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Stephan Kellers Führungscrew ist weiblich

Der Oberbürgermeister arbeitet mit einem Team ohne Männer an der Spitze. Wichtige Positionen wie Büroleitung, Medien und Organisation sind von Frauen besetzt. Das hat sich nicht zufällig so ergeben.

Von Hans Onkelbach (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 27. Oktober 2023
Ratssitzung 02/02/2023
Stefanie von Halen ist immer dabei, wenn Stephan Keller eine Ratssitzung leitet.

Wenn es um Effizienz in seinem unmittelbaren Umfeld geht, scheint Düsseldorfs Rathauschef Frauen mehr zuzutrauen als Männern. Eine Mitarbeiterin, die lange mit ihm gearbeitet hat, glaubt nicht, dass Keller grundsätzlich nur Frauen einstellt. Aber sie meint, er bevorzuge sie, weil er im Laufe der Zeit mit ihnen die besten Erfahrungen gemacht hat. Er hat daher wesentliche Bereiche rund ums Büro 01 (Rathaus-Jargon fürs Machtzentrum) ausschließlich weibliche Führungskräfte eingesetzt: 

Büroleitung
Wo bis vor wenigen Wochen der Keller-Vertraute Olaf Wagner (jetzt Dezernent für Personal und Digitales) die Fäden in der Hand hatte, steht nun Kristina Neven-Daroussis am Steuer. Dieser Job ist für den Oberbürgermeister extrem wichtig, er funktioniert nur mit einem engen Vertrauensverhältnis. Wer dort sitzt, kriegt alles mit, weiß alles und hat enormen Einfluss. Neven-Daroussis (47) ist Volljuristin und war viele Jahre in einer der bekanntesten Düsseldorfer Anwalts-Sozietäten (Heuking Kühn Lüer Wojtek) für öffentliches Wirtschaftsrecht zuständig. 2014 wechselte sie in die Verwaltung, Keller kennt sie noch aus seiner Zeit als Ordnungsdezernent.

Ihr früherer Arbeitgeber war in einigen der wichtigsten deutschen Wirtschaftsprozesse (zum Beispiel dem Diesel-Skandal bei VW) involviert und häufig für die Stadt tätig. Wer dort als Anwältin eingestellt wird, muss Top-Beurteilungen gehabt haben. Keller ist selbst Jurist und weiß daher die Kompetenz seiner engsten Mitarbeiterin zu schätzen. 

Leitung Fachreferenten 
Dafür ist Andrea Rzany (stellvertretende Büro-Leiterin) zuständig. Sie koordiniert die Zusammenarbeit mit den Vertretern oder besser: Experten aus den Dezernaten des Rathauses. Ihre Expertise wird quasi permanent gebraucht, weil niemand – auch Keller nicht – in sämtlichen Themen und Fragen der Verwaltung daheim sein kann. Keller hat sie seinerzeit mit nach Köln genommen, und als er von dort nach Düsseldorf ins OB-Büro wechselte, ging sie wieder mit. Das sagt viel aus über die Beziehung der beiden. 

Protokoll
Die Leiterin Areti Gagliardi (36) ist studierte Germanistin und Historikerin, hat Erfahrungen in der Staatskanzlei gesammelt und sitzt an einer zentralen Position, wenn es um offizielle Events im Rathaus geht. Wenn Könige, Präsidenten oder demokratisch gewählte Politiker kommen, wenn Prinz Harry mit Meghan zu Gast ist, Besuche auf hoher oder höchster Ebene stattfinden – die Protokollabteilung kümmert sich um alles. Was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Ein heikler Job, und immer dann nervenzehrend, wenn es konkret wird, der Gast also da ist. Dann muss alles funktionieren, und das Rathaus muss sich auf die Protokollabteilung verlassen können. Pannen können extrem peinlich sein. Meist klappt das. Leider ist diese Abteilung auch sehr diskret, was vor allem wir Journalisten bedauern, da man einen Schatz an Anekdoten hütet, wie ich vom früheren Chef der Abteilung weiß. Auch der hat nicht alles erzählt, aber – stets erst nach Abreise der Gäste – manches.

Ratsangelegenheiten
Stefanie von Halen ist Arbeitsrechtlerin, organisiert die kompletten Sitzungen des Stadtrats und seiner Ausschüsse für den Oberbürgermeister. Eine Aufgabe mit zentraler Bedeutung, denn in diesen Gremien tagt die Politik und nicht die Verwaltung. Es gilt, Vorlagen vorzubereiten, den Chef auf dem Laufenden zu halten, Termine zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass Keller optimal vorbereitet in diese Sitzungen geht. Das heißt: Es dürfte in Düsseldorf wenig Menschen geben, die ähnlich umfassend informiert sind über das, was im Rathaus gerade läuft, wie von Halen. Intern heißt sie „rechte Hand des Chefs“. 

Ehrenamt und Brauchtum
Die Diplom-Sozialarbeiterin Helma Wassenhoven (61) ist zuständig für alles, was in der Stadt mit ehrenamtlichem Engagement und Brauchtum zu tun hat. Und das ist eine Menge. Es gibt tausende von Ehrenamtlern, ohne die vieles nicht ginge. Aber auch Events wie Kö-Karneval, Frankreichfest und andere Veranstaltungen funktionieren nur, weil es Frauen und Männer gibt, die ihre Zeit dafür zur Verfügung stellen.

Und über die Bedeutung des Karnevals oder der Schützen muss man nicht reden: Sie sind im Sommer beziehungsweise im Winter sehr wichtig, tausende sind dort involviert, hunderttausende besuchen die verschiedenen Veranstaltungen. Es geht nicht nur um Spaß. Das Brauchtum ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Düsseldorf, denn es geht um Millionen Euro Einnahmen für Handel und Gastronomie. 

Internationales und Europa
Verantwortlich ist Jessica Breitkopf. Düsseldorf ist als Landeshauptstadt und ökonomisches Herz NRWs mit zahlreichen Städten und Regionen im Ausland bis nach Japan, Indien und China verbunden. Damit sind nicht nur die so genannten Partnerstädte gemeint, sondern auch andere Kommunen, zu denen man – nicht zuletzt über die Messe – einen engen Draht hat. Die Beziehungen wollen gepflegt, Besuche organisiert sein. Jessica Breitkopf hat diese Abteilung schon unter Thomas Geisel geleitet, und Keller war klug genug, sie zu behalten. Breitkopf ist Politologin, hat unter anderem in USA Law and Diplomacy studiert und spricht mehrere Sprachen. 

Medien/Stadtsprecherin 
Kerstin Jäckel-Engstfeld (derzeit in Elternzeit) ist gelernte Journalistin, hat als Redakteurin für die „Bild“-Zeitung gearbeitet. Ursprünglich hatte Thomas Geisel sie zur Leiterin des Presseamtes gemacht, aber mit dem überwarf sie sich. Keller kannte sie aus seiner Zeit als Dezernent in Düsseldorf – und holte sie zurück. Dass sie derzeit das Presseamt nicht leitet, liegt am Nachwuchs. Aber sobald es möglich ist, wird sie zurückkommen.

Der Job ist für eine Stadt wie Düsseldorf von hoher Bedeutung: Düsseldorf produziert täglich Nachrichten. Die Kommunikation nach außen und nach innen muss professionell abgewickelt werden. Außerdem ist die Leitung des Presseamtes auch immer „Stadtsprecher“, und damit Sprecher des Oberbürgermeisters. Das ist zwar arbeitsrechtlich nicht ganz korrekt, weil der Job bei der Stadt und nicht bei der Person des OB angesiedelt ist. Aber er ist ohne ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Rathaus-Chef und Spitze des Presseamtes nicht denkbar – von beiden Seiten. 

Diese Dezernate werden von Frauen geleitet
Britta Zur ist für den Bereich Ordnung, Sport und Bürgerservices zuständig, Cornelia Zuschke für die Stadtplanung, Miriam Koch für Kultur und Integration und Dorothee Schneider für die Finanzen. Zuschke und Schneider waren schon unter Thomas Geisel im Amt, Koch und Zur sind unter Keller und gewiss nicht ohne dessen Einfluss hinzugekommen. Britta Zur war vorher Polizeipräsidentin in Gelsenkirchen, und Keller hätte sie gern auf diesem Posten in Düsseldorf gesehen. Das jedoch klappte nicht, weil der bereits erkrankte Norbert Wesseler noch im Amt war und Innenminister Herbert Reul zögerte, ihn zum Ausscheiden zu bewegen.

Weitere Führungspersönlichkeiten in der Stadt
Noch weiter weg, aber dennoch im Orbit des Rathaus-Chefs ist seit einigen Wochen Annette Grabbe als neue Rheinbahn-Chefin angetreten. Dass Keller diese Entscheidung womöglich mit-beeinflusst hat, ist denkbar, aber nicht verbürgt.

Und Beobachter würde es nicht wundern, wenn demnächst die immer noch vakante Stelle des Polizeipräsidenten mit einer Frau besetzt würde: Die Leitenden Regierungsdirektorin Silke Wehmhörner sitzt seit Monaten kommissarisch auf diesem Posten und ist seit dem krankheitsbedingten Weggang des bisherigen Präsidenten Norbert Wesseler auffällig präsent. Bei der Pressekonferenz am 24. Oktober saß sie neben Innenminister Herbert Reul und Stephan Keller, als eine Bilanz des Projektes Sicherheit in der Innenstadt präsentiert wurde.

Aktualisierung: Im November entschied die Landesregierung, die Vize-Polizeipräsidentin Miriam Brauns aus Köln, an die Spitze des Düsseldorfer Präsidiums zu holen.

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