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Dinge, die wir über Obdachlose nicht wissen, aber wissen sollten

Wissenschaftler:innen haben mit einem bisher nicht dagewesenen Aufwand ermittelt, wie viele Menschen in Düsseldorf auf der Straße leben und wie ihr Leben dort aussieht. Das Ergebnis ist bitter, aber auch wichtig, um passend zu helfen.

Veröffentlicht am 23. August 2022
Ingenhoven-Tal Düsseldorf
Ein Obdachloser auf dem Gustaf-Gründgens-Platz in Düsseldorf. Foto: Andreas Endermann

Sozialwissenschaftliche Erhebung klingt nach trockener Materie, liefert uns in diesem Fall aber wichtige Erkenntnisse aus dem Leben in Düsseldorf: Es verändert unser Wissen über Obdachlosigkeit in der Stadt. Bisher ist dieses sehr oberflächlich. Wir sehen Menschen, die im Hofgarten in der Unterführung übernachten oder im Hauseingang an der Berliner Allee. Wir kennen die Verkäufer:innen des Straßenmagazins „fiftyfifty“ vom kurzen Gespräch vor dem Supermarkt. Mehr wissen wir in der Regel nicht.

Erhebungen gibt es seit 27 Jahren, aber nun zum ersten Mal ein umfassendes Bild. Früher wurde ausschließlich gezählt – von etwa 25 Personen und deshalb nicht im ganzen Stadtgebiet. Nun waren 141 Helfer:innen im Einsatz, die sich ganz Düsseldorf vornehmen konnten. Sie brachten viel mehr belastbare und präzisere Zahlen zusammen und dank 30 Interviews mit Betroffenen erstmals auch Angaben zum Alltag der Betroffenen. Damit gibt es nun eine andere Grundlage für Entscheidungen im Rathaus und bei den Wohlfahrtsverbänden. Ich stelle hier die wesentlichen Punkte der Erhebung vor, die Anne van Rießen, Reinhold Knopp, Kymon Ems, Bettina Nabbefeld und Julia Thissen für den Verein für Forschung und Praxistransfer in Kultur- und Sozialarbeit durchgeführt haben.

Es gibt mehrere hundert Obdachlose – und erschreckend viele Gefährdete

Für die erste „stadtweite Vollerfassung“ wurden verschiedene Werte zusammengeführt: die Ergebnisse einer Zählung in der Nacht des 28. Oktober 2021 und die einer Abfrage bei relevanten Akteuren wie Kliniken, Polizei, Jobcenter und Trägern der Wohnungslosenhilfe. Die Zähler:innen erfassten 239 Menschen, die im Stadtgebiet obdachlos waren oder schienen. Die Kliniken meldeten in der Nacht des Stichtags 22 Personen ohne festen Wohnsitz, die Notschlafstelle 198 Untergebrachte. Das sind in Summe 459 Obdachlose.

Die Abfrage bei den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ergab eine erschreckende weitere Zahl. Die Einrichtungen ermöglichen Menschen, dass sie diese als Postadresse angeben können, so dass sie zum Beispiel im „Café Pur“ oder bei den Franzfreunden ein Postfach haben. Diese Möglichkeit nutzten 2241 Personen.

Die Interpretation der Expert:innen: Dieses Ergebnis weist auf ein hohes Maß an „verdeckter Wohnungslosigkeit“ hin. Damit sind Menschen gemeint, die in prekären Wohnverhältnissen leben, etwa im Auto, in unzureichenden Häusern oder in einer so unsicheren Situation, dass sie sich nicht trauen, die Wohnung als Postadresse zu nutzen. Oder die mal hier und mal da bei Bekannten und Verwandten schlafen und deshalb bei Zählungen auf der Straße nicht erfasst werden.

Flucht vor Gewalt ist einer der Hauptgründe für Obdachlosigkeit

In den 30 Interviews wurden die Betroffenen unter anderem nach der Ursache ihre Situation gefragt. Dabei wurde der Verlust von familiären und persönlichen Beziehungen oft genannt, einige Male Drogensucht. Auffällig: Fast die Hälfte der befragten Frauen gab an, Gewalt in der Beziehung oder der Familie sei ausschlaggebend für die eigene Wohnungslosigkeit gewesen.

Angst und Unsicherheit prägen den Alltag

Eine Mehrheit der Befragten hat Gewalt erlebt: Raub, Körperverletzungen mit Bierflaschen oder Messern, Schlägereien. Einer der Befragten (47) beschreibt es so: „„Man hat mich so oft beklaut, man hat mich angezündet im Schlafsack, man hat mich angezündet im Zelt und ich bin immer froh gewesen, dass ich rausgekommen bin, bevor irgendwas passiert ist.“ Angst und Unsicherheit prägt vielfach den Alltag, insbesondere in der Nacht.

Gegen Kälte hilft auch keine Krankenversicherung

Fast alle Befragten sind krankenversichert. Darüber, wie die Betroffenen die damit verbundenen Möglichkeiten nutzen, sagt das allerdings noch nichts aus. Viele beschreiben ihre Kontakte mit Ärzt:innen oder Kliniken negativ, Ausnahmen bilden das medizinische Versorgungszentrum und der Medizinbus. Folglich ist der Gesundheitszustand oft schlecht. Die am meisten genannten Beschwerden sind schlechte Zähne, Suchtprobleme und Folgen von Kälte.

Kältebedingte Schwierigkeiten treten meist in Armen, Händen, Beinen und Füßen auf, die auch lange Zeit später noch sehr empfindlich sind. Ein Befragter (51) erläutert, was die Kälte mit ihm gemacht hat: „Manchmal wollte ich einschlafen und nicht mehr aufwachen, weil es so kalt war.“

Notschlafstellen sind eher Teil des Problems als Teil der Lösung

Diese Einrichtung wird an verschiedenen Stellen der Interviews erwähnt – und unterschiedlich bewertet. Für manche ist es das Dach über dem Kopf, das verhindert, dass man draußen schlafen muss. Weibliche Befragte gaben an, dort Schutz vor sexuellen Übergriffen zu finden. Ein anderer nannte die Notschlafstellen „ekelhaft“ und sagte: „Alles wird geklaut.“

Wohnung bedeutet Wende

Es klingt banal, muss aber trotzdem betont werden: Mit einer Wohnung wird vieles anders. Deshalb ist das Konzept „Housing first“ entstanden, über das ich hier bei VierNull berichtet habe. Obdachlose erhalten ohne besondere Bedingungen als ganz normale Mieter eine Wohnung und damit die entscheidende Grundlage, um den Rest ihres Lebens wieder zu ordnen. Die Erfolgsquoten des Projekts sind entsprechend hoch.

Dazu brauchen die Betroffenen allerdings Hilfe von Organisationen und Vereinen. Anders finden sie kaum bis nie etwas. Es gebe zu wenig Sozialwohnungen und die Kosten seien zu hoch, sagen diejenigen, die es auf dem freien Markt probiert haben.

Der Gute-Nacht-Bus hat eine ungeahnte Bedeutung

Dieses Angebot für Wohnungslose haben viele in der Altstadt oder am Hauptbahnhof schon einmal gesehen. Für Außenstehende scheint es dort vor allem um ein warmes Getränk oder etwas zu essen zu gehen. Das stimmt grundsätzlich auch, ein weiterer Aspekt ist in den Interviews deutlich geworden: Dort gibt es auch Kleidung, und dieses Angebot nutzt ein Viertel der Befragten – auch weil die Leistungen nach SGB II („Hartz IV“) bei den meisten nicht reichen.

Wünsche und Hoffnungen

Zum Schluss des Interviews wurden die Gesprächspartner gefragt, wie sie ihre Lebenssituation in einem Jahr sehen. Dabei ist zumindest einiges an Hoffnung zu lesen: „Wenn alles gutgeht, habe ich bis dahin eine Wohnung gefunden und fange dann an, so langsam mein Leben wieder zurecht zu sortieren, so wie ich es kenne.“ Oder: „Lebe mein Leben wieder ganz normal, wie vorher auch“. Weitere Wünsche lauten „auf eigenen Beinen stehen“, „clean werden“ und „keine Angst mehr haben“.

Fazit

Die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis nach Lektüre der Erhebung ist, dass Obdachlose keine homogene Gruppe sind, sondern eine Vielzahl von Ursachen, Ausprägungen, Sorgen und Wünschen vorliegt, die vielfältig angegangen werden muss. Eines gilt zugleich für alle. Nur eine Wohnung bietet wirklich eine Perspektive, der Titel des damit verbundenen Hilfsprogramms trifft es deshalb genau: Housing first. Erst die Wohnung.


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