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Mode, die was kann – zum Beispiel nachts leuchten

Sicherheitskleidung mit Reflektoren für Radfahrer kommt bei vielen optisch nicht gut an und wird daher ignoriert. Das Start-up Siimii hat dafür die Lösung.

Veröffentlicht am 1. Dezember 2021
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Bei Tageslicht sehen Jacke, Tasche und Schal von Susanne Dupon und Florian Diederich ganz normal aus. Erst im Licht eines Scheinwerfers oder wie hier im Blitzlicht unseres Fotografen Andreas Endermann werden die werden die eingewobenen, reflektierenden Fäden sichtbar.

Kürzlich sind sie wieder an mir vorbei gerollt, die radelnden Textmarker aus meiner Nachbarschaft. Die beiden Silver-Ager tragen Helmüberzüge und Jacken in Neongelb, haben verkehrssicher ausgestattete Trekkingräder mit Rückspiegel und machen als Radfahrer einfach alles richtig. Geben beim Abbiegen vorbildlich Handzeichen, haben ansonsten stets beide Hände am Lenker und fahren hochkonzentriert ohne zu quatschen hintereinander. Ihre oft „Neonkleidung“ genannten Outfits kreischen regelrecht „see me“ (sieh mich). Denn sie basieren auf fluoreszierenden Farbpigmenten. Diese werden vom menschlichen Auge bei UV-Licht, also Tageslicht, besonders intensiv wahrgenommen.

Derart gekleidet Rad zu fahren, steht für viele (junge) Leute überhaupt nicht zur Debatte. Auch die beiden Söhne von Susanne Dupon „vergaßen“ ständig, die von ihrer besorgten Mutter empfohlenen Sichtbarkeitstools mitzunehmen und fuhren in normaler Kleidung zur Schule. Zugleich war Susanne Dupon, sportlich, radbegeistert und von Beruf Werbetexterin, ein bisschen auf der Suche nach der zündenden Idee, wollt sie doch aus ihrem Hobby Nähen gerne mehr machen. So stieß sie auf Retroreflex-Materialien, die bei Nacht den Sichtbarmacher-Job der fluoreszierenden Stoffe übernehmen. Sie reflektieren einfallendes Licht in Richtung der Lichtquelle und prägen als Folien für Verkehrsschilder, Fahrzeuge, Warnbaken oder als Reflexstreifen auf Kleidung, Taschen, Tornistern das Verkehrsgeschehen in der Dunkelheit. Dupon war der Meinung, dass es zu wenig Alltagskleidung mit diesem ausgefuchsten Prinzip gebe, suchte nach Rohstoffen und nähte erste Teile für den Familiengebrauch. Sie fand damit nicht nur eine Lösung für die Sichtbarkeit ihrer Lieben im Dunkeln, sondern auch das Konzept für ein Näh-Start-up.

Jetzt sitzt sie als Gründerin in ihrem heimischen Wintergarten, auf der Couch neben ihr Florian Diederich. In dem Textil-Ingenieur fand Dupon den idealen Geschäftspartner, um das Start-up namens Siimii (quasi die Lautschrift-Version von „see me“) auf den Weg zu bringen. Mit Textiltechnik-Wissen und langjährigen Marktkenntnissen lieferte er die entscheidende Schubkraft und entdeckte die passenden Zulieferer und Näher.

Würde man Musik von Duke Ellington, Glenn Miller oder Benny Goodman auflegen, legten die beiden wohl eine flotte Sohle auf den glatten Betonboden, denn sie teilen das zweite Hobby von Susanne Dupon: Lindy Hop. Der Tanzstil zur Swingmusik brachte das Gründer-Duo zusammen. Diederich war sofort angetan von Dupons Idee der reflektierenden Alltagsmode für Radfahrer, denn auch er ist „Genussradler“ – wie er es nennt – und ein Fan von „Mode, die was kann“.

Die zwölf Kilometer zur Arbeit legt Florian Diederich gerne mit dem Rad zurück, aber ungern in Hochgeschwindigkeit und klassischer „Funktionskleidung“. Bei diesem Stichwort nennt Dupon – den sportlichen Middle-Ager Diederich explizit ausschließend – das Akronym „Mamil“. Das bedeutet „middle aged man in lycra“ und spielt auf Hobbyradler in hautengen Trikots, aber mit Fitnesslevel weit unter Tour-de-France-Niveau an. Und im Büro ankommen, erst einmal die Kleidung wechseln oder gar duschen zu müssen, ist aus Diederichs Sicht ohnehin viel zu umständlich. Ihn begeistert die Selbstverständlichkeit, die in der eigenen Lösung steckt. Man trägt „normale“ Alltagskleidung und ist dennoch in der Dunkelheit gut sichtbar. Also Kleidung mit Funktion, aber eben keine „Funktionskleidung“.

Nun trägt Diederich – wie die Dupons – auf dem Fahrrad vor allem das Highlight der Reflexkleidungs-Kollektion von Siimii: „Freund der Nacht“ heißt der Unisex-Blouson. Drei Accessoires (Hut mit Reflex-Paspel, Cross-Bag aus dem Jacken-Stoff und Tuch mit aufgeklebten Reflexpunkten) komplettieren das Sortiment. Den Material-Lieferanten für Jacke und Cross-Bag wollen die beiden nicht preisgeben, zu groß ist die Sorge vor Nachahmern. Sie beziehen von ihm einen 98-prozentigen Baumwollstoff, der zwei Prozent feinen, bei Tag unauffälligen Reflexfaden eingewebt hat. Dieser Faden reflektiert einfallendes Licht stark, es scheint, als würde das Gewebe dann flächig „leuchten“. Jedoch ist der Rückstrahlwert des gewählten Gewebes ausbaufähig, weswegen Dupon und Diederich Jacke und Cross-Bag zur Sicherheit mit zusätzlichen Reflex-Elementen versahen. Für die dunkelblaue Jacke wählten sie schwarz-weiß-gestreifte Bündchen mit integrierten Reflexstreifen.

Aus den Rohmaterialien verschiedener Lieferanten werden Jacke, Bag und Hut in Neukirchen-Vluyn zusammengenäht. Auch die dortige kleine Nähwerkstatt hat Branchenkenner Diederich aufgetan. Sie beschäftigt Geflüchtete, die zuvor in ihrer Heimat Syrien in der Textilindustrie gearbeitet haben. Ein solches Projekt unterstützen zu können, macht die beiden Gründer:innen besonders stolz. Die Tücher hingegen werden von Siimii mit Reflexpunkten bestückt und wie der Rest der Kollektion im Duponschen Haushalt eingelagert, bis sie im Onlineshop Abnehmer finden. Noch ist das kleine Reihenhaus das Hauptquartier des Start-ups.

Als die beiden Gründer:innen den Tragekomfort des Blousons erläutern, läuft Susanne Dupon ins Obergeschoss. Sie möchte etwas demonstrieren und kehrt mit einem silbrig-schimmernden Kleidungsstück ihres Mannes, ebenfalls Viel-Radler, zurück. In dieser Jacke fühle man sich „wie eingesperrt“, sagt sie, diese sei nicht angenehm zu tragen. Die Jacke hat eine vollflächige Reflexbeschichtung, der Siimii-Blouson besteht hingegen aus luftdurchlässigem Denim-Gewebe.

Mittlerweile gibt es die silbergrauen, stark reflektierenden Sichtbarmacher der Konkurrenz laut Herstellerangaben auch in atmungsaktiven Varianten, unter anderem als winterliche Daunenjacke. Darauf angesprochen, ob von Siimii eine Winterjacke oder gefütterte Version des Blousons zu erwarten sei, sagt Diederich: „Wir langweilen uns nicht.“ Dupon ergänzt: „Vielleicht kommt als Nächstes etwas Neues. Wir probieren gerade ein bisschen an Strickwaren herum.“ Dann verrät sie ihren Geheimtipp: Sie zieht im Winter eine dünne Daunenjacke unter ihren „Freund der Nacht“-Blouson.

Auf dem Rad Reflexstoffe über der (wärmenden) Kleidung zu tragen, empfehlen auch Verkehrssicherheitsexperten. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) rät zu heller Kleidung und Reflex-Klettbändern für Arme und Beine oder alternativ zur Warnweste über der Kleidung. Die grelle Überzieh-Weste mit ihren weithin sichtbaren Reflexstreifen vereint nicht nur Tages- und Nachtsichtbarkeit, sondern ist auch günstig und klein zusammenpackbar. Während manche Mitglieder der Deutschen Polizeigewerkschaft schon vor Jahren erfolglos eine Warnwestenpflicht bei Dämmerung und Dunkelheit für Radfahrer forderten, schlägt die Modepolizei bei diesem Outfit die Hände über dem Kopf zusammen. Das Start-up Siimii zeigt nun, wie Sichtbarkeit im Dunkeln auch modisch verpackt werden kann und positioniert sich damit in einer spärlich besetzten Nische. Vielleicht gibt es dazu bald einen kleinen Showroom – wie es in der Modestadt Düsseldorf Tradition ist.

Die Website von Siimii ist hier zu finden.


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