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Düsseldorfs nächster Oberbürgermeister wird ein(e) Grüne(r) –

... falls die Partei es schafft, ihren derzeitig guten Lauf beizubehalten. Im Vergleich mit früheren Wahlen hat sie an Stimmen gewonnen. Das zeigt auch die Analyse des Votums für den Bundestag vom 26. September.

Veröffentlicht am 4. Oktober 2021
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Am Abend der Kommunalwahl 2020 freute sich der Grünen-Spitzenkandidat Stefan Engstfeld (hier mit Co-Parteichefin Paula Elsholz) über sein gutes Ergebnis. Foto: Andreas Endermann

Wenn es so weitergeht wie in den letzten Jahren wird Düsseldorf immer grüner, und damit sind keine Bäume oder Wiesen, sondern damit ist die politische Großwetterlage gemeint. Wagen wir also einen Blick auf das Jahr 2025. Da stehen die nächsten Kommunalwahlen an. Der Chef im Rathaus, Stephan Keller (CDU), und seine Partei werden bei diesem Votum mit hoher Wahrscheinlichkeit als härtesten Gegner die Partei haben, mit der sie zurzeit in einer Kooperation namens Grüko die Stadt führen: die Grünen.

Die erleben einen stetigen Zuwachs ihrer Stimmanteile. Bei den Kommunalwahlen 2020 holten sie 24,1 Prozent, und waren damit hinter der CDU (mit 33,3) die zweitstärkste Gruppe. 2014 hatten die Grünen kommunal noch bei 13,8 Prozent gelegen. Bei der Europawahl 2019 waren sie in Düsseldorf mit 29,2 Prozent auf Platz 1. Und bei der Bundestagswahl 2017 holten sie in Düsseldorf 10,1 Prozent, am 26. September waren es nun 22,5. Sie bewegen sich damit in Größenordnungen wie die SPD mit 23,4 und die Union mit 24,2 Prozent.

Allerdings unterscheiden die Düsseldorfer Wähler jeweils bewußt zwischen Europa-, Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahl. Das zeigen die Ergebnisse deutlich. Vor allem die Kommunalwahl ist eine auf die Spitzenkandidaten fokussierte Entscheidung. Sollten die Grünen also 2025 mit einer charismatischen und kommunikativ geschickten Person antreten, wären ihre Chancen gut. Es ist jedoch nicht absehbar, wie Rathauschef Stephan Keller bis dahin seinen Job macht und ob er womöglich einen hohen Amts-Bonus erreicht. Und ob er überhaupt wieder antritt. Sollte sich die Wanderung vieler Wähler zu den Grünen stabilisieren, geschieht das, was in der Überschrift prophezeit wird: Die Spitze im Rathaus wird ein grünes Parteibuch haben.

Zurück zur Analyse der Bundestagswahl, erstellt vom Statistikamt der Stadt, und den vier wichtigsten Düsseldorfer Ergebnissen:

  1. Die CDU verliert am stärksten von allen Parteien und das in sämtlichen Stadtteilen.
  2. Gewinner der Wahl in Düsseldorf sind die Grünen. Sie legen überall zu, bekommen Wähler von allen anderen Parteien und geben nur wenige ab.
  3. Auch die SPD ist in einem positiven Trend: Insgesamt liegen die Sozialdemokraten zwar knapp hinter der CDU, aber sie wachsen über ganz Düsseldorf verteilt, verlieren nur minimal in drei Stadtteilen.
  4. Bei der FDP zeigt die Kurve ebenfalls nach unten. Sie verliert durchweg und verschlechtert ihr Ergebnis verglichen mit 2017 deutlich (von 17,6 auf 14,3). Wie die CDU kann sie vor allem in den bürgerlichen Stadtteilen weniger Wähler überzeugen.

Nun zu den Parteien im Einzelnen. Die hier aufgeführten Zahlen vergleichen die Bundestagswahlen 2017 und 2021:

CDU
Die Union hat in keinem der Düsseldorfer Stadtteile mehr Wähler als 2017 von sich überzeugen können, sondern verlor überall: von minus 0,3 Prozentpunkten in Hubbelrath bis zu minus 9,3 in Itter. Selbst in Hochburgen wie Lörick, Hamm und Oberkassel – überall steht ein Minuszeichen vor den Zahlen der Union. Höchst unterschiedlich sind die Werte der so genannten Wählerwanderung mit Blick auf die CDU. Sie gewann Wähler von
SPD: 700
FDP: 2700
AfD: 900
Grüne: 600
Linke: 500
und hat 1200 Nichtwähler überzeugen können.

Aber sie verlor an die
SPD: 1200 Wähler
FDP: 1000
AfD: 700
Grüne: 20.100
Linke: 700
Sonstige: 800
Nichtwähler: 1200

Das macht per Saldo einen Stimmverlust von 18.700 Stimmen. Damit steht die CDU auf Platz 1 der Verliererliste. Dass ausgerechnet von ihr 20.100 Wähler zu den Grünen gewechselt sind, zeugt von einer wachsenden Zahl urban lebender Menschen, die ursprünglich konservativ gewählt haben und denen die Ziele der Grünen – mindestens auf Bundesebene – wichtig sind. Dass fast die gesamte Düsseldorfer Innenstadt mehrheitlich Grün gewählt hat, passt zu diesem Trend. Nicht zu unterschätzen ist bei dieser Wahl jedoch der Anti-Laschet-Effekt: Selbst unter den CDU-Wählern war der Spitzenkandidat wenig beliebt. Insofern hat Laschet den Grünen geholfen.

SPD
Bis auf drei Stadtteile holten die Sozialdemokraten überall mehr Stimmen als 2017. Ausgerechnet das gutbürgerliche Angermund steht bei den Genossen mit einem Stimmenplus von 5,2 Prozentpunkten an erster Stelle. Den geringsten Zuwachs haben sie in Holthausen (+ 0,5) und Reisholz (+0,2). Im Minus ist die SPD in Friedrichstadt (-0.1), Oberbilk (-0,9) und Flingern-Süd (-1,0). Die SPD gewann Stimmen von
CDU: 1200
FDP: 6000
AfD: 3100
Grüne: 600
Linke: 1300
Sonstige: 600
Nichtwähler: 1600

Und sie verlor Wähler an
CDU: 700
FDP: 1000
AfD: 600
Grüne: 1200
Linke: 600
Sonstige: 700
Nichtwähler: 1900

Unterm Strich bleibt für die SPD ein Plus von 7700 Stimmen. Eine Zahl fällt dabei besonders auf: 6000 FDP-Wähler haben sich für die SPD entschieden. Ein Fakt, der den in Düsseldorf stets starken Liberalen zu denken geben wird. Den Sozialdemokraten ist es außerdem gelungen, 3100 zur AfD abgewanderte Stimmen zurückzuholen.

FDP
Die Liberalen haben Federn lassen müssen. Ein Trost: Bundesweit lag die Partei bei den Erstwählern zusammen mit den Grünen auf Platz 1. Was Beobachter auch auf den gut gemachten Social-Media-Auftritt der Blau-Gelben zurückführen. Sie haben die Kanäle Instagram, Facebook und TikTok intensiv und offenbar bei den jungen Leuten glaubhaft bespielt. Aber in Düsseldorf hat ihnen das nicht geholfen. Alarmierend muss sein, dass man an die SPD 6000 und an die Grünen 7400 Wähler verloren hat. Insgesamt hat sich das FDP-Ergebnis von 17,6 (2017) auf 14,3 verschlechtert. Die Plus-Minus-Rechnung im Detail: Die FDP holte bei der
SPD: 1000
CDU: 1000
AfD: 900
Grüne: 600
Linke: 2100
Sonstige: 700
Nichtwähler: 1400 Stimmen

Und sie gab Wähler ab an die
CDU: 2700
SPD: 6000
Grüne: 7400
Sonstige: 600
Nichtwähler: 500

Unterm Strich ergab sich ein Stimmenverlust von 10.200 Wählern. Für eine kleine Partei wie die FDP sehr bitter.

Grüne
Die Grünen sind, obwohl im Gesamtergebnis nicht an der Spitze, die Gewinner dieser Wahl. Sie haben von allen Parteien erhebliche Anteile holen können und nur minimal abgeben müssen. Per Saldo zählen sie bei einem Stimmenanteil von 22,5 Prozent (2017: 10,1) ein Plus von 39.400 Wählern. Sie holten bei
CDU: 20.100
SPD: 1200
FDP: 7400
AfD: 500
Linke: 9400
Sonstige: 600
Nichtwähler: 3500 Stimmen.

Die letztgenannte Zahl ist übrigens die höchste aller Parteien. Es handelt sich dabei um Wähler, die zuvor nicht abgestimmt haben, sich nun aber von den Grünen überzeugen ließen.

Die Grünen gaben Wähler ab an
CDU: 600
SPD: 600
FDP: 600
Sonstige: 500

AfD und Linke verloren deutlich: die AfD 8700 Wähler, die Linke 14.900. Beide Parteien haben keine oder keine nennenswerte Zahl von Wählern anderer Parteien zu sich holen können. Beide verloren vor allem an die „Sonstigen“.

Was bedeutet das Ergebnis für die Stadt? Eine Einordnung:

CDU und Grüne
Ausgerechnet die im Herbst 2020 begonnene Kooperation zwischen diesen beiden Parteien muss mit der auffallendsten Wählerwanderung von einem Partner zum anderen klarkommen: 20.100 frühere CDU-Wähler machten ihr Kreuz bei den Grünen. Das muss die CDU im Rathaus alarmieren. Es droht das, was in Unionskreisen schon immer gefürchtet wurde: Geht man zu stark auf die Wünsche des Partners ein, leidet das eigene Profil. Es wird spannend sein zu sehen, wie die Schwarzen darauf reagieren, dass die Grünen im Herzen Düsseldorfs für die dort lebenden Menschen immer attraktiver werden.

Auf jeden Fall steckt die Düsseldorfer CDU in einem Dilemma: Auf der einen Seite will und muss sie mit dem ungewohnten Partner die gemeinsam formulierten Ziele anstreben. Auf der anderen Seite muss sie aufpassen, nicht in den kommenden vier Jahren den Grünen dabei zu helfen, gemeinsam umgesetzte erfolgreiche Politik für sich zu reklamieren und damit den Boden zu bereiten für einen Wahlsieg bei der Kommunalwahl 2025. Was da auf sie zukommt, ist schon jetzt spürbar: Die Spitzen-Grünen Clara Gerlach (Bürgermeisterin) und Norbert Czerwinski (Fraktionssprecher) treten seit einiger Zeit – sagen wir: äußerst selbstbewusst auf. Angesichts der neuen Zahlen und der neuen Bedeutung ihrer Partei als Kanzlermacher dürfte sich das noch steigern, Demut vor dem (noch) größeren Partner ist nicht zu erwarten.  

SPD
Schon einmal, 2014 nach dem Sieg von Thomas Geisel, fühlten sich die Genossen wieder in der Erfolgsspur. So wie jetzt. Danach wurde Zeit vertan, in der man sich besser hätte neu orientieren, andere Wählergruppen erreichen müssen. Das hatte die bekannten Folgen bei der Kommunalwahl 2020, als die SPD in Düsseldorf ihr schlechtestes Ergebnis einfuhr. Nun wird man erneut dem Irrtum erliegen, auf dem richtigen Weg zu sein. Dabei war vor allem der Trend pro Olaf Scholz hilfreicher Genosse. Immerhin hat man den schon als Verlierer abgestempelten Andreas Rimkus erneut nach Berlin schicken können. Und die bislang unbekannte Zanda Martens hat es ebenfalls geschafft: Dank des sehr guten Gesamtergebnisses zog ihr Listenplatz, die Düsseldorfer SPD hat nun zwei Abgeordnete im Bundestag.

FDP
Die Liberalen sind in einem Wechselbad der Gefühle. In Berlin sind sie das, was sie vor Jahren schon einmal waren: die Königsmacher. Sie bestimmen mit, wer Kanzler wird. Dabei könnten sie in einer Ampel als einzige bürgerliche Kraft dieses Profil schärfen, während es bei Jamaika mehr bei der Union verortet würde. So oder so – sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer neuen Regierung sitzen. Ihre Düsseldorfer Abgeordnete, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, für kommunalpolitische Fragen zuständig und verteidigungspolitische Sprecherin, wurde jüngst sogar als nächste Verteidigungsministerin ins Gespräch gebracht.

Diesem Hochgefühl verpasst das Düsseldorfer Ergebnis einen argen Dämpfer: deutliche Verluste, vor allem Richtung SPD und Grüne. Die Gründe dafür sind vielfältig. Dazu zählen der Berlin-Sog Richtung Scholz und gegen Laschet sowie der Fluch des Erfolgs. In allen Prognosen standen die Blau-Gelben zweistellig da, brauchten also vermeintlich nicht die volle Unterstützung der Wähler, die daher auch in Düsseldorf lieber rot-grün gewählt haben.


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