern von Adjektiven gerade ihre einzige Verpflichtung ist. Und dass sie viel Zeit für ihre Hobbys hat. Für Lesen, gern auch mal acht Stunden am Tag. Golf spielen mit Ehemann Götz. Und natürlich für Yoga. „Yoga hält mich am Leben, man kommt unheimlich gut runter“, sagt sie.

Langeweile? Kennt sie nicht. Am Carlsplatz ist sie gern, weil man dort immer Leute trifft und gut ein Glas Wein trinken kann. Einer weiterer Lieblingsort ist der Rhein. Sie wohnt in Pempelfort und ist froh, schnell dort zu sein. „Ich gucke gern aufs Wasser.“ 30 Jahre lang ist sie an dem Fluss entlang zur Arbeit gelaufen. Eine lange Zeit, die in der Rückschau so schnell vergangen ist. Einen Hund hätte sie gern, aber Ehemann Götz nicht. Im nächsten Jahr wollen die beiden nach Südafrika reisen, eines ihrer Lieblingsländer.

Was hat sie noch vor? Eine Liste mit Dingen, die sie unbedingt noch tun will, gibt es nicht. Petra Albrecht ist zufrieden und kann sich noch einiges vorstellen. Ein weiteres Studium zum Beispiel. Studentenpartys ebenfalls. „Das hat sich bisher noch nicht ergeben“, sagt sie und zeigt wieder ihr herzliches Petra-Albrecht-Lächeln, „aber ich bin offen für alles“.


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