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Drei Erwartungen an den Mann für Männerthemen

Das Düsseldorfer Rathaus hat einen ungewöhnlichen Job geschaffen: den Fachberater für Jungen und Männer. Er heißt Oliver Hartmann - und hat gleich eine ganze Reihe an Herausforderungen vor sich.

Veröffentlicht am 4. März 2022
Thomas Hartmann
Oliver Hartmann ist 33 Jahre alt, hat an der Heinrich-Heine-Universität studiert und in deren Familienberatung gearbeitet. Nun ist zur Stadt gewechselt. Foto: Andreas Endermann

Oliver Hartmann hat einen ziemlichen langen Titel. Er lautet: Fachberater für Jungen- und Männerthemen im Amt für Gleichstellung und Antidiskriminierung. Diese Aufgabe ist neu in der Behörde und soll einen wichtigen Beitrag zu echter Gleichstellung in der Stadt leisten. Aus meiner Sicht sind mit dem Mann für Männerthemen drei Erwartungen verbunden:

Mehr Elternzeit der Väter
Die Kausalkette ist kurz und auf bittere Weise logisch: Dass weniger als die Hälfte der Führungspositionen und Aufsichtsratsmandate von Frauen besetzt sind, hängt immer noch damit zusammen, dass Beruf und Familie schwer zu vereinbaren sind. Und das wiederum hat seinen Hauptgrund darin, dass nach wie vor wenige Männer Elternzeit nehmen und wenn, dann meist nur kurz.

Der jüngst veröffentlichte Gleichstellungsbericht bestätigt dies mit Statistiken zu den rund 10.000 Beschäftigten der Stadtverwaltung. Der Anteil der Väter in Elternzeit ist zwar um einige Prozentpunkte gestiegen, aber nur auf neun Prozent. Die durchschnittliche Dauer dieser Elternzeit beträgt unverändert zwei bis drei Monate. Bei den Frauen sind es im Schnitt 19 bis 20 Monate.

Der Elternzeit für Väter haftet immer noch das Vorurteil an, dass es der Karriere schadet. Und dass es sich dabei nicht nur um ein Vorurteil handelt. Deshalb hat Fachberater Oliver Hartmann an dieser Stelle gleich zwei bis drei Aufgaben auf einmal: Er muss die werdenden Väter frühzeitig über ihre Möglichkeiten informieren, er muss in die Unternehmen gehen und für einen Mentalitätswechsel werben. Und er sollte versuchen, Vorbilder für ein mutiges Verhalten von Männern zu finden, diese öffentlich vorstellen und so mehr Menschen für seine Informationen interessieren.

Ein schöner Maßstab für diese Aufgabe kommt aus Schweden. Dort müssen Väter sich Nachfragen gefallen lassen, wenn sie zwei Monate Elternzeit nehmen. Sie müssen erklären, warum es nur zwei Monate sein sollen.

Entdeckung der Teilzeit
Noch einmal die Statistik: Von den Rathaus-Mitarbeiter:innen, die in Teilzeit arbeiten, sind 86 Prozent weiblich. Dieser Wert ist zwischen 2014 und 2020 um gerade einmal zwei Prozentpunkte gesunken. Auch das ist ein Ausdruck dafür, wer sich im Schwerpunkt um die Familienarbeit kümmert. Teilzeit ist eine Art Fortsetzung der Elternzeit für die einstelligen Lebensjahre der Kinder und hat deshalb mit einem ähnlich schlechten Ruf zu kämpfen. Führungskraft werden oder sein und in Teilzeit zu arbeiten – das scheint kaum möglich.

Und damit sind wir wieder bei Oliver Hartmann. Dessen zweite große Aufgabe wird es sein, Teilzeit-Modelle zu erklären und zu feiern. Denn Führung ist natürlich in Teilzeit möglich – und zwar ohne, dass man sich selbst zerteilen muss. Die Lösung heißt Führungstandems. Ein Modell, das auch noch zu wenig bekannt und selten praktiziert ist, bei dem das damit verbundene Klischee aber mal stimmt: Führung im Tandem bedeutet halbe Arbeit und doppelte Kraft. Der Rest ist Kommunikation.

Weniger Gewalt
Die Gewalttaten in der Altstadt und am Rheinufer – ganz überwiegend von Männern begangen. Die Prügeleien auf dem Schulhof – fast immer unter Jungs. Diese Feststellung hat eine bisher wenig bedachte Kehrseite. Wenn die Beteiligten an Schlägereien vor allem männlich sind, dann sind auch die Verlierer dieser Auseinandersetzungen vor allem männlich. Das heißt eine beachtliche Zahl von Düsseldorfern wird Opfer von Gewalt, mit körperlichen und seelischen Folgen.

Und das waren ja nur zwei plakative Beispiele. Männer erfahren auch zu Hause Gewalt, psychische, physische und sexualisierte. Was das in der Praxis bedeutet, zeigt ein Angebot des Sozialdiensts Katholischer Männer. Er hat in Düsseldorf eine Gewaltschutzwohnung für Männer eingerichtet, den „Freiraum“. Im Mai 2021 gab es dazu einen Bericht über die bisherige Arbeit. 15 Schutzbedürftige waren bis dahin in der Wohnung aufgenommen worden. Durchschnittsalter: 40. Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 52 Tage.

Auch das ist also ein Jungen- und Männerthema für den neuen Fachberater. Oliver Hartmann kann als Vertrauensperson ungesundes Schweigen und Schämen beenden und den Opfern Hilfe vermitteln. Und er kann daran arbeiten, die Zahl der Gewalttaten zu senken. Das ist eine Aufgabe, an der angesichts der aktuellen Lage in Düsseldorf gar nicht genug Leute mithelfen können.

Fazit
Am 19. November ist Internationaler Männertag. Der wurde 1999 erfunden, Düsseldorf wird sich in diesem Jahr erstmals mit Veranstaltungen daran beteiligen und ihn feiern. Oliver Hartmann könnte dazu gleich zwei Anlässe haben: das Datum selbst und die Ergebnisse der ersten Monate seines Jobs mit dem langen Namen.


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