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Ärztinnen in Corona-Zeiten – skeptisch, genervt oder voller Zorn

Im Sommer haben wir mit den drei Medizinerinnen Lisbeth Borowski, Iris Schlemmer und Katja Staade darüber gesprochen, wie die Pandemie ihre Arbeit prägt. Nun, ein halbes Jahr später, schildern die Medizinerinnen ihre aktuelle Lage.

Veröffentlicht am 4. Januar 2022
Katja Staade
Die Viszeral-Chirurgin Katja Staade. Foto: Andreas Endermann

Katja Staade

Es ist kurz vor 10 Uhr und die Viszeral-Chirurgin Katja Staade kommt gerade aus dem Operationssaal der Schön-Klinik in Heerdt. So nennt sie ihren Arbeitsplatz allerdings nie – es ist „der OP“. Dort hat sie einem Patienten eine gutartige Fettgeschwulst am Rücken weggenommen, als nächstes steht ein Leistenbruch auf dem Programm.  

Derzeit ist ihr Arbeitstag nicht ganz so durchgetaktet wie üblicherweise. Wegen Corona hat auch bei ihr die Zahl der Patienten abgenommen, aber nicht mehr so stark wie noch im Sommer. Damals hätten viele Angst gehabt, sich anzustecken. Inzwischen seien einige Patienten bei starken Beschwerden nun doch bereit, ins Krankenhaus zu kommen und sich behandeln zu lassen. Wer geimpft ist und stark leidet, überwinde seine Skepsis.

In Teilen hat sich der gesamte Ablauf der Klinik an die Pandemie gewöhnt, berichtet sie. Man könne heute besser als vor einem halben Jahr mit schwer berechenbaren OP-Plänen umgehen. Es passiert allerdings immer noch, dass ein Eingriff verschoben werden muss, weil der benötigte Corona-Test noch nicht im Ergebnis vorliegt.

Keine Gewöhnung dagegen sieht sie beim Pflegebereich. Für die dort arbeitenden Menschen schätzt Staade die Lage als oft immer noch katastrophal ein. Dauernden Wechsel bei der Organisation je nach Pandemielage, das stundenlange Arbeiten in Vollschutz – das belaste extrem. Sie weiß es, weil sie oft selbst komplett geschützt an die Arbeit geht. Vor allem das durchsichtige Plastikvisier stört die Chirurgin, weil es den Blick einschränkt. Die Pflegerinnen und Pfleger tragen den Schutz häufig während ihrer gesamten Schicht, und der Druck sei hoch. Staade fürchtet, dass künftig noch mehr von ihnen den Job quittieren werden.

Eine Impfpflicht sieht sie skeptisch – schwer umsetzbar und eher kontraproduktiv, sagt sie. Und wundert sich, dass manchmal eine Geldprämie einen plötzlichen Sinneswandel herbeiführt. Für Impfgegner hat sie kein Verständnis. Im privaten Umfeld vermeidet sie es, Menschen zu treffen, die es – aus welchen Gründen auch immer – ablehnen, sich impfen zu lassen. Das sei gesellschaftlich nicht okay, und diese Leute müssten es halt hinnehmen, an großen Teilen des normalen Lebens nicht mehr teilnehmen zu können. Manche Kontakte hat sie komplett abgebrochen, und fassungslos macht es sie zu hören, wie ein Bekannter zwar sein Ketterauchen seit Jahrzehnten pflegt, sich aber nicht impfen lassen will. Weil er nicht weiß, woraus das Vakzin besteht.

Der Umgang mit der Krankheit ist nach ihrer Beobachtung Teil des Lebens geworden. Was sich auch in Banalitäten ausdrückt und von ihr so beschrieben wird: „Beklatscht wird die Arbeit auf den Intensivstationen schon lange nicht mehr.“

Iris Schlemmer
Zahnärztin Iris Schlemmer. Foto: Andreas Endermann

Iris Schlemmer

Ihre Praxis zu organisieren, ist für die niedergelassene Zahnärztin Iris Schlemmer Routine. Das macht sie seit Jahren. Aber durch Corona hat sie dazulernen müssen – nicht in ihrem eigentlichen Fach, der Zahnheilkunde, sondern beim Thema Organisation und Sicherheit.

Im Gespräch schwankt sie hörbar zwischen Zweifeln, Gelassenheit und bisweilen auch Fatalismus. Die Krankheit, die unser aller Leben seit zwei Jahren beeinflusst, beurteilt sie mit wenig Optimismus: Ein Ende sieht sie nicht, und manchmal hat sie das Gefühl, dass wir da so schnell nicht wieder rauskommen. Sie nennt es „manifestierte Veränderung“, und mit der geht sie dann aber auch wieder pragmatisch um.

Die Abläufe in ihrer Praxis am Nikolaus-Knopp-Platz in Heerdt hat sie bereits im Sommer an die neuen Erfordernisse angepasst. Seinerzeit wollte sie gerade einen Urlaub in Israel antreten, als eine Fülle neuer Vorschriften für medizinische Einrichtungen erlassen wurden. Aus dem Urlaub wurde nichts, die ohnehin geplante freie Zeit nutzte die Zahnmedizinerin, sich auf neue Zeiten einzustellen. Die dann auch kamen.

Nach außen kehrte vor allem Ruhe ein im Wartezimmer und beim Empfang. Denn durch rigorose Planung schaffte es das Team, alle Patienten konsequent zu separieren. Drei, vier Menschen im Wartezimmer gab und gibt es nicht mehr. Wer um 10 Uhr einen Termin hat, der sitzt um 10.01 Uhr auf dem Behandlungsstuhl. Unbedingte Termintreue ist die Maßgabe, und die setzt man auch heute noch durch. Selbst Paketboten oder andere Besucher werden draußen empfangen, rein kommt nur noch, wer behandelt wird. Iris Schlemmer drückt es so aus: „Unsere Tür geht nicht mehr automatisch auf.“

Das hat natürlich Folgen für die Zahl der Patienten. Rund 20 Prozent weniger als sonst kann sie aufgrund der aufwändigeren Abläufe behandeln. Aber der Erfolg gibt ihr Recht: Eine Ansteckung gab es in der ganzen Zeit nicht, weder bei ihr noch ihrem Team noch einem der Patienten. Natürlich ist die Truppe komplett geimpft, und das Hygienekonzept stuft sie, sehr selbstbewusst, als perfekt ein.

Bei jedem Patienten wird der Impfstatus überprüft, und alle werden auf eventuelles Fieber untersucht. Wer mit Symptomen kommt, wird nicht behandelt. Auf den Stuhl dürfen auch Ungeimpfte. Angst, sich anzustecken? Nein, hat sie nicht, sagt Schlemmer. Sie vertraut den selbst eingerichteten Konzepten – siehe oben. Zumal nach ihrer Schätzung 90 Prozent der Ungeimpften mit einem aktuellen Test belegen, nicht erkrankt zu sein.

Beim Thema Impfpflicht ist sie zurückhaltend, fühlt sich hin- und hergerissen. Sie zweifelt daran, ob wir ohne diese Verschärfung aus der Pandemie wieder rauskommen, und befürwortet die Pflicht auf jeden Fall für das medizinische Personal. Trifft sie auf Impfgegner, versucht sie immer, sie zu überzeugen, doch dem Vakzin zu vertrauen. Einmal mit Erfolg, wie sie erzählt: „Eine Ringeltaube“ nennt sie dieses Erlebnis. Im Freundeskreis hat sie keine Impfgegner, und wenn es sie gäbe, würde sie den Kontakt nicht abbrechen, sondern Überzeugungsarbeit versuchen.

Demnächst wird sie selbst impfen, jedenfalls bietet sie ihre Hilfe an. Nicht in der Praxis, das sei dort nicht zu leisten, weil es in die täglichen Abläufe nicht einzubauen ist. Aber gerne außerhalb, auch mobil, da will sie zur Bekämpfung der Pandemie ihren Beitrag leisten.

Dass sie dazu aber eine Art Lehrgang nachweisen muss, bei dem das Setzen von Spritzen geübt wird, amüsiert die erfahrene Ärztin. Dass das gerade von ihr als Zahnärztin verlangt wird, sieht sie als weiteren Beleg für praxisferne Entscheidung der bürokratischen Art: „Spritzen setzen, das können wir. Oder hat man Angst, wir treffen den Oberarm nicht?“

HausŠrztin Lisbeth Borowski verimpft eine Dosis Biontech
Die niedergelassene Ärztin Lisbeth Borowski. Foto: Andreas Endermann

Lisbeth Borowski

Die Stimmungslage bei der Allgemeinmedizinerin Lisbeth Borowski ist mit zwei Worten treffend beschrieben. Zornig und genervt. Und das schon seit etlichen Wochen, wenn nicht Monaten. Rund um Corona gibt es einige Themen, deren Erwähnung den Blutdruck der Ärztin hörbar nach oben treiben.

Schon im Sommer hatte sie die Inkompetenz der Politik im Umgang mit dem Virus bemängelt. Und offenbar ist ihr Blick darauf nicht besser geworden. Sie macht das vor allem an einem Beispiel fest: der Vergabe von Impfterminen. Nach außen gesehen klappt das Impfen in Deutschland derzeit sehr gut, das erwähnen Politiker auf allen Ebenen auch immer gern. Aber für Borowski stellt sich das etwas anders dar. Sie vereinbart in ihrer Praxis Termine mit Patienten, stellt sich und ihr Team darauf ein, portioniert den ihr zur Verfügung stehenden Impfstoff – und dann kommen die Leute nicht. Manche sagen ab, aber längst nicht alle. Sie schwänzen die Absprache, weil sie in der Zwischenzeit irgendwo, sogar im Vorbeigehen, den begehrten Piks bekommen haben. Dass sie aber woanders eingeplant sind, vergessen sie dann schnell. Borowski bringt das in Rage. Nicht nur, weil unnütz Zeit verstreicht, sondern auch weil Impfstoff verfällt. Täglich telefoniere man herum, um nicht abgerufene Dosen noch zu verimpfen. Auch das ist Zeitverschwendung. Andere Länder, so Borowski, hätten das besser organisiert: Dort werden die Impfterminie zentral vergeben, und wer seinen verfallen lässt, muss sich selbst um einen neuen kümmern. Unterstützung von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) sieht sie kaum, im Gegenteil – auch dort treffe man bei sehr konkreten, für niedergelassene Ärzte wichtigen Themen auf Inkompetenz. Sogar gegängelt fühlt sie sich von der KV und versteht Kollegen, die aus der Versorgung von Kassenpatienten ganz aussteigen und nur noch privat abrechnen.

Derzeit schafft ihre Praxis, die sie zusammen mit einem anderen Arzt betreibt, pro Tag 160 Patienten, 60 davon werden geimpft. Deren Verhalten sei in der ganzen Zeit gleich geblieben, ein Teil sei nach wie vor fordernd, wenig verständnisvoll und reagiere aggressiv, wenn der gewünschte Impfstoff nicht verfügbar ist.

Erwünscht ist nach wie vor allem Biontech, und dieses Vakzin sei inzwischen auch viel leichter zu lagern als noch zu Beginn der Pandemie. Mittlerweile könne man den Stoff im normalen Kühlschrank 30 Tage bei zwei bis sechs Grad aufbewahren, was die Verwendung natürlich erheblich erleichtere. Dass dies nicht kommuniziert wurde, kann die Ärztin nicht verstehen.

Für Impfgegner hat Borowski kein Verständnis. Die könnten das natürlich frei entscheiden, müssten dann aber auch die Konsequenzen tragen. Sie würde eine Impflicht befürworten – und zwar aus zwei Gründen: Erstens weil Geimpfte eingeschränkt werden, nur weil es Ungeimpfte gibt. Und weil zweitens Ungeimpfte auf Intensivstationen Betten blockieren, die andere schwer Kranke dringend bräuchten. Sie wirft den Impfgegnern sogar vor, andere bewusst zu schädigen, was vor allem beim medizinischen Personal fatale Folgen haben könnte.


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