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Innenansichten eines Düsseldorfer Reichsbürgers

Jahrelang schickt Dimitri M. wirre Pamphlete durch Deutschland, ruft zum Staatsstreich auf, arbeitet angeblich sogar mit russischen Rechtsextremisten zusammen. Nach Gesprächen mit seiner Frau zeigt er sich vor Gericht reumütig. Eine Radikalisierungstragödie in fünf Akten.

Von Marc Latsch (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 1. Februar 2024
Prozess gegen mutmasslichen Reichsbürger Dimitri Metzler
Dimitri M. vor dem Düsseldorfer Landgericht. Er wurde wegen Verunglimpfung des Staates und Beleidigung verurteilt.

1. Akt: Die Show

Dimitri M. steht im Saal E.122 des Düsseldorfer Landgerichts. Er trägt eine schwarze Brille, ein hellblaues Hemd und einen dunkelblauen Anzug. Seine kurzen Haare sind von einer Kippa mit Davidstern-Muster bedeckt, um seinen Hals hängt eine Davidstern-Kette. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Talmud. Sein Anwalt hatte bereits vor Verhandlungsbeginn angekündigt, dass M. lieber stehen möchte. Egal worum es geht, der Angeklagte sagt nur den einzigen, immer gleichen Satz: „Ich höre Sie, aber ich verstehe Sie nicht.“

M. ist 52 Jahre alt, ein in Russland geborener deutscher Staatsbürger, seit 28 Jahren Düsseldorfer. Er arbeitet als Kommissionär im Schichtbetrieb. Das sind die Fakten für all jene, die anders als er die Bundesrepublik Deutschland für einen rechtmäßig existierenden Staat und nicht für eine illegale Nazikolonie halten. In den Briefen, für die M. vor der Staatsschutzkammer angeklagt wird, stellt er sich selbst völlig anders vor. Dort ist er ein „lebendiger Mann aus Fleisch und Blut“, der in der Nähe von Düsseldorf, aber außerhalb der Bundesrepublik Deutschland wohnt und als Hoher Kommissar und Militärattaché der UDSSR im Deutschen Reich arbeitet. Diese Briefe schickte er beispielsweise an alle Generalstaatsanwälte des Landes oder stellte sie ins Internet. In ihnen drohte er, beleidigte und befahl die Verhaftung aller „Mitarbeiter“ des nach wie vor existierenden Dritten Reichs. Über sie solle dann ein „Nürnberger Tribunal II“ richten.

Die Verhandlung bleibt an diesem ersten Tag zunächst zäh. Der Richter versucht es immer wieder mit Fragen. Ob sich M. zu seiner Person äußern wolle? Zur Sache? Zu seiner Arbeitsstelle? „Ich höre Sie, aber ich verstehe Sie nicht.“ Das ändert sich erst, als der Richter fast aufgibt. Ein letztes Mal hatte er M. erklärt, dass das Gericht Informationen zu seinen Vermögensverhältnissen benötige. Wenn er nicht antworte, müsse eben der Staatsschutz bei seinem Arbeitgeber nachfragen. Ob er nicht doch etwas sagen möchte? „Ja.“

2. Akt: Die Krise

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