Le Pirate: Der Urknall der Düsseldorfer Szene

Toni und Carola Gronen eröffneten 1964 an der Berger Straße die erste coole Altstadtdisco – mit zwei Rettungsbooten als Tanzfläche. Die härteste Tür der Stadt, Go-Go-Girls und Promis wie Hendrix und Led Zeppelin prägten das Le Pirate. Gut 50 Jahre nach der Schließung erzählt Toni Gronen zum ersten Mal, wie das alles war.
Veröffentlicht am 13. März 2026
Le Pirate ,Toni GronenFoto: Privat
So sah Le Pirate von außen aus: schlichtes Erdgeschoss, Markise mit Wellenkante, zwei Schiffslampen flankierten den Eingang, rechts davon war eine schwere Holztür mit eingelassenem Bullauge aus Messing.

Oberkassel am Vormittag. Im Café de France an der Luegallee geht es gerade ruhig zu – ein paar Stammgäste, ein Pudel unter dem Tisch. Toni Gronen, 78, ist ein Mann, über den das Internet fast nichts weiß. Kein Facebook, kein Instagram, keine Interviews. Dabei war er der Wirt eines Tanzlokals, in dem Jimi Hendrix abhing und Led Zeppelin die Nacht durchfeierten. Zu einer Zeit, als der Rest der Stadt noch nicht einmal wusste, was Clubkultur ist. Und während das Creamcheese heute Museumsstatus genießt und einen umfangreichem Wikipedia-Eintrag, hat, ist Gronens Disco, das Le Pirate, der unbesungene Vorreiter.

Dass Düsseldorf ihn nicht vergessen hat, spürt er bis heute: Auf dem Gehweg, in der Apotheke oder hier im Café wird der einstige DJ und Gastronom noch immer von alten Weggefährten erkannt. Er sagt: „Studio 54 in New York – das war berühmt, später. Aber so waren wir schon im Kleinen.“

Berger Straße 28, Altstadt. Um die Ecke vom Carlsplatz. Ab 1964 die coolste Disco der Stadt, mit der härtesten Tür und Platz für rund 300 Gäste. „Bei uns kamen nur witzige Leute rein“, sagt Gronen und nippt an seinem Cappuccino. „Modeszene, Werber, Künstler, viele Schwule und Lesben. Spießer blieben draußen.“

Geboren 1947, aufgewachsen überall: Toni Gronens Mutter entstammt der Artistenfamilie Traber, einer der bekanntesten Zirkusdynastien Europas. Die Familie gastierte mit den Shows ihrer „Traber-Renz-Truppe“ in Deutschland, Belgien, Frankreich, England. Auch Toni und seine zwei Jahre ältere Schwester Carola treten früh als Artisten auf. Festes Zuhause: keines. Feste Schule: auch nicht.

„Für mich als Kind bedeutete das: eine Woche Unterricht da, wo wir gerade gastierten, und dann kam die nächste Station. Ich war auf 470 Schulen. So war das eben bei uns.“ Und heute: schwarzer Rollkragenpullover, dunkelblaue Fusalp-Steppjacke. Drahtig, schlank, markantes Gesicht, unangestrengt zwischen „sportlich“ und „elegant“. Zwischendurch ein kurzer Plausch mit anderen Stammgästen. Toni Gronen ist kein typischer 78-Jähriger. Es ist leicht vorstellbar, dass er einmal der Posterboy von Düsseldorfs Hippie-Szene gewesen ist.

Die Idee zum eigenen Tanzlokal bringt ein Urlaub im Jahr 1964. Vater Franz Gronen, der sich mit seiner Frau inzwischen aus dem Artistendasein zurückgezogen hat und in Oberbilk eine Kneipe betreibt – das Café Traber, Ecke Kölner Straße/Stoffeler Straße – entdeckt im südfranzösischen Menton einen kleinen Club namens Le Pirate. Exklusiv, harte Einlasskontrolle, viel Prominenz. Er ist begeistert. Möchte aber selbst nichts daraus machen, weil er als Gastronom bereits ausgelastet ist. Also übernehmen die Kinder, überreden die Mutter, und die überredet den Vater. „In der Altstadt war damals nicht viel los, fast nur Touriläden – also dachten wir: Dann machen wir das eben selbst“, erzählt Toni Gronen. Die Eltern halten schützend die Hand darüber, stützen das Projekt und die Juniorchefs finanziell. Carola führt das Geschäftliche, behält die Tür im Blick. Toni macht die Musik.

Le Pirate ,Toni GronenFoto: Privat
Die Eltern der Juniorchefs Carola und Toni: Franz und Greta Gronen im Le Pirate. Foto: Privat

Wobei: Auch das beginnt als Notlösung. Der erste DJ im Le Pirate ist ein Musiker von Casey Jones and the Governors – einer britischen Beat-Band, die mit „Don’t Ha Ha“ gerade einen Hit gelandet und zuvor regelmäßig im Liverpool Club an der Graf-Adolf-Straße 39 gespielt hat. Als der Brite nach drei Monaten ein neues Bühnenengagement bekommt und abzieht, drängt Franz Gronen: Komm, Toni, dann springst du eben ein. Sein Sohn, der gerade die Schule abgeschlossen hat, stellt sich an die Musikanlage – und bleibt dort. Für die nächsten neun Jahre. Er ist damals 16 und damit der jüngste Disc Jockey der Stadt. „Ich hatte dann natürlich noch mehr Chancen bei den Mädels“, sagt er und lacht. „Das war ein Paradies für mich in dem Alter.“

Gronen trinkt seinen Cappuccino aus. Wir stehen auf. Raus aus dem Café de France. Teddy, der Pudel, hebt noch kurz sein Bein an einem Baum an der Teutonenstraße. Dann, drei Minuten später und einmal um die Ecke: Gronens Wohnung in Oberkassel. Tiefparterre. Mit Garten.

Das Wohnzimmer ist ein halbes Archiv: deckenhohe Wandregale vollgestellt mit Vinyl, Büchern und Deko-Objekten. Ein rot gepolsterter Ledersessel. Ein kleiner Couchtisch, dessen Oberfläche aus collagierten Batman-Comic-Seiten besteht. An der Wand hängt eine rosa Stratocaster, darunter ein Schwarz-Weiß-Foto – sein Sohn, heute Schauspieler. Den linken Teil des Raums dominiert eine beleuchtete Rock-Ola-Jukebox, dahinter an der Wand: ein Pop-Art-Lennon-Poster in Rot und Orange.

Gronen holt ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto. Und da ist er: um die 20, freier Oberkörper, bei der „Arbeit“ im Le Pirate. Die blonden Haare schulterlang, mittig gescheitelt, glatt. Das Gesicht schmal, hohe Wangenknochen, der Blick in die Kamera intensiv und leicht entrückt – als stecke er nicht nur mitten in der Musik, sondern baue im Kopf schon den nächsten Übergang. Um den Hals eine hippiemäßige Kette. Um die Hüften eine fransige Verzierung über den Jeans. An den Füßen: Ledersandalen. Hinter ihm die Plattenspieler und die Technik, leicht von oben fotografiert, fast dokumentarisch. Er sieht aus wie eine Mischung aus Hippie, Underground-Musiker und Performance-Künstler. Leicht androgyn, avantgardistisch, nonkonformistisch. Ein Vorläufer der Glam-Ära, bevor es einen Begriff dafür gibt.

Le Pirate ,Toni Gronen

Foto: Privat
Eingerahmte Erinnerung: Toni Gronen vor der Musikanlage des Le Pirate. Foto: privat

Was er damals macht, ist innovativ: Gronen mixt. Nicht so wie heute, nicht mit teuren DJ-Kopfhörern und Software, sondern mit einem abmontierten Telefonhörer, den er sich mit einem Kabel ins Mischpult gestöpselt hat. Selbst gebaut, selbst ausgedacht. Wer keinen Kopfhörer hat, schraubt eben das Festnetz auseinander. Während die eine Platte läuft, kann er über den Hörer bereits in die nächste reinhören und für den Übergang im richtigen Moment die Regler ziehen. Reine Gefühlssache. „Ich war in Düsseldorf der Erste, der so gemixt hat. Weil der Übergang – der war wichtig, ich wollte immer einen passenden Übergang haben“, sagt er. Er habe vorher gar nicht gewusst, dass das überhaupt geht. Der „DJ-Telefonhörer“ landet irgendwann im Müll. „Schade, dass man so etwas nicht aufbewahrt hat.“

Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.

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