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Neue Podcast-Folge: Als eine Düsseldorferin (21) ihren Geliebten (58) mit der Armbrust tötete

Morde sind immer erschütternd. Ist eine Frau verantwortlich, entsetzt das besonders, wie der Kripo-Beamte Stephan Harbort in einem Buch beschreibt. Die Tat, um die es in unserem Podcast geht, hatte die Elemente einer griechischen Tragödie – und verursachte auch Schlagzeilen, weil das Opfer ein stadtbekannter Kaufmann war.
Veröffentlicht am 15. September 2023
Mordwaffe Armbrust
Ein Justizbeamter präsentiert die Tatwaffe im Landgericht Düsseldorf. Ausschnitt aus dem Buch "Düsseldorf Kriminell" von Georg Bönisch, Greven-Verlag Köln.

Der 20. Oktober 1985 ist ein Sonntag. In einem anonymen Wohnblock in Ratingen klingelt es sehr früh am Morgen an der Tür einer Mieterin. Als sie öffnet, sieht sie vor sich eine offenbar völlig aufgelöste junge Frau und ist geschockt von dem, was die sagt: „Ich habe ihn umgebracht.“ 

Tatsächlich findet sich im Apartment nebenan die blutüberströmte Leiche eines älteren Mannes. Seitlich in seiner Brust steckt ein Pfeil. Später wird man feststellen, dass er aus einer Armbrust stammt – abgeschossen durch die junge Frau. Sie lebt in Düsseldorf, ihr Opfer auch: Es ist der 59-jährige Giuseppe Palatini. Die Täterin ist seine Geliebte, 21 Jahre alt, ich nenne sie in diesem Text P. Es ist das Ende einer buchstäblich tragischen Beziehung, und der Beginn eines Kriminalfalls, der in Düsseldorf noch heute vielen Menschen im Gedächtnis ist. 

P. hatte den Mann kennengelernt, als sie sich bei ihm um einen Job bewarb. Er suchte Leute für seine Eisdielen, mit denen er in Düsseldorf bekannt geworden war. P. bekam den Job, fügte sich schnell ins Team ein und wurde nach und nach zum Teil der eng zusammenarbeitenden Familie. Doch der Chef, ein Patriarch, wollte und bekam mehr: P. wurde seine Geliebte. Für die heimlichen Treffen mietete er die Wohnung in Ratingen. Die junge Frau, die streng katholisch war und in einem sehr bürgerlichen Umfeld lebte, beherrschte er streng. Selbst die Beichte verbot er ihr. Später, im Prozess, wurde klar: Sie suchte Nähe und Schutz, er wollte Sex. Dass seine Geliebte mental krank war, wusste er nicht oder wollte er nicht wissen. Irgendwann sah sie keinen Ausweg mehr, kaufte sich eine Armbrust und erschoss ihn, als er neben im Bett lag und schlief. 

Im Prozess später verschwamm die Grenze zwischen Opfer und Täter. Der Getötete wird wenig schmeichelhaft beschrieben, seine Mörderin findet viel Mitleid. Am Ende wird sie wegen nicht klarer Schuldfähigkeit zu neun Jahren Haft verurteilt, kurze Zeit später wird die Strafe nochmals halbiert. Die übliche Strafe bei Mord ist lebenslang, mindestens 15 Jahre.

Einen solchen Mord hatte die Kripo Düsseldorf nie zuvor und auch danach nicht mehr zu bearbeiten. Er war vor allem aus zwei Gründen ungewöhnlich: Die Täterin war eine sehr junge, eher schüchterne Frau. Und als Werkzeug hatte sie eine archaisch anmutende Waffe gewählt. Dass Mörderinnen immer besonderes Aufsehen erregen, hat der Düsseldorfer Kriminalkommissar Stephan Harbort in einem Buch beschrieben. Unter dem Titel „Wenn Frauen morden“ erörtert er die Frage, wie Täterinnen vorgehen. Und ob sie diese Taten anders begehen als Männer. Die Antwort ist Ja. 

Der Experte sagt dazu in seinem Buch: „Kriminelles Verhalten beunruhigt den Menschen, weil es seine Sicherheit grundsätzlich infrage stellt. Dies gilt umso mehr, wenn er seine Freiheit bedroht sieht – oder das eigene Leben. Diese Beunruhigung kann sich bis zum Entsetzen steigern, wenn nicht einfach nur ein Mensch getötet wird, sondern dabei gleichsam grundlegende gesellschaftliche Erwartungen verletzt werden. Wenn Frauen morden, ist das der Fall. Denn Tötungskriminalität ist vornehmlich Männersache, es gibt beispielsweise (fast) keine Amokläuferin, Sexualmörderin, Raubmörderin oder gar Massenmörderin. Männliche Gewalt ist der gesellschaftlich akzeptierte Maßstab für Normverletzungen und Unterdrückung, die tötende Frau hingegen ist der verstörende und betörende Gegenentwurf. Einerseits büßt der Mann seine Dominanz ein, andererseits macht gerade dieser Tabubruch Mörderinnen besonders anziehend (…) Die Täterin wird darum zunächst entweiblicht, dann entmenschlicht. Und die Taten von Mörderinnen lösen mitunter nicht nur Bestürzung aus, sondern auch Hass. Jede Frau, die gesellschaftliche Konventionen bricht und das weibliche Geschlecht in Verruf bringt, eignet sich besonders für Projektionen des Bösen und als Hassobjekt (…) Die gemeine Mörderin wird deshalb lustvoll angeprangert und öffentlich vorgeführt, ihre Lebensgeschichte weidlich ausgeschlachtet. Und ihre Namen stehen häufig nicht nur für böse Taten, sondern für das Böse schlechthin. Deshalb wird, wenn eine Frau gemordet hat und überführt worden ist, meist auch ein Medienspektakel daraus. Der Fall Monika Böttcher (besser bekannt als Monika Weimar) beispielsweise hielt diese Republik zwanzig Jahre lang in Atem: Am 7. August 1986 werden Melanie und Karola gefunden, ihre 5- und 7-jährigen Töchter sind erwürgt beziehungsweise erstickt worden. Erst gerät der Vater in Verdacht, dann die Mutter, schließlich wieder der Vater, letztlich doch die Mutter. Monika Böttcher wird verhaftet, und es beginnt ein juristischer Verhandlungsmarathon, keine Instanz bleibt ausgespart, bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht. Ein ganzes Land diskutiert diesen Fall und seine möglichen Hintergründe über viele Jahre hinweg, immer wieder angestachelt von den Medien: War sie es? Oder doch der Vater? Oder vielleicht beide? Und welche Rolle spielt der Geliebte von Monika Böttcher, ein amerikanischer Soldat? Erst am 22. Dezember 1999 wird das letzte Urteil gesprochen, an diesem Tag endet eines der spektakulärsten Justizdramen der Bundesrepublik: 15 Jahre Haft für Monika Böttcher.“ Soweit der Kriminalist, der eigentlich im Drogendezernat arbeitete, aber über Jahre den Eigenheiten von Mörderinnen nachging.

Eine der bekanntesten Fälle mit einer Täterin ist der von Marianne Bachmeier: 1981 erschoss sie den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal des Landgerichts Lübeck mit sieben Schüssen in den Rücken und ließ sich anschließend festnehmen. Der Prozess gegen sie wurde zum Medienspektakel, ihr Privatleben bis in den letzten Winkel durchleuchtet. Wohlig-gruselnd-empört las man von ihrem vermeintlich lockeren Umgang mit Männern. Zwei frühere Kinder hatte sie zur Adoption freigegeben, in Lübeck war sie Wirtin einer Szene-Kneipe. Bachmeier polarisierte extrem, die eigentliche Tat (später als Totschlag gewertet) trat beinahe in den Hintergrund.

Zunächst unglaublich war das, was Maria Velten aus Mönchengladbach, ebenfalls in den 1980er Jahren, am Ende nachgewiesen wurde: Die Frau, 65 Jahre alt, hatte über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder einen Ehemann oder einen Lebenspartner, der dann plötzlich verstarb. Niemand schöpfte Verdacht. Bis sie sich bei ihrer Schwiegertochter verplapperte: „Wenn du das nicht machst, wie ich das will, dann geht es dir so wie meinen Männern.“ Die Schwiegertochter ließ die Drohung nicht so auf sich beruhen, sondern ging zum Anwalt, der die Polizei informierte. 

Die Ermittlungen ergaben, dass sie von 1963 bis 1982 insgesamt fünf Menschen vergiftet hatte: ihren Vater, eine Tante, zwei Ehemänner und einen Lebensgefährten. Sie mischte dabei vorzugsweise das Pflanzenschutzmittel E 605 unter Blaubeerpudding, da dessen Tönung die blaue Warnfarbe des Giftes überdeckte. Deshalb wurde sie in der Boulevardpresse auch als „Blaubeer-Mariechen“ und „Gifthexe vom Niederrhein“ bezeichnet.

Alle Experten sehen bei Tötungsdelikten durch eine Frau ein klares Muster. Da sie ihrem Opfer, wenn es ein Mann ist, in der Regel körperlich unterlegen sind, wählen sie eine Waffe, mit der sie Erfolg haben können. Ein direkter Angriff – Würgen, Erstechen, Strangulieren oder Erschlagen – komme nicht in Frage, sagt die Psychologin Sabine Nowara vom Kriminologischen Institut der Uni Köln. Deshalb nutzen Täterinnen häufig Gift. Oder setzten auf Distanzwaffen.

Nowara hat über die Jahre viel Erfahrung mit Mördern und Totschlägern, männlich wie weiblich. Dass die junge Frau damals in Düsseldorf eine Armbrust wählte, hat nach ihrer Einschätzung rein pragmatische Gründe: An eine Pistole oder einen Revolver kommt man in Deutschland nur schwer, eine Armbrust dagegen kann jeder kaufen, sobald er/sie 18 Jahre alt ist. Auch ein solches Modell wie das, das die junge P. 1985 nutzte: Hightech aus Metall und Kunststoff mit einem Zielfernrohr. Eine tödliche Waffe.  

Links zum Podcast
„Der Armbrust-Mord“ und alle weiteren Folgen von „Kohle, Knast und Kaviar“ sind unter anderem auf den folgenden Plattformen zu finden:

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Das ist jetzt eine gemeine Stelle, den Text auszublenden, das wissen wir.

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