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Angela Erwin: Siegen oder fliegen

Die Landtagsabgeordnete steht auf Platz 19 der Reserveliste. Voraussichtlich zieht die Liste bei der CDU aber nicht oder nicht weit. Dann muss Angela Erwin ihren Wahlkreis gewinnen, um wieder ins Parlament einzuziehen. Auch für zwei andere Düsseldorfer ist die Frage der Reserveliste wichtig.

Von Christian Herrendorf
Veröffentlicht am 26. April 2022
CDU Kreisparteitag 2022
Die stellvertretende Düsseldorfer CDU-Vorsitzende Angela Erwin beim Kreisparteitag Anfang April. Foto: Andreas Endermann

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gibt es 128 Wahlkreise, also auch 128 Menschen, die als direkt gewählte Abgeordnete ins Parlament entsendet werden. Hinzu kommen mindestens 53 weitere Abgeordnete, je nach Überhang- und Ausgleichsmandaten auch mehr. Das heißt: Die übrigen Sitze werden über die Reservelisten vergeben. Auf diesem Weg ziehen vor allem die Vertreter:innen der kleineren Parteien in den Landtag ein, aber auch einige weitere von CDU und SPD. Das setzt allerdings voraus, dass deren Stimmanteile ihnen mehr Sitze ermöglichen, als sie Direktmandate holen.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Bei der Wahl 2017 holte die SPD 31,2 Prozent. Das entsprach 69 Sitzen. Die sozialdemokratischen Kandidat:innen holten 56 Direktmandate. Diese 56 Politiker:innen zogen direkt ins Parlament ein, zu ihnen gesellten sich 13 weitere von der Reserveliste. In diesen Fällen spricht man dann davon, dass die Liste bis zu einem bestimmten Platz „zieht“.

Folglich ist es gleichermaßen für große und kleinere Parteien spannend, bis zu welchem Platz die Reservelisten ziehen. 2022 sind davon drei Düsseldorfer:innen besonders betroffen. Und die Grünen spielen dabei eine bisher nicht gewohnte Rolle.

Angela Erwin
Als Landesvorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung hat die 41-Jährige Listenplatz 19 erhalten. Faktisch steht sie auf Rang 18, weil die als Nummer sechs geführte Ursula Heinen-Esser als Umweltministerin zurückgetreten ist und erklärt hat, im Fall einer Wahl ihr Landtagsmandat nicht anzutreten.

Aber auch der faktische Platz 18 ist alles andere als beruhigend für Angela Erwin. Das verdeutlicht der Blick auf den noch aktuellen Landtag. Darin ist die CDU mit 72 Politiker:innen vertreten. Alle 72 sind direkt gewählt worden. Die jüngsten Umfragen sehen die CDU bei ähnlichen Werten wie vor fünf Jahren, das heißt, es ist gut möglich, dass wieder ausschließlich Direktkandidat:innen der CDU ins Parlament einziehen.

Das erhöht den Druck für Angela Erwin, im Wahlkreis die meisten Stimmen zu holen. Sie hat dort allerdings starke Konkurrenz: die SPD-Co-Vorsitzende Annika Maus und den Grünen-Landtagsabgeordneten Stefan Engstfeld. Dessen Partei hat in dem Wahlkreis (Linksrheinisches und südliches Zentrum) einige Hochburgen mit regelmäßigen Ergebnissen um und über 30 Prozent. Es ist also durchaus möglich, dass die Grünen ein Direktmandat in Düsseldorf holen.

Sollte Angela Erwin also Annika Maus oder Stefan Engstfeld unterliegen, geht der bange Blick auf die Reserveliste. Auf den Plätzen vor der Düsseldorferin steht einige Abgeordnete, die beim letzten Mal ein Direktmandat geholt haben. Diese bräuchten ihren Listenplatz nicht, wenn sie erneut im Wahlkreis erfolgreich sind. Damit rückte Angela Erwin rechnerisch weiter nach vorne.

Auf den ersten Plätze der CDU-Liste stehen zudem einige der jetzigen Minister:innen. Sollte die CDU nach dem 15. Mai nicht erneut Teil der Landesregierung sein, ist vorstellbar, dass nicht mehr alle der jetzigen Minister als Abgeordnete weitermachen, etwa Herbert Reul (69 Jahre alt) oder Karl-Josef Laumann (64). Das würde weitere Schritte nach vorne für Angela Erwin bedeuten.

All diese Rechnungen sind aber vergeblich, wenn die Liste gar nicht zieht. Dann kann die jetzige Abgeordnete nur darauf hoffen, dass Mitglieder des Landtags im Laufe der Legislaturperiode ausscheiden und sie nachrückt. Das ist in den vergangenen fünf Jahren bei der CDU ein halbes Dutzend Mal der Fall gewesen – kann aber mehrere Jahre dauern.

Für die anderen drei christdemokratischen Landtagskandidaten gilt angesichts ihrer Listenplätze auf jeden Fall „Siegen oder fliegen“. Sie müssen den Wahlkreis gewinnen, andernfalls scheiden sie aus dem Parlament aus.

Markus Weske
Der momentan einzige sozialdemokratische Landtagsabgeordnete aus Düsseldorf steht ebenfalls auf Listenplatz 19. Zur Erinnerung: Bei der Wahl 2017 holte die Partei 56 Direktmandate und 69 Sitze. Zu den 13 Politiker:innen, die über die Liste in den Landtag kamen, zählte Markus Weske.

Laut Umfrage erwartet die SPD am 15. Mai ein ähnliches Ergebnis wie vor fünf Jahren. Also muss Markus Weske, wenn er im Düsseldorfer Norden keine Mehrheit holt, erneut schauen, wer vor ihm steht. Sollte die Liste zum Beispiel wieder bis Rang 13 ziehen, müssten mindestens sechs Sozialdemokraten, die vor ihm platziert sind, Direktmandate holen. Die Chancen stehen gut. Mindestens sechs der dort geführten Politiker:innen haben beim vorherigen Mal ihren Wahlkreis gewonnen. Zudem stehen dort einige Neulinge, die in SPD-Hochburgen antreten.

Der Wiedereinzug von Markus Weske ist also wahrscheinlich, aber nicht sicher. Die drei anderen Sozialdemokrat:innen müssen definitiv auf den direkten Einzug setzen.

Rainer Matheisen
Die Liberalen müssen nicht so viel rechnen. Bei ihnen kommt es ganz einfach darauf an, wie viele Sitze ihnen dank der Zweitstimmen zustehen. Die jüngsten Umfragen sehen die FDP zwischen acht und zehn Prozent, also um die 20 Sitze. Für den Abgeordneten Rainer Matheisen auf Platz 19 ist das eine gute Nachricht. Seine Partei müsste schon auf sieben Prozent zurückfallen, um weniger als 19 Abgeordnete zu stellen. Das war zuletzt in einer Umfrage im Jahr 2020 der Fall.

Die drei Direktkandidatinnen der FDP stehen zu weit hinten auf der Liste, um ins Parlament einzuziehen.

Grüne
Bisher kamen alle Abgeordneten der Grünen über die Reserveliste ins Parlament. Diesmal könnte das anders werden. Die Grünen haben bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr in einigen NRW-Städten Direktmandate geholt. Das könnte nun erneut gelingen, zumal die Landtagswahlkreise kleiner sind. In Aachen, Bonn, Köln, Münster oder Bielefeld scheint das möglich – und wie erwähnt auch in Düsseldorf.

Ob es am Ende ein, fünf oder sieben Grüne-Direktmandate gibt, ist offen. Die Düsseldorfer Kandidat:innen werden sich unabhängig von der Zahl mit ihren Kolleg:innen freuen können. Mona Neubaur und Stefan Engstfeld sind mit Listenplatz eins und zehn sicher im Parlament. Für Lukas Mielczarek und Yousra El Makrini reicht selbst ein Ergebnis nahe der 20 Prozent nicht. Das würde zwar etwa 40 Sitze für die Grünen bedeuten, die beiden stehen aber auf den Listenplätze 52 beziehungsweise 73.


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