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Blick in Abgründe: Was der Krieg mit der Düsseldorfer Grünen im Bundestag macht

Sara Nanni zog im September 2021 in den Bundestag ein. Fünf Monate später griff Russland die Ukraine an. Und die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen musste sehr schnell sehr viel lernen.

Veröffentlicht am 17. Januar 2023
Bundestagswahl 2021
Sara Nanni am Abend der Bundestagswahl 2021 in Düsseldorf. Foto: Andreas Endermann

Viel Muße blieb Sara Nanni nicht. Anders als sonst für Neulinge im Berliner Politbetrieb waren nur die ersten Wochen halbwegs normal. Wohnung suchen, sich zurechtfinden im neuen Umfeld, Kontakte knüpfen, alte erneuern. Die Umgebung war ungewohnt, die Erwartung hoch. Und dann kam der 24. Februar 2022 – und plötzlich alles war anders. Später wird Nanni über diese Zeit sagen, noch nie habe sie so viel so schnell lernen müssen.

Theoretisch war sie gut vorbereitet. Jedenfalls besser als andere. Aber eben nur theoretisch. Sara Nanni hat ihren Master gemacht in Friedens- und Konfliktforschung, wissenschaftliche Studien zu Friedensarbeit, militärischer Transformation, Salafismus und Radikalisierung betrieben. Sie ist während ihres Studiums und danach tief eingetaucht in diese Themen und beschreibt sie so: Der Krieg als Fortsetzung politischen Handelns bis hin zum Völkermord sei ihr Gebiet gewesen. „Ich habe sehr früh hineingeschaut in die Abgründe menschlichen Handelns.“ Dabei habe sie gesehen, was Menschen einander antun. Grausamkeit sei ihr also nicht fremd gewesen. Aber das live zu erleben, habe eine andere Dimension. Vor allem für eine Grünen-Politikerin, bei der die Friedensbewegung und die Ablehnung von Gewalt sozusagen Teil der DNA ist.

Was das mit ihr gemacht hat? Im Gespräch wird klar, wie sie sich einen gewissen Pragmatismus entwickelte im Umgang mit diesem Krieg. Nanni spricht von einem „krassen Bruch“, weil es heute zu ihrem Job gehöre, über eine Erhöhung der Militärausgaben zu verhandeln. Also vorbei mit „Frieden schaffen ohne Waffen“. Dass sie angesichts der Ungeheuerlichkeiten nicht komplett durchdreht, führt sie auf ihren wissenschaftlichen Background zurück. Ihre Kenntnisse zu Konflikten und Kriegen der Vergangenheit, deren Auslösern und den Folgen. Das zu analysieren und daraus zu lernen, fange sie auf. Und sie hilft damit auch anderen im Parlament, denen dieser Background fehlt. Regelmäßige Gespräche mit politischen Freunden ihrer Partei drehen sich sehr oft um den Krieg. Wenn sie davon erzählt, klingt an, wie tief die Erschütterung bei diesen Menschen sein muss, denen eine ganz andere Politik vorschwebte, und die nun ihre Spitzenkräfte unterstützen bei der Forderung nach mehr und besseren Waffen für die Ukraine. Aber: Die Gruppe ist für sie ein Hort der Stabilität, man hält einander fest.

Nanni kann das auf eine coole Art wissenschaftlich formulieren. Sie spricht von Normen, die es zu stärken gilt – und der zu leistenden Überzeugungsarbeit, wenn einer dagegen verstößt. Dem müsse man klarmachen, dass es sich am Ende nicht lohnt. Dahinter steckt eindeutig, ohne dass sie das ausspricht, der Wille, es notfalls auch gewaltsam durchzusetzen – so wie es die Grünen jetzt für die Ukraine fordern. An der Spitze: Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock. Nanni teilt diese Einschätzung ganz offensichtlich.

Dennoch: Es macht ihr Angst, was passiert. Bei Nanni sind es nicht nur die Bilder zerstörter Städte, vertriebener Menschen, von Kugeln durchsiebter Autos, die sie schockieren.  Sie spricht nicht darüber, aber dass sie in den vergangenen Monaten weitaus schlimmeres zu Gesicht bekommen hat, darf man voraussetzen. Sie sitzt an einer Stelle im Bundestag, an der Zurückhaltung bei der Weitergabe von Informationen, gar gnädiges Filtern, nicht zielführend oder gar ethisch geboten sind. Vieles darf und kann sie nicht erwähnen, aber als Mitglied des Verteidigungsausschusses ist sie im Hinblick auf den Krieg und seine Details ganz vorne dabei.

Daher kommt ihre Beunruhigung eben nicht nur von dem Gesehenen. Sondern vor allem von dem, was sie durch ihre Studien wusste und durch aktuelle Hintergrundinformationen weiß. Nanni ist erstklassig informiert über all das, was jenseits öffentlicher Verlautbarungen läuft, wie die internationalen Beziehungen sich abzeichnen. Welche Rolle der Krieg dort spielt, wie die Einschätzungen sind. Offenbar musste sie Tatsachen akzeptieren, deren Komplexität sie beunruhigen.

Aufgrund ihres Mandats hat sie regelmäßig den Kanzler getroffen. Abgescannt habe sie den, sich Punkt für Punkt angehört, was er sagte und sich dann gefragt „Hat er verstanden, was da gerade passiert?“ Offenbar ja, deutet sie koalitionsloyal an  – aber das daraus erfolgte Handeln sei ihr zu zögerlich. Immerhin, findet Nanni, die Richtung in der Ampel stimmt.

Aber wie ist es daheim, in Düsseldorf, wo der Ehemann (Hochzeit vor elf Jahren) und die Tochter (7) leben? Dinge dieser Dimension legt man abends oder am Wochenende nicht ab wie einen Rucksack, die nimmt man mit. Ja, das stimmt, gibt sie zu. Und spricht von der Permanenz der Probleme. Allerdings hat sie Mechanismen entwickelt, sich abzulenken. Mit der Tochter schwimmen zu gehen, klappt gut. Nicht zuletzt, weil dann das Handy außer Reichweite sein muss. Oder ein Besuch im Phantasialand oder Schlittschuhlaufen – sie nennt es Freizeit-Action, die den Kopf frei macht. Und Nanni übt sich in Sarkasmus: „Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter!“ ist einer ihrer Leitfäden.

Weiterführender Link

Ein Interview mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Sara Nanni zu Beginn des Ukrainekriegs: „Wir hatten die Wahl zwischen einer schlechten und einer noch schlechteren Lösung. Wir haben die weniger schlechte genommen“


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