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Das letzte Stündlein der Kirmes

Wer die Rheinkirmes viel zu voll, viel zu laut und überhaupt viel zu alles findet, sollte sie in der allerletzten Stunde am allerletzten Tag besuchen. Ein Rundgang kurz vor Toresschluss.

Veröffentlicht am 25. Juli 2023
Letzte Stunde auf der Kirmes in Düsseldorf
Sag zum Abschied leise Törööö – Mitarbeiter bauen auf der Rheinkirmes ein Karussell ab. Foto: Markus Luigs

Es ging damit los, dass ich in keiner überfüllten U-Bahn meine Nase in die haarigen Achseln irgendeines Typen drücken musste, der sich an einer über ihm befindlichen Stange festhielt. Ich hatte Platz in der Bahn, die mich zum Luegplatz fuhr, so viel Platz, dass ich einen Vierer für mich allein hatte. Ich war zu früh dran an diesem Sonntag, viel zu früh, kurz nach 22 Uhr, also stellte ich mich erst mal ans Geländer der Oberkasseler Brücke und schaute auf die Rheinkirmes hinab. Ich sah Lichter, ich sah Fahrgeschäfte, ich hörte Musik und viel lauter noch Schreie. Der Rheinturm wirkte von hier oben wie eine weitere illuminierte Attraktion. Ich war nicht allein. Menschen stellten sich ans Geländer und hielten ihr Smartphone aufs Geschehen. Sie machten Selfies oder posierten vor Freunden.

Das erste Anzeichen, dass hier etwas endete, war der Geruch. Der ausbleibende. Der Wind wehte nur eine Ahnung von Zucker herüber. Durch den Willkommens-Torbogen gingen viel mehr Leute hinaus als hinein. Das aber war genaugenommen nur ein Hinweis darauf, dass hier bald Feierabend sein würde, nicht aber, dass es am Montag nicht mehr weitergehen würde. Seit einer Woche ging es doch schließlich jeden Vormittag weiter.

Im vergangenen Jahr habe ich darüber geschrieben, wie ich die Rheinkirmes zwei Tage vor der Eröffnung besuchte. Mir waren Volksfeste zu laut, zu voll, zu alkoholisiert. In diesem Jahr wollte ich mich etwas näher heranwagen. Ich wollte am Sonntag die letzte von 116 Stunden Kirmesbetrieb mitmachen, die Stunde vor Mitternacht, in dem Wissen, dass ich die Höhepunkte verpasst hatte: den Umzug der Schützen, den Pink Monday, das Feuerwerk. Ich bin empfänglich für das Gefühl des Abschieds, das auf mehrtägigen Veranstaltungen herrscht, ich kenne es aus der Kindheit von meiner Dorfkirmes. Dort waren am letzten der vier Tage schon Teile vom Musik-Express abgebaut, die Glühbirnen in der Mitte leuchteten nicht mehr, aber das Ding drehte sich noch. Am nächsten Morgen, als ich auf dem Weg zum Schulbus an dem Platz vorbeikam, war die gesamte Kirmes verschwunden.

Es war, ich gebe es zu, noch nicht ganz 23 Uhr, als ich das Gelände betrat. Für alle begann nun die letzte Stunde, für mich außerdem die erste. Der Ansager vom Bayern Tower – diesem Kettenkarussell, das in die Höhe fuhr – hatte schon eine Weile lang die letzten Fahrkarten angekündigt, er würde es noch mehrfach machen und immer wieder sagen: „Wir schicken euch rauf auf die 90 Meter.“ Es warf noch jemand Dosen vor den Augen seiner Partnerin, er hätte auch noch Enten angeln oder etwas abschießen können. Der Predator drehte noch fröhlich über Kopf, die Schreie von der Alpina-Bahn, der angeblich größten transportablen Familienachterbahn der Welt, waren aus weiter Entfernung zu hören. Zwei Kinder fuhren Kettenkarussell, andere krabbelten in riesigen Bällen auf einem Wasserbecken. Ein Mädchen und vermutlich ihre kleine Schwester gingen die endlos lange Treppe neben der Wellenrutsche hinauf und rutschten dann zusammen herunter. Die Wok-Pfannen waren noch voll, sie dampften, aber hat je jemand leere Wok-Pfannen auf einem Volksfest gesehen? Vor der Wilden Maus schob eine Frau das Polo-Shirt ihres Partners hoch, sie knutschten heftig.

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