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Checker’s: Düsseldorfs berühmteste Disco

Über das Checker's schreiben, ohne Claudia Schiffer zu erwähnen? Schwierig. Unser Autor packt der Ausgewogenheit halber DJ Pippi, Heidi Klum, den FC Bayern, Kraftwerk und DAF mit in den Text.

Veröffentlicht am 8. April 2022
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DJ Pippi, bekannt durch das Pacha auf Ibiza, begann seine Karriere Anfang der 80er im Kö-Center: zunächst im Malesh, ab 1983 im Nachfolge-Club Checker's. Foto: noh-club.com

Es beginnt 1989, als man noch oft „Disco“ sagt – und selten „Club“. Kann gut sein, dass mein Kumpel A. und ich per Fahrrad angereist sind. In jedem Fall haben wir keinen Führerschein und schon gar kein Auto. Es ist Ende Februar oder Anfang März, und es ist Samstag, und ich werde erst in ein paar Wochen 18, mein Kumpel A. ist es schon seit dem Herbst. Wir haben also vermutlich unsere Fahrräder an das Geländer angeschlossen, das den Kö-Graben begrenzt, und stehen nun, das ist sicher, im offenen Innenhof des Kö-Centers – dem ersten und ältesten Einkaufszentrum an der Königsallee. Um zur oberen Galerie zu gelangen, könnten wir die Rolltreppe nehmen, doch wir entscheiden uns für die Treppe, denn bis dort reicht die Checker’s-Schlange bereits.

Eröffnet hat das Checker’s sechs Jahre zuvor, ungefähr zu der Zeit, als wir in die siebte Klasse kamen. Es gilt als bekannteste Disco der Stadt, und wahrscheinlich ist es sogar weltberühmt, zumindest ein bisschen, zumindest in Nordrhein-Westfalen. Rückblickend könnte man sagen: Bei Menschen, die sich für das Nachtleben interessieren, ist das Checker’s in den 1980er und 1990er Jahren eine Art Düsseldorf-Symbol, so wie damals das Dorian Gray und das Omen Symbole für Frankfurt und der Alte Wartesaal und das Neuschwanstein Symbole für Köln sind.

Es ist kurz vor Mitternacht. Wir haben extra darauf geachtet, nicht zu früh zu erscheinen, weil das peinlich ist – aber auch nicht zu spät, weil dann nur noch Stammgäste reingelassen werden. Die meisten Wartenden sind zwischen 20 und 30, also definitiv älter als wir. Dementsprechend nervös reihen wir in uns in die Schlange ein, die – je näher der Eingang rückt – eher einer Traube gleicht. Wobei: Vielleicht bin auch nur ich es, der nervös ist. Mein Kumpel A. gibt sich gelassen, setzt ein Pokerface auf. Was auch daran liegt, dass er im Gegensatz zur mir nicht nur seinen 18. Geburtstag, sondern auch seine Checker’s-Premiere bereits hinter sich hat.

Wir sprechen nicht.
Sein Blick sagt: Klar kommen wir rein.
Meine hochgezogene Augenbraue fragt: Und was wenn nicht?
A. zuckt kaum merklich die Achseln.

Anschließend werden wir Zeugen des üblichen Szene-Disco-Rituals: Im Prinzip würde es nur wenige Minuten dauern, die Gäste in den Laden zu schleusen. Stattdessen nickt der Türsteher immer wieder mal Leuten zu – meistens Zweier- oder Dreiergruppen, die an ihm vorbei ins Checker’s gehen. Mal sitzt er auf einem Bar-Hocker neben dem Eingang, mal verschwindet er ins Innere, von wo aus er die Menge durch eine Luke beobachten kann. Nach kurzer Pause kommt er wieder raus, und dann geht es weiter. Oft bevorzugt er Neu-Hinzugekommene – meistens Frauen, die weiter hinten in der Schlange stehen –, gibt ihnen mit einem Kopfnicken oder einem kurzen Zuruf das „Ihr seid die nächsten“-Signal, während er uns und andere, die schon länger warten, ignoriert.

Ins Checker’s passen 350 bis 450 Gäste, und voll ist es drinnen um diese Zeit noch lange nicht. Insofern geht es hier nicht darum die Schlange aufzulösen. Es geht darum, dass die Schlange bestehen bleibt, denn Szene-Discos ohne Schlangen vor der Tür sind wie Popstars ohne Chartplatzierung. Und vielleicht geht es auch darum, dass diejenigen, die nicht hinein gewinkt werden, irgendwann von selbst abziehen. Jedenfalls wagt es keiner, sich zu beschweren, das macht keinen Sinn, da kann man auch gleich nach Hause gehen.

Ich denke: Warum probieren wir das überhaupt? Besser in zwei, drei Jahren wiederkommen. Auf zwei Oberstufenschüler, die noch im „Hotel Mama“ wohnen, hat hier keiner gewartet. Wir könnten weiter in die Läden gehen, wo die Leute in unserem Alter oder jünger sind und jeder reingelassen wird, der nicht nach Ärger aussieht – in die Bhaggy Disco oder ins Tor3. Obwohl: A. war ja bereits zwei oder drei Mal im Checker’s, und warum sollte es heute nicht erneut funktionieren? Ohne dass wir uns abgesprochen haben, tragen A. und ich schwarze Jeans, mehr oder weniger schicke Hemden sowie sakkoähnliche Jacken, die man rückblickend womöglich mit „Miami Vice“ assoziieren würde. Keine Turnschuhe – Turnschuhe im Checker’s, das funktioniert nicht, sagen Leute, die es wissen müssen. Und in Begleitung von Frauen zu kommen, das sei auch besser, sagen sie, das hebe die Chancen. Leichter gesagt als getan.

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Flyer von 1996: In der zweiten Häflte der 1990er kehrte zwischenzeitlich der Glamour der Anfangszeit zurück ins Checker’s. 

Seinen überregionalen Ruhm verdankt das Checker’s nicht zuletzt einer Frau, die gerade mal ein Jahr älter ist als wir und in Presseberichten stets als „Düsseldorferin“ vorgestellt wird. Manchmal steht da auch: „Claudia Schiffer aus Rheinberg bei Düsseldorf“. Und weil ich vorher noch nie von diesem Rheinberg gehört hatte, habe ich es letztens auf der Karte gesucht. Man könnte ja meinen, Rheinberg sei so eine Art Ratingen oder Neuss, also quasi mit Düsseldorf zusammengewachsen. Von wegen: Nach Rheinberg fährt keine Straßenbahn, Rheinberg liegt weiter weg von Düsseldorf als Köln, 60 Kilometer Richtung Norden, irgendwo in der Nähe von Moers und Dinslaken. Der Legende nach ist die Schiffer 1987 im Checker’s vom Geschäftsführer einer wichtigen Modelagentur angesprochen, also entdeckt worden, und während wir hier 1989 auf Einlass warten, hat sie als neue Muse Karl Lagerfelds wahrscheinlich gerade in Paris eine Modenschau absolviert oder ist für das Cover der Elle oder der Vogue fotografiert worden.

Plötzlich, nach rund einer Viertelstunde Wartezeit, als die Menge vor der Tür wieder etwas kleiner geworden ist, und ich kurz davor bin, endgültig aufzugeben, schickt der Türsteher ein Nicken in unsere Richtung – und sagt: „Ihr beiden.“ Meint der wirklich A. und mich? Oder jemand hinter uns? Fast hätte ich mich umgedreht (schwerer Fehler!), doch zum Glück nimmt mein Kumpel A. bereits Kurs auf den Eingang. Ich folge. Fünf Sekunden später schließt sich die Tür hinter uns. An der Kasse erhalten wir unsere Verzehrkarten und spazieren eine Treppe empor, die zur eigentlichen Discothek führt. A. kennt sich aus, in mir duellieren sich Lampenfieber und Euphorie.

Oben gibt es neben mehreren Bars einen großen Club, der gar nicht so groß ist, und einen kleinen Club, der tatsächlich klein ist – beide mit jeweils eigener Musikbeschallung. Insgesamt um die 600 Quadratmeter, durchaus verwinkelt. Der Sound ist so laut, dass man sich kaum unterhalten kann, es laufen House und Funk und Disco, und der für den Haupt-Dancefloor verantwortliche DJ heißt Jimmy Radant (viel später erfahre ich, dass er ein paar Jahre zuvor auch schon im Ratinger Hof aufgelegt hat). Anfangs spielt er Clubhits und Klassiker, im Laufe der Nacht wird der Sound progressiver. Die Menge changiert zwischen „Nachwuchs-Model“, „Werbeszene“, “Ibiza“, „Künstlertyp“ und gar nicht so wenigen Leuten, die eher „normal“ wirken und sich schick angezogen haben, um für eine Nacht Teil dieses Ambientes zu werden. Auf jeden Fall habe ich noch nie so viele schöne Menschen auf so engem Raum erlebt, und sicher hofft die eine oder andere, von einem Model-Scout als nächste Claudia Schiffer auserkoren zu werden (Der Ruf des Checker’s erreicht übrigens auch Bergisch-Gladbach: Anfang der 1990er arbeitet Heidi Klum für kurze Zeit hinter der Bar).

Während 500 Meter Luftlinie entfernt in der Bhaggy Disco am Hauptbahnhof um Mitternacht die DJ-Ansage warnt, dass nun alle Unter-18-Jährigen den Laden verlassen müssen, geht im Checker’s die Nacht gerade erst los. Teenager-Nachtleben vs. Erwachsen-Nachtleben. Wir sind ein wenig stolz, es in dieser Nacht in die Erwachsenen-Liga geschafft zu haben, auch wenn wir das natürlich nicht zugeben würden. Lieber bestellen wir Wodka Lemon und tun so, als würden wir dazu gehören.

Mich fasziniert der kleine Club im Checker’s, der wie ein Wohnzimmer wirkt und in dem ein leicht abgerocktes Sofa am Rand steht. Dort scheinen die Gäste besonders enthusiastisch zu tanzen. Das hätte ich nicht erwartet, denn natürlich bin ich mit Vorurteilen hierhin gekommen. Ich meine: Viele in Düsseldorf sagen, das Checker’s sei ein schnöselig-oberflächlicher Jetset-Treff, wo alle nur blöd rumstehen und teure Markenklamotten zur Schau stellen, aber so einfach ist das eben nicht. Klar gibt es hier die „Sehen und gesehen werden“-Fraktion. Es gibt die Jeunesse dorée aus Oberkassel, Meerbusch und dem Zooviertel. Es gibt lokale Szene-Promis, die – so erzählt mir A. – Töchter oder Söhne stadtbekannter Familien sind. Es gibt „Wichtigtuer“, die auf „Tussis“ stehen – und andersherum. Es gibt aber auch viele Leute, die auf authentische Art und Weise aus dem Rahmen fallen und die rauschhafte Flüchtigkeit der Nacht durch ihre Persönlichkeit zelebrieren: Avantgardistische Musikliebhaberinnen, passionierte Tänzer, attraktiv-einnehmende Selbstdarsteller. Und dann sind da auch noch diese Typen mit langen, surfermäßigen Locken, die jeden, der „wichtig“ ist, zu kennen scheinen und womöglich Brüder sind.

Kurzum: Das Checker’s ist so, wie ich mir als Fast-Achtzehnjähriger „Glamour“ vorgestellt habe, das Checker’s ist Düsseldorfs Ibiza. Damals, als ich am frühen Morgen die positive Energie der tanzenden Menge spüre, denke ich: Diese Nacht an diesem Ort zu feiern – das ist genau richtig, das könnte nicht besser sein.

In meiner Erinnerung laufen beim ersten Checker’s-Besuch meines Lebens „Good Life“ und „Big Fun“ von Inner City sowie „Back to Life“ von Soul II Soul und „The Roof is on Fire“ von Westbam – aber vielleicht bilde ich mir das nur ein, vielleicht war das später. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass ich im Checker’s zum ersten Mal „The Power“ von Snap gehört habe, Wochen bevor das Stück 1990 im Radio lief und in die Charts kam. In jedem Fall bleiben wir bis fünf Uhr morgens, und während Stammgäste und Insider im gegenüberliegenden Café Schröder einen Absacker trinken oder ein Frühstück bestellen, machen wir uns auf den Nachhauseweg. Wie gesagt: vermutlich mit dem Fahrrad. Vielleicht sind wir aber auch zu Fuß gegangen oder haben die erste Straßenbahn genommen.

Zum Checker’s-Stammgast bin ich nie geworden, in den zehn Jahren nach meiner „Premiere“ aber um die dreißig Mal dort gewesen. Das Checker´s lebte im „Super-Model-Jahrzehnt“ von seinem Mythos als „Claudia-Schiffer-Disco“, wozu auch Claudia Schiffer höchstpersönlich beitrug: Zwei Mal besuchte sie den Ort ihrer Entdeckung gemeinsam mit ihrem Verlobten David Copperfield. Der Szene-Platzhirsch war das Checker’s da aber schon lange nicht mehr. Ab Mitte der Neunziger war es zeitweise geschlossen, die Betreiber wechselten. Dennoch kamen immer wieder auch Prominente als Gäste vorbei, etwa im Frühjahr 1999 die gesamte Mannschaft des FC Bayern, mit Mehmet Scholl, Mario Basler und Oliver Kahn. Kurz darauf, im Jahr 2000 war erst mal Schluss. Nach der Wiedereröffnung 2002 bis zur erneuten Schließung 2014, konnte das Checker’s nie an die glamourösen Zeiten anknüpfen, und wenn man heute „Checker’s Düsseldorf“ bei Google News eingibt, stößt man auf Schlagworte wie „Räumungsklage“, „Canabis-Plantage“ und „Disko-Schießerei“.

ICE T + Stefan Hollenberg im NOH Checkers Ende 90er
Ende der 1990er: „NOH Checker’s“-Macher Stefan Hollenberg (links) begrüßt Star-Gast Ice-T. Foto: noh-club.com

Zeitzeugen erzählen, die Phase nach der Eröffnung 1983 sei die beste gewesen. Und oft schwärmen sie dabei auch von der Disco, die vor dem Checker’s an gleicher Stelle residierte: das Malesh, wo unter anderen DJ Pippi auflegte, der später als Resident des Pacha auf Ibiza bekannt wurde, und wo man (wie auch in den frühen Checker’s-Jahren) unter den Gästen Mitglieder der Gruppen Kraftwerk und DAF erleben konnte. Eben dieser DJ Pippi sorgte mit dafür, dass in der zweiten Hälfte der Neunziger, also rund 15 Jahre nach seinen ersten Gigs vor Ort, zwischenzeitlich der „Ibiza-Spirit“ der Anfangszeit ins Checker’s zurückkehrte – als der NOH-Club von Stefan Hollenberg das Checker’s übernahm (zunächst sonntags, dann komplett) und Partyleute aus ganz Deutschland, Gast-DJs wie Tom Novy und Paul van Dyk und Star-Gäste wie Ice-T, Grace Jones und die Fine Young Canibals anreisten.

Auch meine persönliche Checker’s-Geschichte schließt einen Bogen: Sie endet fast genau zehn Jahre nach meinem ersten Besuch. 1999 geht im Checker’s eine Partyreihe zu Ende, die mehrere Jahre zu den besten der Stadt gehört hat: die „Uni-Nacht“. Stets am ersten Dienstag (!) im Monat, mit Andrang wie am Wochenende. Harte Tür, dafür günstige Getränkepreise. Eine Art Studi-Party deluxe, als Alternative zu den eher rustikalen Uni-Feten auf dem Campus. Zeitweise reicht die Schlange über die komplette Treppe bis in den Innenhof des Kö-Centers und sogar darüber hinaus. Sorgen reinzukommen muss ich mir keine machen: Der Türsteher und zugleich Macher der Party ist mein Kumpel A.

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Die Treppe im Kö-Center: einst die „Vorstufen“ zum Checker’s. Der ehemalige Eingang liegt über dem Kö-Center-Schild. Foto: Sebastian Brück

Weiterführende Informationen
Im 1967 eröffneten Kö-Center residierte in der oberen Galerie von 1977 bis 1982 die im orientalischen Stil eingerichtete Diskothek Malesh. Nach einem Umbau übernahm ab 1983 das Checker’s die Räumlichkeiten. In den 1980ern galt es als „die“ Szene-Disco der Stadt. Nach mehreren Umbauten und Betreiberwechseln war im Jahr 2000 Schluss. Nach der Wiedereröffnung 2002 schloss das Checker’s 2014 endgültig. Derzeit werden die Räumlichkeiten nicht mehr für Gastronomie genutzt.

Auf YouTube kann man sich in einem 18-Sekunden-Clip anschauen, wie das Checker’s Mitte der 1980er aussah. Auch kurz im Bild: DJ Jimmy Radant, der den Club durch seinen Sound zwischen Funk, House, Soul und experimentellen elektronischen Klängen prägte. Übrigens: Wie im Buch „Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf“ (Droste-Verlag) nachzulesen, spielte auf Radants Vermittlung u.a. die britische Electro-Musikerin Anne Clark ein Live-Konzert im Checkers.


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