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Die Zwiebel Düsseldorf
Die "Zwiebel" Ende der 1970er/Anfang der 1980er. Foto: Hans Lachmann/Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland

Oral History: Wie ehemalige Gäste die „Zwiebel“ feiern

Vor einigen Monaten postete unser Autor das Titelfoto dieses Beitrags auf Facebook – und erlebte einen Erinnerungssturm mit positiven Schwingungen in den Kommentaren: Eine Hommage aus Gästesicht an das 2016 geschlossene Lokal in der Düsseldorfer Altstadt. Inzwischen ist klar, wie das Gebäude künftig genutzt werden soll.
Veröffentlicht am 25. August 2023

In der Botantik ist die Zwiebel ein „Kulturgewächs“, in Düsseldorf war sie eine „Kultkneipe“. 

Wie viele, die Ende der 1980er begonnen haben, auszugehen, habe auch ich eine „Zwiebel“-Vergangenheit. Zum ersten Mal dort war ich mit 16 oder 17. Anders als das Stammpublikum, das den Großteil des Abends und der Nacht an der Ecke Mertensgasse/Mühlenstraße verbrachte, gehörten meine Freunde und ich zur „gezielt“ eintrudelnden Laufkundschaft: Ein, zwei Alt trinken. Schauen, wen man so kennt. Eventuell sogar ein Billard-Duell wagen oder eine Runde am Flipperautomaten zocken – und dann weiter zur nächsten Kneipe. Die „Zwiebel“ war Zwischenstation unserer Altstadttouren als Teenager und frühe Twens. Selbst bei einem „Zaungast“ wie mir kamen so im Laufe der Jahre einige Stunden zusammen. Summa summarum dürfte ich mindestens einen Tag meines Lebens in dem Lokal verbracht haben.

Nachtleben- und Gastro-Bilder aus der Pre-Smartphone-Zeit gibt es nur wenige. Umso mehr freue ich mich, als ich vor ein paar Monaten zufällig auf ein „Zwiebel“-Foto von Hans Lachmann stoße. Wie kaum ein anderer hat der 1920 geborene und 2006 verstorbene Fotograf das Nachkriegs-Düsseldorf dokumentiert, hauptsächlich im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland. Eine Spezialität von Lachmann: Er fotografierte nicht nur die Architektur der Stadt aus allen möglichen Perspektiven und im Wandel der Zeit, sondern hielt auch Szenen aus dem urbanen Alltag fest. So auch in diesem Fall: Wir sehen die der Mühlenstraße zugewandte Hälfte des Ecklokals. Davor stehen zwei Sonnenschirme mit “Looza-Fruchsaft“- und „Pernod“-Werbung sowie ein mit Luftballons verziertes Absperrgitter, überspannt mit bunten Wimpelketten. An der Scheibe prangt ein Hinweisschild, auf dem man beim Heranzoomen das Wort „Zwiebelsuppe“ entziffern kann. Die Gäste unterhalten sich paarweise oder in Grüppchen – vor Stehtischen, altbiertrinkend, die Szenerie beobachtend.

Anscheinend hat Lachmann tagsüber oder am frühen Abend den „Zwiebel“-Abschnitt eines Altstadt-Straßenfests fotografiert. Im Archiv ist das Bild auf „1970er“ datiert, wobei der modische Stil der Gäste bereits deutlich Richtung „1980“ tendiert. Was auffällt: Kaum einer lacht oder lächelt. Merkwürdig. Mein Kommentar, als ich das Foto auf Facebook poste: „Keine Ahnung, warum alle so fröhlich schauen. Vielleicht hatte Fortuna vorher verloren. Normalweise war der Laden ja ein Gute-Laune-Magnet.“

Für zweifellos gute Laune, gepaart mit Melancholie und Nostalgie, sorgt das „Zwiebel“-Foto vierzig Jahre später. Nach der Veröffentlichung avanciert es zum viralen Lokalhit, landet schließlich bei mehr als 1400 Likes, wird oft geteilt und mehr als 200 Mal kommentiert. Klar, es gibt auch Standard-Aussagen wie „gute alte Zeit“, „beste Zeit ever“ oder „mega Zeit gehabt“. Andere werden konkreter, unternehmen eine Reise in den damaligen Ausgeh-Alltag, lassen die Kneipe, ihr Personal, ihr Publikum wieder lebendig werden.

Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.

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