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Vergesst die Oper – sie ist von vorgestern

Kollege Christian Herrendorf hat hier argumentiert, die Oper könnte vom Rand der Altstadt in Düsseldorf nach Duisburg gehen. Ich sehe das anders – sie muss in Düsseldorf bleiben. Nur anders als bisher. Und mit einem neuen Namen.

Veröffentlicht am 1. Juni 2021
Die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf am Rand der Altstadt. Foto: Andreas Endermann
Am Düsseldorfer Opernhaus ist im Moment dieses Plakat zu sehen. Foto: Andreas Endermann

Seit Monaten schon gibt es in Düsseldorf einen Disput über einen Neu- oder Umbau des Opernhauses. Aber im Grunde spricht kaum einer aus, was man endlich zu denken wagen sollte: Die Zeit üblicher Häuser dieses Genres ist vorbei. Muss vorbei sein. Will man sich der Musik auf einem differenzierten Weg widmen, sollte man den Mut haben, andere Wege zu gehen. Hin zu einem Kulturzentrum, das dieser Form der Kunst in all ihren Facetten gerecht wird. Und auch ein neues, ein jüngeres Publikum anspricht. 

Ursprünglich war es meine Absicht, über die Oper und ihre Zukunft zu schreiben, ohne ein einziges Mal den Begriff „Oper“ zu verwenden. Das jedoch hat nicht funktioniert – vor allem deshalb nicht, weil es um die „Deutsche Oper am Rhein“ geht. Um dieses Gebilde, das auch – noch sperriger – Zwei-Städte-Institut genannt wird, in einem für Außenstehende merkwürdigen Spannungsfeld zwischen den unterschiedlichen Städten Duisburg und Düsseldorf hin und her pendelt. Hier die reiche Landeshauptstadt, dort die vom Strukturwandel gebeutelte Reviermetropole. Sie ist bettelarm und würde sich schon glücklich schätzen, wenn ihre Gewerbesteuereinnahmen einmal die Höhe des Betrages erreicht, der in Düsseldorf als Steigerung zwischen den Jahren X und Y errechnet wird. Ungleiche Schwestern also, dennoch in einer Art Zweckbündnis gefangen, eingegangen vor Jahrzehnten, stets gehalten in Nibelungentreue. 

Zurück nach Düsseldorf. „Deutsche Oper am Rhein“. Schon der Name klingt wie ein Wagnerscher Wallkürenritt, und im Hintergrund vermeint man dräuende Fanfaren oder Bässe zu hören. Der Name soll wohl Gewicht versinnbildlichen, obwohl das Haus – das jedenfalls sagen Leute, die es besser wissen als ich – international nie die Erste Geige spielte. Aber egal. Düsseldorf will ein solches Haus haben, und vor allem – es behalten. Das ist auch richtig: Eine NRW-Landeshauptstadt braucht ein solches Angebot, das ist ein Standortfaktor und poliert das Image. 

Unzweifelhaft scheint, eine Sanierung der alten Immobilie nicht weiter zu verfolgen. Ohne beckmesserisch zu sein, weiß jeder, wie finanziell desaströs ein solcher Plan wäre, da man zwar am Rhein liegt, aber dessen Gold nur Sage ist.  Also ein Neubau. 

Die möglichen Grundstücke in der Innenstadt sind im Grunde alle nicht diskutabel. Am jetzigen Standort: zu wenig Platz. Man müsste den Hofgarten zwecks Erweiterung anknabbern, was bereits in den 1950er Jahren bei einem anderen Projekt am Protest der Düsseldorfer scheiterte. Heute ist das mehr denn je nicht durchsetzbar. Am Standort in die Höhe bauen geht nicht, weil man diese Art von Singspielen zwar breit, aber nicht hoch organisiert bekommt, heißt es. 

Rheinpark? Wer diese Grünfläche ernsthaft vorschlägt, kann nicht weiter weg sein von den Bedürfnissen der Menschen in den Ortsteilen Pempelfort, Golzheim und Derendorf. An schönen Tagen nutzen Tausende den Park, selbst bei Regen ist er beliebt. Zubauen? Geht auf keinen Fall. 

Die Grünfläche im Bereich Duisburger Straße/Vagedesstraße? Für die Anwohner einer der wenigen grünen Flecken, mit Bolzplatz. Finger weg! Das gibt Protest ohne Ende – zurecht. Und die Tonhallenstraße, dort wo früher die Tonhalle stand? Zentral, aber eng. 
Was also bleibt? Nur der Hafen. 

Und dort tut sich eine große Chance auf. Gebaut werden könnte ein Kulturzentrum für den großen Bereich Musik. Mit einer Bühne und der gesamten Technik für eine Oper, inklusive allem, was sie braucht. Andocken könnte man kleinere Bühnen für alternative Musikrichtungen, für private Initiativen. Aus der Stadt stammende Musiker wie die Toten Hosen oder Kraftwerk könnte man in Form eines wie auch immer gestalteten Museums würdigen, auch das weite und nur manchen zu banale Feld der Karnevals- oder Volksmusik sollte ein Zuhause finden. Einige der erfolgreichen Rapper (Kollegah) Deutschlands, andere hoch kreative Songwriter (Antilopen Gang, Broilers) unterschiedlichster Richtungen kommen aus Düsseldorf. Aber was sie tun, findet unter dem Radar klassischer Wahrnehmung statt. Und doch sind sie Teil der hiesigen Musikkultur. Warum also leistet sich Düsseldorf nicht eine Rheinphilharmonie der Musik? In der eine Oper nur ein Angebot von mehreren ist.

Wer nun die Nase rümpft, der sollte beachten, was eine Oper gängiger Finanzierung kostet – hoch subventionierte Plätze für eine überschaubare Zahl von regelmäßigen Konsumenten, mit Geld, das woanders auch sinnvoll eingesetzt werden könnte. Daher: Weitet den Betriff Oper aus, seht das Ganze wie einen Begegnungsort unterschiedlicher Interessen und Richtungen. Und sorgt für Leben im Haus auch tagsüber. Also müssen Gastronomie und ein Hotel rein, vielleicht sogar auch Büros. Was spricht dagegen, außer dem alten elitären Denken der sogenannten E-Musik? (Das E steht für „ernste“). 

Vor allem hätte man die Chance, architektonisch an diesem Standort im Hafen zu punkten. Es gibt, besonders in Skandinavien, reichlich Architekten, die großartige Gebäude aus Holz und/oder Stahl entworfen haben. Hingucker im wahrsten Sinne des Wortes, schon durch ihre Optik eine klare Botschaft für den Rest der Welt. Auf uns übertragen:  Düsseldorf traut sich was und komponiert ein eigenes Konzept für Musik. Und man geht ans Wasser, wo die bisherige Oper (trotz des Rhein im Namen) nicht wirklich war. Der Fluss, die Strömung – alles lässt sich großartig ins Gesamtkonzept einbinden, die Seebühne in Bregenz lässt grüßen. Wasser als Ursprung allen Lebens würde zum Teil eines architektonischen Konzepts und damit an große Vorbilder anknüpfen. 

Denn: ohne sich Größenwahn vorwerfen lassen zu müssen – Hamburg mit seiner Elphi und Sydney mit seiner einmaligen Oper dürfen ruhig Vorbilder oder Inspiration sein, beide sind nahe am Wasser gebaut. Und beide Bauwerke haben den Städten jeweils neue, unverkennbare Wahrzeichen beschert. Dass das Hamburger Projekt nach vielen Pannen und brutal überteuert beendet wurde, kann für Düsseldorf ein Vorteil sein: Von Hamburg lernen heißt aufs Geld achten lernen. 


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